Wissen : Mädchen und Mathe

Was deutsche Jugendliche können – und was nicht

Amory Burchard
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Auch im dritten Durchgang seit dem ersten Pisa-Test im Jahr 2000 bleibt die Bildungsstudie ein faszinierender Spiegel der Schulleistungen 15-jähriger Jugendlicher. Denn es geht bei weitem nicht nur um Ranglisten: Hinter der gemischten deutschen Bilanz bei Pisa 2006 mit einem guten 13. Platz unter 57 Teilnehmerstaaten in den Naturwissenschaften und mittelmäßigen Rängen in Mathematik (Platz 20) und Lesen (Platz 18) stehen spannende Details. Faszination Pisa – im Folgenden dokumentieren wir exemplarische Ergebnisse.

Naturwissenschaften

Die Naturwissenschaften waren 2006 erstmals Schwerpunkt der Studie. Das deutsche Abschneiden – unter den 30 teilnehmenden OECD-Staaten wird Rang 8 erreicht – ist erfreulich. Aber beim Spitzenreiter Finnland liegen die Schüler in ihrer Kompetenzentwicklung 1,5 bis zwei Jahre vor den Deutschen.

Untersucht wurde unter anderem, inwieweit Schülerinnen und Schüler in der Lage sind, naturwissenschaftliche Fragestellungen zu erkennen, naturwissenschaftliche Phänomene zu beschreiben und naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu nutzen und zu interpretieren, um Entscheidungen zu treffen. Weltweit zeigt sich hier eine Geschlechterdifferenz: Mädchen können besser Fragestellungen erkennen, Jungen besser Phänomene erklären. Insgesamt schnitten aber Mädchen und Jungen in den Naturwissenschaften gleich gut ab – ganz anders als in Mathematik und Lesen.

Pädagogischer Zündstoff liegt in den sechs Kompetenzstufen, denen die Leistungen zugeordnet werden. Erreicht ein hoher Prozentsatz der Schüler lediglich Stufe 1 (Wissen „kann nur auf wenige bekannte Situationen angewendet werden“; Schüler sind „nicht in der Lage, offensichtliche naturwissenschaftliche Erklärungen zu liefern) oder gar darunter, ist das Unterrichtskonzept infrage gestellt. Und die weitere Schullaufbahn sowie die Berufsaussichten der Schüler sind in Gefahr. In Deutschland betrifft das 15,4 Prozent, im OECD- Durchschnitt 19,2 Prozent. Dagegen stehen 11,8 Prozent der deutschen Schüler auf Kompetenzstufe 5 oder 6. Sie können naturwissenschaftliches Wissen „in einer Vielzahl komplexer Lebenssituationen erkennen, erklären und anwenden“ – und sind für naturwissenschaftliche Studiengänge bestens vorbereitet. Allerdings geben 40 Prozent dieser hoch kompetenten Schüler an, sich nicht für Naturwissenschaften zu interessieren.

Mathematik

Die Spitzengruppe der deutschen Schüler, die in der Mathematik Kompetenzstufe 6 erreichen, ist mit 4,5 Prozent klein, aber größer als im OECD-Durchschnitt von 3,3 Prozent. Dagegen liegen in Deutschland 19,9 Prozent auf oder unter Stufe 1 (Schüler können „Routineverfahren in unmittelbar zugänglichen Situationen anwenden“). Auch ihnen wird attestiert: Sie werden „vermutlich im weiteren Ausbildungs- und Berufsleben erhebliche Probleme haben“. Erwartungsgemäß besuchen die meisten dieser Schüler die Hauptschule. Gymnasiasten sind ihnen im Mittel um 171 Pisa-Punkte – das sind gut vier Schuljahre – und um fast drei Kompetenzstufen voraus. 35 bis 40 Punkte entsprechen einem Schuljahr.

Besorgniserregend ist auch der große Kompetenzabstand zwischen Mädchen und Jungen von 20 Pisa-Punkten. 2003 lag er noch bei neun Punkten – im OECD-Durchschnitt liegt er dagegen konstant bei 11 Punkten. Die deutschen Pisa-Forscher fordern „spezielle Unterrichtsansätze zur Förderung von Mädchen“.

Lesen

Auch im Lesen, das als Grundkompetenz schlechthin gilt, ist der Anteil der deutschen Schüler auf oder unter der untersten Kompetenzstufe mit 20 Prozent hoch. Diese Jugendlichen können bestenfalls „explizit angegebene Informationen in einer vertrauten Textart und bei einem einfach geschriebenen Text auffinden“. Dabei hat sich die Lesekompetenz gerade im unteren Leistungsbereich leicht verbessert: Bei Pisa 2000 lag der Anteil schwacher Leser noch bei 22,6 Prozent. Die höchste Kompetenzstufe 5 erreichen nach der aktuellen Studie 9,9 Prozent.

Und wieder gibt es eklatante Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen. In Deutschland sind die Mädchen um 42 Punkte besser (OECD-Durchschnitt: 38 Punkte). 45 Prozent der Jungen stimmen der Aussage zu, sie würden „nicht zum Vergnügen lesen“. Amory Burchard

Pisa 2006 im Internet:

http://pisa.ipn.uni-kiel.de/zusammenfassung_PISA2006.pdf

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