Mangel an Grundschullehrern in Berlin : Senatorin Scheeres greift ein

In Berlin herrscht akuter Mangel an Grundschullehrern. Jetzt will Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) deutlich mehr Studienplätze schaffen

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Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will mehr Studienplätze für Grundschullehrer schaffen. Das Foto zeigt sie beim Sportunterricht einer Willkommensklasse an der Grundschule am Fließtal.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will mehr Studienplätze für Grundschullehrer schaffen. Das Foto zeigt sie beim...Foto:Jörg Carstensen/picture alliance / dpa

In Berlin herrscht ein dramatischer Mangel an Grundschullehrerinnen- und lehrern. Fast 1000 im Jahr 2016 zu besetzenden Stellen stehen nur 175 fertig ausgebildete Referendare gegenüber. Die Universitäten bilden jedoch viel zu wenige Grundschulpädagogen aus, um den steigenden Bedarf zu decken. Dabei ist die Nachfrage enorm. So gab es im Herbst auf 117 Plätze in Grundschulpädagogik mit dem Kernfach Deutsch an der Humboldt-Uni 1972 Bewerbungen. Mindestens die Abinote 2,4 war nötig, um einen Studienplatz zu bekommen. Der Senat hat den Grundschullehrermangel erst spät erkannt. Jetzt steuert Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) energisch um. Am Montagfrüh schloss sie mit den Präsidenten der beiden großen Universitäten eine Sondervereinbarung ab. Die Freie Universität und die Humboldt-Universität werden ihre Studienplätze für das Lehramt an Grundschulen deutlich ausbauen. Gegenüber dem Wintersemester 2013/2014 sollen die Plätze fast vervierfacht werden. Der Senat schießt frisches Geld zu, so dass die Unis neue Professuren schaffen können.

Im vergangenen Wintersemester 2015/2016 hatten die beiden großen Universitäten laut Scheeres 282 Studienplätze fürs Lehramt an Grundschulen. Schon im kommenden Oktober sollen sie 540 Plätze für Erstsemester anbieten. Im Jahr darauf, im Wintersemester 2018/2019, sollen dann 570 Plätze erreicht sein. Weitere 30 Plätze sollen an der Universität der Künste entstehen, wie Scheeres auf Nachfrage sagte. Diese würden aber erst in den neuen Hochschulverträgen für die Zeit ab dem Jahr 2018 fixiert.

Die Humboldt-Universität überbucht ihre Plätze stark

Die HU schultert den größeren Teil des Aufwuchses. Sie soll ihre Plätze zum Wintersemester 2018/2019 um 198 auf 330 aufstocken. Die FU richtet 90 neue Plätze ein und kommt im Herbst 2018/2019 auf 240 Plätze. In diesem Jahr bekommen beide Unis dafür jeweils 300.000 Euro vom Land. Im kommenden Jahr bekommt die FU dann eine Million Euro zusätzlich, die HU 1,5 Millionen Euro. Die Universitäten verpflichten sich, im Master jedem Grundschul-Bachelorabsolventen einen Platz bereit zu stellen. Die Kompetenzen von Bachelorabsolventen aus anderen Bundesländern sollen von den Berliner Unis wohlwollend geprüft werden. Ziel ist, den Master möglichst voll zu besetzen.

Die Universitäten können neue Professuren schaffen, aber: "Der Markt ist leergefegt"

Olbertz sagte, die Unis hätten die Sondervereinbarung unter der Prämisse unterschrieben, dass der Ausbau qualitativ hochwertig erfolgt, also nicht mit massenhaft zusätzlichen Lehrbeauftragten gearbeitet wird, sondern zusätzliche Professuren eingerichtet werden. Tatsächlich kann die Humboldt-Universität nun vier zusätzliche Professuren schaffen (in den Besoldungsgruppen W2 und W3). Dazu solle auch jeweils eine adäquate Ausstattung mit wissenschaftlichen Mitarbeitern gehören. Die FU will zunächst drei Professuren in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Sachkunde schaffen, wie FU-Präsident Peter-André Alt sagte. Eine oder zwei weitere Professuren wolle die FU danach in der Sonderpädagogik einrichten. Bislang gibt es dieses Gebiet nur an der HU. Mit der reformierten Lehrerbildung, die seit dem Herbst in Kraft ist, müssen jedoch alle Pädagogen Basiswissen im Bereich Inklusion erwerben. Es sei jedenfalls im Moment nicht leicht, Professuren in Grundschulpädagogik zu besetzen, sagte Alt. „Der Markt ist leergefegt.“ Die Unis müssten mehr Nachwuchs heranziehen. Olbertz wünscht sich auch promovierte Grundschullehrer. Sie sollten die wissenschaftliche Kooperation mit den Universitäten beleben.

Unter den Studierenden der Grundschulpädagogik sind kaum Abbrecher

Scheeres verteidigte sich noch einmal gegen die Kritik der letzten Monate. „Die Situation hat sich anders entwickelt als erwartet“, sagte sie. Das Land sei von einem Rückgang der Schülerzahlen ausgegangen. „Klar, die Pensionierungsabgänge sind bekannt“, sagte Scheeres. Aber zusätzlich seien viele Pädagogen auf Teilzeit gegangen, der Inklusionsbedarf habe weitere Stellen geschluckt, wie auch das neue Praxissemester Stellen schlucke. Nicht zuletzt seien in kürzester Zeit 20.000 Flüchtlinge ins Schulwesen integriert worden. Außerdem blieben nicht alle Lehrerabsolventen in Berlin.
Im Moment sind von den insgesamt 10.704 Stellen für Grundschullehrkräfte in Berlin 245 mit Quereinsteigern besetzt, 738 mit Studienräten, erklärte Scheeres. An hohen Abbruchquoten liegt es jedenfalls nicht, wenn zu wenig Grundschullehrer die Unis verlassen. 95 Prozent der Studierenden bleiben bis zum Schluss dabei, erklärten die Uni-Präsidenten übereinstimmend. Anders ist es laut FU-Präsident Alt bei den anderen Lehrämtern. Dass die FU die vom Senat insgesamt vorgeschriebene Absolventenzahl beim Lehramt in den vergangenen Jahren nicht erreichte, liege letztlich an der zu geringen Nachfrage, vor allem bei den Naturwissenschaften. Die FU wolle versuchen, Schüler, die zu Kurs- oder Abifahrten nach Berlin kommen, auf Campus-Touren fürs Lehrerstudium zu gewinnen, sagte Alt.

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