Mark Zuckerberg über "tabuisiertes Thema" : "Eine Fehlgeburt ist eine einsame Erfahrung"

Mark Zuckerberg hat offen die Fehlgeburten seiner Frau zur Sprache gebracht - und damit eine Debatte über ein vermeintliches Tabu ausgelöst. Die Trauer über den Verlust sollte ernst genommen werden. Manch gut gemeinter Zuspruch verletzt zusätzlich.

von
Symbol des Verlusts. Zwei gelbe Babyschuhe auf dem Schutzgitter eines Kinderbetts.
Schmerzende Leere. Die Narben von Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch sind oft sehr tief.Foto: science photo Fotolia

Zuerst die positive Neuigkeit. Mark Zuckerberg teilte sie nicht nur seinen Facebook-Freunden mit, sondern aller Welt. Der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Facebook, und seine Frau Priscilla Chan erwarten eine Tochter. Dreimal hatte zuvor die Hoffnung auf ein Kind in einer Fehlgeburt geendet. „Es ist eine einsame Erfahrung“, schreibt der 32-Jährige. Und fügt hinzu, in einer „offenen und vernetzten Gesellschaft“ könne und solle man negative Erfahrungen wie diese mit vielen anderen Menschen teilen.

In Medienberichten wurde aus der Fehlgeburt danach schnell ein „tabuisiertes Thema“. Ist sie das wirklich? Ein Blick in einschlägige Internet-Foren zeigt, dass sich vor allem betroffene Frauen darüber austauschen. Sicher ist: Fehlgeburten sind nicht selten. Rund 15 Prozent der Schwangerschaften enden so. Zählt man all die Fälle hinzu, in denen unbemerkt ein Embryo im ganz frühen Stadium abstirbt, dann ist es Schätzungen zufolge sogar die Hälfte. „Oft ist nur die Menstruation verzögert, die Frau hat die Schwangerschaft gar nicht bemerkt“, sagt Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin der Charité.

Zwei Fehlgeburten in Folge sollten die Suche nach den Ursachen nach sich ziehen

Die Gründe sind vielfältig. Anomalien in der Anzahl oder Struktur der Chromosomen, die mit dem Alter der werdenden Mutter zunehmen, Durchblutungsstörungen, Probleme mit der Einnistung der befruchteten Eizelle, Fehlbildungen der Gebärmutter oder gutartige Geschwulste (Myome), hormonelle Probleme, Diabetes, nicht zuletzt Schilddrüsenerkrankungen oder Infektionen. „Wenn eine Frau zwei Fehlgeburten in Folge erlebt hat, sollte ordentlich nach den Ursachen gesucht werden“, sagt Henrich.

Denn zumindest einige der Schwierigkeiten kann die Medizin aus dem Weg räumen. Bei operativen Eingriffen, etwa Ausschabungen der Gebärmutter, sei man allerdings vorsichtiger als früher. Sie erhöhen in einigen Fällen das Risiko für Komplikationen bei der nächsten Schwangerschaft. Im Zweifelsfall könne es sich lohnen, die Meinung eines zweiten Arztes einzuholen, sagt Henrich. Rat in sozialen Netzwerken zu suchen, sei dagegen problematisch, betont der Fortpflanzungsmediziner Heribert Kentenich, Leiter des Fertility Center Berlin – schon weil gegen einige Ursachen kein Kraut gewachsen ist: „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass über die Internetgemeinde therapeutische Vorschläge gemacht werden, die sinnlos sind.“

Mancher tröstliche Rat verletzt eher

Er könne Mark Zuckerbergs Trauer verstehen, sagt Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am St.-Josef-Krankenhaus in Berlin-Tempelhof. „Das Wort Tabuisierung trifft es aber nicht. Paare, die einen Abort erleiden, erfahren zunächst meist viel Anteilnahme aus ihrem engsten persönlichen Umfeld." Nicht alles, was als Trost gemeint ist, könne dabei als solcher angenommen werden. Schwierig ist etwa der Hinweis darauf, dass die Frau ja noch jung sei und bald wieder schwanger werden könne. Gut gemeinter Zuspruch dieser Art dürfte aber online nicht seltener kommen als offline. Und er wird mit jeder weiteren Fehlgeburt problematischer. „Die seelischen Narben von Menschen, die sich einige Zeit vergeblich ein Kind wünschen, sind oft gewaltig", sagt Abou-Dakn. Besonders intensiv sei die Trauer, wenn werdende Eltern ihr Kind sehr spät in der Schwangerschaft verlieren oder wenn das Kind kurz nach der Geburt stirbt.

Doch auch wenn es ganz früh passiert und von der Umwelt gar nicht bemerkt wird, ist ein solches Ende schlimm. „Es ist wichtig, jede Fehlgeburt als den Verlust eines Menschen zu würdigen“, sagt Abou-Dakn. Prinzipiell dürfe man eine Fehlgeburt nie banalisieren, mahnt auch Henrich. Kliniken sollten psychologische Gesprächsangebote machen – aber auch akzeptieren, wenn die Trauernden lieber ohne fachliche Unterstützung mit der Situation klar kommen wollen.

Trauer teilen mit jenen, die einem am nächsten sind

„Wir haben psychologisch gesehen verschiedene ‚Schalen'“, sagt der Arzt und Psychotherapeut Kentenich. „Viele Dinge machen wir mit uns allein aus, und das ist gut so. Dann wollen wir die Trauer mit denjenigen teilen, die uns am nächsten sind.“ Die meisten Paare schaffen das. Selbst bei dauerhaft unerfülltem Kinderwunsch sind ihre Beziehungen genauso stabil wie die von Paaren, die Eltern werden, stellte der Psychologe Tewes Wischmann von der Kinderwunsch-Sprechstunde der Uni Heidelberg fest.

Es gibt ein anderes Thema, das die Kriterien des „Tabus“ eher erfüllt als das der Fehlgeburten: Was tun, wenn sich bei einer Ultraschalluntersuchung herausstellt, dass das Ungeborene schwere Fehlbildungen hat? Trotz gynäkologischer und humangenetischer Beratung fühlen sich Paare dann ganz besonders allein. „Zwar werden maximal zwei Prozent der Schwangerschaftsabbrüche wegen schwerer angeborener Fehlbildungen vorgenommen. Aber die Entscheidung ist für die Paare sehr schwierig“, sagt Henrich. Trägt die Frau das Kind aus, dann geht das oft mit der Angst einher, in Zukunft sozial isoliert zu sein. Paare, die sich „gegen das Kind entscheiden“, wagen umgekehrt oft nicht, von ihrer Trauer zu sprechen. Sodass sie in ihrem Leid wirklich „mit sich allein kämpfen“, wie Mark Zuckerberg jetzt formulierte. Man wünscht ihm und allen anderen, die um ein Kind trauern, dass ein Posting bei Facebook nicht die einzige Alternative ist.

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben