Masernausbruch in Berlin : Was Sie zum Thema Masern wissen sollten

Berlin erlebt derzeit einen heftigen Masernausbruch, ein kleiner Junge ist an der Krankheit gestorben. Damit entbrennt eine Debatte über eine Impfpflicht. Was spricht dafür und was dagegen?

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Auch Erwachsene können sich noch impfen lassen.
Auch Erwachsene können sich noch impfen lassen.Foto: Lukas Schulze/dpa

Gerade eineinhalb Jahre alt war der Junge, der in Reinickendorf offenbar durch eine Maserninfektion gestorben ist. Am Montag musste außerdem eine Schule im südlichen Lichtenrade schließen. Insgesamt haben sich in Berlin seit letztem Herbst mehr als 570 Menschen mit Masern angesteckt, mehr als bei jedem anderen Ausbruch seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes 2001. Ein Ende ist nicht abzusehen. Denn in der Hauptstadt trifft eines der ansteckendsten Viren der Welt auf besonders viele Ungeimpfte.

Wie kam es zu dem Ausbruch?

Seit Februar 2014 gibt es einen Masernausbruch in Bosnien und Herzegowina mit Tausenden Erkrankten. Wegen des Bürgerkrieges wurden dort zwischen 1992 bis 1995 etwa die Hälfte der Kinder nicht oder unzureichend gegen Masern geimpft. Da in Berlin unter anderem Menschen aus Bosnien und Herzegowina Asyl beantragen, breitete sich das Virus zuerst in Flüchtlingsheimen aus. Mittlerweile treten die meisten Erkrankungen aber in der Berliner Bevölkerung auf.

Sind Masern nicht einfach eine Kinderkrankheit?

Nur etwa 60 Prozent der deutschen Eltern halten Masern für gefährlich. Das geht aus dem Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung hervor. Dabei ist die Infektion alles andere als harmlos. Bevor in den sechziger Jahren Impfstoffe entwickelt wurden, starben jedes Jahr weltweit bis zu zwei Millionen Kinder an dem Virus. Masern schwächen das Immunsystem wochenlang. Drei von zehn Patienten haben Komplikationen, einer von 20 eine Lungenentzündung, einer von 1000 eine folgenreiche Entzündung des Gehirns. Es gibt keine Therapie, selbst in reichen Ländern wie Deutschland sterben noch immer einer oder zwei von 1000 Patienten. Eines von 3300 Kindern unter fünf Jahren erleidet viel später eine Infektion des Gehirns. Diese sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) führt erst zum Verlust aller geistigen Fähigkeiten und endet in einer Art Wachkoma. Sie verläuft immer tödlich. In Berlin musste bisher ein Viertel der Infizierten ins Krankenhaus, schreibt das Landesamt für Gesundheit und Soziales in seinem Wochenbericht.

Wie gut schützt die Masernimpfung?

Sehr gut und lebenslang. Allerdings reagiert nicht jedes Kind gleich auf den Impfstoff, drei bis fünf Prozent bauen nach der ersten Spritze gar keinen Schutz auf. Nach der zweiten Impfung holen das mehr als 90 Prozent von ihnen nach. Der zweite Piks ist also keine Auffrischung. Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nach keiner Impfung.

Wer sollte sich impfen lassen?

Die erste Impfung der Kinder sollte zwischen dem 11. und 14. Lebensmonat erfolgen, die zweite mindestens vier Wochen später. Kleinkinder, die in eine Kita gehen sollen, kann man bereits ab dem neunten Monat gegen Masern impfen lassen. Fast 60 Prozent der Berliner Kinder sind vor dem zweiten Geburtstag durch beide Impfungen geschützt – weniger als im Bundesdurchschnitt. Viele andere werden erst im Kindergartenalter geimpft.  Bei den Schuleingangsuntersuchungen sind es nach Angaben des Landesamts 90,9 Prozent.

Die Impfung wird oft aus praktischen Gründen verschoben, wie Zeitproblemen oder wegen einer anderen Erkrankung des Kindes. Die Hälfte der Eltern hält die Impfung jedoch für nicht notwendig, fürchtet sich vor einer Belastung des Kindes oder hat Angst vor Nebenwirkungen, heißt es im Versorgungsatlas. Die Impfbereitschaft der Mütter ist unter den Hochqualifizierten besonders gering.

Kann man die Impfung nachholen?

Ja, auch im Erwachsenenalter. Menschen, die älter als 45 Jahre sind, hatten vermutlich als Kind die Masern und sind lebenslang geschützt. Für sie ist die Impfung nur ratsam, wenn sie mit einem Masernkranken direkten Kontakt hatten. Eine erhebliche Impflücke besteht jedoch bei den Jahrgängen ab 1970. Viele wurden gar nicht oder nur einmal geimpft. Ein Blick in den Impfpass klärt, ob man zu dieser Gruppe gehört. Wer sich nicht nachträglich impfen lässt, riskiert zum einen die Ansteckung. Sie geht bei Erwachsenen besonders oft mit Komplikationen einher. Zum anderen bringt dies jene in Gefahr, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Weil viele Erwachsene nicht geimpft sind, konnte der aktuelle Masernausbruch auf die Berliner Bevölkerung übergreifen.

Warum gefährden Ungeimpfte nicht nur sich, sondern auch andere Menschen?

In Berlin sind Kinder unter einem Jahr besonders durch den Masernausbruch betroffen. Sie konnten noch nicht geimpft werden und müssen – wie Erwachsene – besonders oft wegen der Masern ins Krankenhaus. Nicht geimpft werden können auch immungeschwächte Kinder, die zum Beispiel aufgrund einer Krebserkrankung keinen ausreichenden Impfschutz aufbauen können. Sie sind darauf angewiesen, dass ihr Umfeld frei von Masern ist. Der Herdenschutz der Schwächsten funktioniert allerdings nur, wenn sich 95 Prozent der Bevölkerung zwei Mal gegen Masern impfen lassen. Dann wird die Impfung zu einem Schirm, der über alle gespannt ist. Drängen Menschen darunter, die die Impfung ablehnen oder vergessen, zerreißt er.

Die Ärztekammer Berlin hat sich in einer aktuellen Stellungnahme nach dem Tod eines Kindes an Masern gestern klar für eine Masern-Impfpflicht für alle Kinder ausgesprochen, die eine Kita oder Schule besuchen. Angesichts der allgemeinen Schulpflicht würde dann im Normalfall an der Masern-Impfung von Kindern vor der Einschulung kein Weg vorbei führen. „Dieser sehr traurige Fall zeigt deutlich, dass es sich bei Masern nicht um eine harmlose Kinderkrankheit handelt“, erklärte Kammerpräsident Günther Jonitz am Montag.

Gibt es heute mehr immungeschwächte Kinder?
Die Zahl genetisch bedingter Störungen des Immunsystems hat sich nicht verändert. „Doch da sich unsere therapeutischen Möglichkeiten verbessert haben, können wir mehr Kindern helfen, indem wir medikamentös das Immunsystem zeitweise oder dauerhaft unterdrücken“, sagt sagt Ulrich Heininger, Spezialist für kindliche Infektionskrankheiten am Universitäts-Kinderspital in Basel und Sprecher der Kommission für Impffragen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. „Damit gehen wir etwa gegen Krankheiten aus dem rheumatischen Bereich vor, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper attackiert. Es geht aber auch um bestimmte Krebsbehandlungen.“ Meist seien die Kinder mit einer therapiebedingten Immunschwäche keine Säuglinge mehr. „Es ist gut, wenn die Kinder geimpft sind, bevor eine Krankheit auftritt, die ein Impfhindernis darstellt“, sagt Heininger. Und es sei extrem wichtig, dass die ungeimpften Kinder mit einer Immunschwäche nur von Geimpften umgeben sind.

Wie können Kinderärzte ihre wegen einer Immunschwäche oder aus Altersgründen ungeimpften kleinen Patienten schützen?

Schon weil die Kinderärzte einen Schwerpunkt ihrer Aufgaben in der Beratung sehen, werden sie ungeimpften Kindern aus impfskeptischen Familien nicht die Tür weisen. „Viele Kinderärzte verfügen in ihrer Praxis über einen eigenen Raum, in dem Patienten warten können, bei denen Verdacht auf eine ansteckende Krankheit besteht“, berichtet Sybille Lunau, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Hat die Masernimpfung Nebenwirkungen?

Ja. Doch im Vergleich zu der Infektion und angesichts des lebenslangen Schutzes, den sie verleiht, sind die Nebenwirkungen milde. Besonders häufig rötet sich die Einstichstelle, bis zu fünf von 100 Impflingen klagen über Kopfschmerzen, Mattigkeit, erhöhte Temperatur und Magen-Darm-Beschwerden. Bei zwei von 100 Geimpften kommt es zu nicht-ansteckenden „Impfmasern“ (siehe Grafik).

Verursacht die MMR (Mumps, Masern, Röteln)-Impfung Autismus?

Nein. Den Mythos setzte 1998 ein britischer Arzt in die Welt. Andrew Wakefield hatte im Fachblatt „Lancet“ von zwölf Kindern berichtet, die nach der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) autistisch wurden oder ein Reizdarmsyndrom bekamen. Doch kein anderer Forscher konnte diesen Zusammenhang nachweisen – im Gegenteil, große Studien widerlegten die Annahme. Schließlich kam heraus, dass Wakefield den Inhalt von Patientenakten verzerrt dargestellt hatte, die Studie war eine Fälschung. Das Magazin zog die Veröffentlichung zurück. Was Wakefield außerdem verschwieg: Er hielt ein Patent für eine andere Impfung. Und die Anwaltskanzlei, die die Eltern vermeintlich geschädigter Kinder vertrat, zahlte ihm 3,5 Millionen Pfund. Wakefield verlor wegen professionellen Fehlverhaltens in Großbritannien seine Approbation. Die Behauptung, die MMR-Impfung würde Autismus verursachen, geistert jedoch weiter durchs Netz und verunsichert Eltern.

Warum beharren so viele Eltern darauf, ihre Kinder nicht impfen zu lassen?

Hier kommt vermutlich ein psychologischer Effekt zum Tragen, ergaben die Untersuchungen von Brendan Nyhan von der Universität Dartmouth und Jason Reifler von der Universität Exeter. Eltern akzeptierten in einer Studie zwar die Information, dass ein Mythos als solcher entlarvt war. Sie verweigerten sich der Impfung aber umso vehementer, schreiben die Forscher im Fachblatt „Vaccine“. Diesen paradoxen Effekt erklären Nyhan und Reifler damit, dass Menschen ihre Einstellungen verteidigen. Haltungen entstehen über längere Zeit und eher unbewusst, die passenden Argumente werden dann erst gesucht. Fällt eines weg, wird es durch das nächste ersetzt.

Eine lang gehegte Skepsis aufzugeben, bereitet dagegen enormes Unbehagen. Egal um welches Thema es geht. Wurde den Eltern nur die Risiken der Erkrankung geschildert, ließen sich sie gar nicht beirren – weder durch eine sachliche Darstellung noch durch dramatische Krankengeschichten. Diese Erfahrung bestätigen Eltern, deren Kind an tödlichen Masern-Spätfolgen erkrankte. „Impfgegner kann man nicht belehren, die wissen alles besser“, sagt zum Beispiel Anke Schönbohm. Ihr Sohn lag viele Jahre in einer Art Wachkoma. Er verstarb am 10. Februar.

Wie viele impfskeptische Ärzte gibt es?
Der Ärztekammer Berlin sind hierzu keine Zahlen bekannt. „Insgesamt spielt Impfskepsis von Ärzten eine marginale Rolle, vor allem wenn es um Grundimmunisierungen wie die denen gegen Masern, Mumps, Röteln, Diphtherie und Tetanus geht“, versichert Sascha Rudat, Sprecher der Berliner Ärztekammer. Genaue Zahlen zu erheben sei schwierig, zumal die Skepsis gegenüber verschiedenen Impfungen ganz unterschiedlich ausgeprägt ist. Generell seien aber nicht impfskeptische Ärzte das Problem, sondern eher andere Informationsquellen, in denen etwa die Masern als harmlose Kinderkrankheit dargestellt werden.

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