Masterstudium : Warteschleife mit Hartz IV

Nach dem Bachelor vor verschlossenen Türen: Es mangelt dramatisch an Masterstudienplätzen – jedenfalls an manchen Hochschulen und in bestimmten Fächern.

von und Lissy Kaufmann und Tilmann Warnecke
Drangvolle Enge. Ostdeutsche Unis melden allerdings noch freie Masterplätze.
Drangvolle Enge. Ostdeutsche Unis melden allerdings noch freie Masterplätze.Foto: dpa

Der Mangel ist ungleich verteilt. Wie berichtet gingen an der Humboldt-Universität 5500 Bewerbungen für 1800 Plätze ein, an der FU bewarben sich 6800 Bachelorabsolventen auf 2315 Masterplätze. Die TU erhielt 2856 Bewerbungen für 1380 Plätze. Einen bundesweiten Überblick über das Verhältnis von Angebot und Nachfrage gibt es jedoch nicht.

Wie viel Platz im Master ist

Die Länder haben den Hochschulen keine Quoten vorgegeben. Dafür, wie die Kapazitäten verteilt werden, geben nur Anfänger- und Studienplatzzahlen Anhaltspunkte. In Baden-Württemberg nahmen im vergangenen Jahr 54 579 Erstsemester ein Bachelor-Studium auf. Die Hochschulen bieten aber laut Wissenschaftsministerium derzeit nur 12 000 Masterplätze an. Bliebe es dabei, würde nur jeder fünfte Bachelor einen Masterplatz bekommen. Noch sei es im Master aber „nicht voll“, versichert eine Sprecherin. Weil im Südwesten die meisten Hochschulen die neuen Abschlüsse erst spät eingeführt haben, gibt es erst wenige Bachelor-Absolventen. Wenn große Kohorten abschließen, könnten die Unis noch mehr Masterplätze schaffen, sagt die Sprecherin.

In Nordrhein-Westfalen, das früh auf den Bachelor umgestellt hat, bieten die staatlichen Unis in diesem Studienjahr etwa 18 500 Masterplätze an, heißt es aus dem Ministerium. Im vergangenen Jahr nahmen aber 93 000 Bachelor-Anfänger das Studium auf.

An der Uni Köln gebe es durchaus Masterstudiengänge, wo die zwei- bis dreifache Menge an Bewerbungen auf die vorhandenen Plätze eingegangen sei, sagt eine Sprecherin. In der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät hätten sich im Fach Business Administration etwa 1700 Bachelorabsolventen auf 215 Plätze beworben. Die Durchschnittsnote, mit der man noch angenommen wurde, lag bei 1,9. Kölner Absolventen, die leer ausgingen, seien „sehr verärgert“, doch die Uni sähe sich nicht in der Lage, die Kapazität auszuweiten. In der Philosophischen Fakultät habe die Bewerberzahl durchweg unter den angeboten Plätzen gelegen. Trotzdem verlangte die Uni gute Durchschnittsnoten, in Medienwissenschaften brauchte man mindestens eine 2,0 um zugelassen zu werden, in Geschichte und Germanistik eine 2,5. An der Uni Frankfurt/Main sind von 41 Masterstudiengängen elf zulassungsbeschränkt. In diesen Fächern gab es 1600 Bewerbungen auf 552 Studienplätze. Besonders gefragt waren Internationale Studien, Management und Wirtschaftspädagogik.

Wo Plätze frei geblieben sind

Im Osten heißt es hingegen allerorten: Die Masterstudiengänge sind nicht vollgelaufen. Die rund 2000 Masterplätze an der Universität Jena seien bei weitem nicht alle besetzt, sagt Studiendezernentin Eva Schmitt-Rodermund. Die Universität habe noch sehr wenige eigene Absolventen, die in den Master gehen wollen. Aus anderen Bundesländern habe es in einigen stark nachgefragten Fächern aber viele Bewerber auf Masterplätze gegeben, etwa in Psychologie. Problematisch seien allerdings Mehrfachbewerbungen. „Die Leute bewerben sich wie die Teufel, aber am Ende kommen sie nicht“, sagt Schmitt-Rodermund. Gleichwohl seien nicht alle Bewerber aufgenommen worden. Wer Bedingungen wie Sprachkenntnisse oder sehr gute Noten in Teilbereichen nicht erfülle, werde abgelehnt.

Auch an der Uni Hannover sind die Masterplätze derzeit nur zur Hälfte gefüllt, sagt ein Sprecher. Allerdings habe auch Hannover erst spät den Bachelor eingeführt. Aus der LMU München heißt es, wegen der späten Umstellung biete die Uni bisher kaum Masterstudiengänge an.

Welche finanziellen Folgen abgelehnte Bewerbungen haben

Wer auf seinen Masterplatz warten muss, bekommt auch finanzielle Probleme. „Die Zeit zwischen dem Bachelor-Abschluss und der Aufnahme eines Masterstudiums ein oder zwei Semester später wird nicht gefördert“, sagt Christian Gröger, Leiter des Berliner Bafög-Amts. Wer kein Einkommen hat, müsse Hartz IV beantragen.

„Wir raten Studenten, die zwangsweise Wartesemester einlegen müssen, ihre Ansprüche beim Jobcenter durchzusetzen“, sagt Beatrix Gomm, Leiterin der Sozialberatung des Berliner Studentenwerks. Denn die bezirklichen Jobcenter würden Bachelorabsolventen oft erst einmal ablehnen, weil sie Studenten seien. Doch wer nach dem ersten Abschluss sozial bedürftig ist und eine eigene Wohnung hat, habe Anspruch auf ALG II, betont Gomm. Gleichzeitig ermuntere die Sozialberatung die Absolventen aber auch, sich um einen Job zu bemühen – und nach einigen Jahren einen Master aufzusatteln.

Beim Jobcenter wird denn auch „erwartet, dass man sich umgehend um Arbeit bemüht“, sagt Uwe Mählmann, Sprecher der Berliner Arbeitsagenturen. Wenn ein Bachelorabschluss nicht zu einem klaren beruflichen Profil geführt habe, „wird nach alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten gesucht.“

Wie die Wirtschaft den Bachelor akzeptiert

Studierende wechseln auch deswegen in den Master, weil sie unsicher sind, welche beruflichen Perspektiven ein Bachelor-Abschluss bietet. Heike Kuss vom Hochschulteam der Arbeitsagentur in Berlin sagt, ihrer Erfahrung nach werde der Bachelor besser angenommen als gedacht. Gerade BWL-Absolventen hätten gute Chancen, vor allem mit Sprachkenntnissen, Auslands- und Praktikumserfahrungen. Mehrere große Unternehmen haben gerade erst ihre „Bachelor Welcome“-Kampagne bekräftigt.

Bachelor-Absolventen suchen nicht länger nach einem Job als die Kommilitonen mit Diplom oder Magister, wie jüngst eine Studie der Uni Kassel ergab, für die rund 35 000 Absolventen des Prüfungsjahrgangs 2007 befragt wurden. Demnach suchten Bachelors von Unis im Schnitt 3,2 Monate, bis sie einen Job bekamen (Diplom: 3,0 Monate, Magister: 4,3 Monate). Bewerber mit einem Bachelor von der Fachhochschule brauchten nur 2,7 Monate. Angst vor Arbeitslosigkeit müssen Bachelors nicht haben: 18 Monate nach dem Abschluss sind nur drei Prozent (Universität) beziehungsweise vier Prozent (Fachhochschule) arbeitslos. -ry/tiw/lsy

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