Wissen : Mathematik der kleinen Bettler

Straßenkinderpädagogik zwischen Bogota und Berlin: Ein Zukunftsmodell für Metropolen weltweit

Frank van Bebber

Wenn Katrin Kastner demnächst als Referendarin ihre erste Stunde in einer Grund- und Hauptschule erteilt, dürfte sie auf Schwänzer, Schläger und Störer besser vorbereitet sein als manch älterer Kollege. Die 24-Jährige aus Heidelberg blickt zwar erst auf einige Tage Praktikum in deutschen Klassenzimmern zurück. Doch hat sie fast ein Vierteljahr auf den Straßen Kolumbiens unterrichtet und sich auch anschließend an der Pädagogischen Hochschule (PH) Heidelberg mit den Kindern aus den Slums Südamerikas beschäftigt. Mit einem geordneten Schulalltag hat der Lehrerjob dort nichts zu tun.

„Lesen und Schreiben kann man nicht voraussetzen“, sagt Kastner. „Jede Stunde muss für sich allein Sinn ergeben, nächste Woche sind andere Kinder da.“ Ihr Professor Hartwig Weber ist seit 30 Jahren immer wieder in Kolumbien. Sämtliche Grundsätze deutscher Klassenzimmer-Pädagogik seien im Staub der Städte außer Kraft gesetzt, sagt der PH-Professor für evangelische Theologie und Religionspädagogik. Die Schüler seien weder im gleichen Alter noch auf dem gleichen Kenntnisstand. Kaum jemals treffe sich die gleiche Gruppe wieder.

Das klingt nach ferner Entwicklungshilfe. Doch die Rütli-Schule steht in Berlin, nicht in Bogota. Die Richtung des Wissensflusses ist nicht mehr so eindeutig, seit auch Deutschland über den Umgang mit sozialen Brennpunkten, Schulverweigerern und Klassen ohne gemeinsame Muttersprache diskutiert. „Wir profitieren von den Schulen in Kolumbien“, sagt Weber. „Sie haben einen Vorsprung im Umgang mit solchen Problemen.“

Noch dieses Jahr startet unter der Federführung der PH Heidelberg der erste Master-Studiengang für Straßenkinderpädagogik. Vier Semester geht es um Lehren und Lernen in instabilen Gruppen. Das Angebot wendet sich ausdrücklich an Lehrer und Sozialarbeiter in Deutschland. Auch karitativ orientierten Helfern soll Pädagogik vermittelt werden. Mit der Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos in Berlin-Marzahn entwickelt Weber eine Partnerschaft. Die Marzahner Don Bosco Berufsbildungsstätte vermittelt langzeitarbeitslose Jugendliche in Ausbildungsstellen oder schulische Weiterbildungszentren. Kontakt gibt es auch zu Initiativen für Straßenkinder in Mannheim, Stuttgart und Freiburg. Mit dem neuen Fach bereitet sich die PH auch darauf vor, dass mit der Zahl der Schulkinder der Bedarf an Lehramtsstudenten sinkt. Anders bei der Straßenpädagogik: Unicef schätzt, dass sich auf den Straßen der Metropolen rund 100 Millionen Kinder durchschlagen.

Katrin Kastner hat während des Studienaufenthaltes in Kolumbien rasch gemerkt, dass die Reflexe deutscher Schulpädagogik auf der Straße wenig taugen. Vor einem Eintrag ins Klassenbuch fürchtet sich hier niemand. Hausausaufgaben kann es für Kinder ohne Zuhause nicht geben. Dagegen darf Neugier vorausgesetzt werden. Die Kinder kommen ja freiwillig, entweder in einen als Schule genutzten Hof oder auf einen öffentlichen Platz, auf dem sich Weber und Studenten niederließen.

Auf dem Stundenplan steht durchaus Anspruchvolles. Kastner unterrichtete Physik. Eine Stunde widmete sie den Spektralfarben. Eine Herausforderung, wenn weder Vorwissen noch Schriftliches eine Rolle spielen dürfen. Kastner sprach über den Regenbogen und ließ die Kinder durch ein Prisma schauen. Dabei zeigten die Straßenkids auch unerwartete Fähigkeiten. Weber berichtet: „Sie sind in Mathematik besser als Gleichaltrige in der Schule.“ Rechnen ist eine Frage des Überlebens, wenn man bettelt, jobbt, Sachen verkauft oder mit Drogen handelt. „Mathematik findet auf der Straße ständig statt“, sagt Weber. Lebensnähe erlebte Kastner, als sie das Thema Stromkreise aufgriff. Ein Junge kannte sich aus. Er zapfte das Stromnetz an.

Auch eine Straßenzeitung gibt es. Die Schüler knien mitten im Verkehrstrubel und malen oder schreiben. Gedruckt wird das Journal bald auf einer deutschen Maschine. Drei angehende kolumbianische Lehrerinnen waren in Heidelberg und haben sich von Lehrlingen des Herstellers Heidelberger AG erklären lassen, wie man das vom Unternehmen gestiftete Gerät bedient.

Seit sechs Jahren entwickelt Weber in einem Projekt mit Partnern in Deutschland und Kolumbien solche Ansätze für den Unterricht der Kinder, die unter freiem Himmel oder in Elendsvierteln leben. Idee und Kontakt ergaben sich, als eine Salesianerschwester Webers Straßenkinderroman „Treffpunkt Plaza Bolivar“ übersetzte. Seit eineinhalb Jahren gibt es an der PH Heidelberg das Kompetenzzentrum Patio13 gemeinsam mit der PH Freiburg und den Universitäten Freiburg, Heidelberg, Medellín und Bogota. Benannt ist es nach jenem Innenhof in Copacabana bei Medellín, in dem die Kinder unterrichtet werden. Bevor sie dort in den Hof kommen, geben sie mögliche Waffen an der Pforte ab.

„Wir beginnen immer mit einem Gespräch über die Narben“, sagt Weber. Die Kinder sprächen gern über die Geschichten, die ihre Haut erzählt. Es sei wichtig, sie ernst zu nehmen, sagt Weber. Für manche ist es schon ein Erlebnis, im Physikunterricht ein Prisma zu halten. Für das Buch und die Ausstellung „Narben auf meiner Haut“ fotografierten sich Kinder gegenseitig. Weber sagt, es gehe um die Frage: „Wie kriegt man das hin, dass sie kommen und bleiben.“ Ein Buch („Das blutende Herz“) widmete er der Religion der Straße. „Was ist für diese Kids wichtig“, fragt Weber. „Was müssen sie können, damit sie in der Schule oder außerhalb Fuß fassen?“ Darum gibt es für die schulfernen Kinder keinen Lehr-, sondern einen Kompetenzplan. Die Patio-Leute sollen bei Erfolg ein Zertifikat ausgeben, das die Rückkehr ins klassische System erleichtert.

Weber setzt auch auf politische Effekte: „Lehrer sind Multiplikatoren.“ Wer einmal auf der Straße unterrichtet habe, der trage das weltweit wichtige Thema weiter, sagt er – in Kolumbien, aber auch in Klassenzimmer und Elternabende auf der Schwäbischen Alb. Weber ist überzeugt, Katrin Kastner und ihre Kommilitonen „werden anders Lehrer sein als vorher“.

Informationen im Internet:

www.patio13.de

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