Mathematikerin Hélène Esnault : Askese der Algebra

Die Mathematikerin Hélène Esnault lehrt als erste "Einstein-Professorin" an der FU Berlin. Nach dem Studium in Paris und einer überaus erfolgreichen Karriere an der Uni Duisburg-Essen gemeinsam mit ihrem 2010 verstorbenen Mann, startet sie in Berlin neu durch.

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Angekommen. Hélène Esnault in ihrem Institut in Dahlem. An Berlin liebt sie unter anderem die Lebendigkeit ihres Schöneberger Kiezes.
Angekommen. Hélène Esnault in ihrem Institut in Dahlem. An Berlin liebt sie unter anderem die Lebendigkeit ihres Schöneberger...Foto: David von Becker

Der zweigeschossige Bungalow ist schmucklos, die Flure grün-beige und ein wenig muffig, die Fenster an diesem kalten Morgen beschlagen. Arnimallee 3 in Dahlem, Ortstermin bei einer der berühmtesten Mathematikerinnen der Welt. Architektonischer Glamour sieht anders aus.

Hélène Esnault, kurzhaarig, energisch, humorvoll, wirkt nicht, als würde sie die spartanische Umgebung stören. Im Gegenteil: Die 59-Jährige, die in den vergangenen Jahren mit vielen internationalen Auszeichnungen geehrt wurde, könnte an jeder Spitzenuniversität dieser Welt forschen. Entschieden aber hat sie sich für ein Zwölf-Quadratmeter-Büro an der Freien Universität Berlin. Dass sie seit Herbst 2012 hier arbeitet, ist aber nicht nur dem hartnäckigen Werben der Einstein-Stiftung zu verdanken, die ihr die erste Einstein-Professur angeboten hat. Es hat auch zu tun mit einer besonderen Lebensgeschichte, die in einem Arbeitervorort von Paris anfängt.

Die wissenschaftliche Laufbahn wurde Hélène Esnault nicht in die Wiege gelegt. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, ihre Eltern: eine Krankenschwester und ein Metallarbeiter. Trotzdem sei das Klima zu Hause bildungsfördernd gewesen, betont sie. Es ist ausgerechnet der Vater, der selbst nur wenige Jahre zur Schule gehen konnte, der die Tochter früh mit seiner Begeisterung ansteckt. „Er hat mir gezeigt, wie interessant Mathematik sein kann.“

Schon in der Grundschule fällt ihr Talent auf. „Die Direktorin hat meinen Eltern gesagt, es wäre gut, wenn sie mich nach Paris schicken.“ Esnault kommt auf ein städtisches Gymnasium, nach dem Abitur empfehlen ihre Lehrer den Besuch der Vorbereitungsklasse für die französischen Eliteschulen. Mit 20 wird sie an der École normale supérieure angenommen. „Das Bildungssystem hat in meinem Fall wirklich funktioniert.“

Zu Beginn ihres Studiums schwankt Esnault zwischen Mathematik und Philosophie. „Auch die Philosophie beschäftigt sich ja mit ganz grundsätzlichen Fragen.“ Doch bald missfällt ihr die ideologische Färbung bestimmter Denkschulen. In der Mathematik sei das anders, „da ist etwas entweder richtig oder falsch“. Sie spezialisiert sich zunächst auf Algebraische Geometrie, später auf Arithmetische Geometrie, also auf den abstrakten Zweig des Fachs. Der Computer auf ihrem Schreibtisch – „der ist nur zum Kommunizieren da“, sagt sie lachend. „Der rechnet nichts für mich.“

Die Mathematik, die sie betreibe, habe Ähnlichkeit mit Kunst und Poesie. „Auch wir sind auf der Suche nach der Wahrheit und der Schönheit. Wenn wir die Wahrheit gefunden haben, dann versuchen wir sie zusätzlich noch auf einem schönen Weg zu beweisen.“ Man könne das durchaus mit dem Akt des Schreibens vergleichen, bei dem ein Dichter hier und da an Semantik und Syntax der Sprache rüttelt, um etwas noch genauer ausdrücken zu können.

Esnault ist seit Jahrzehnten dafür bekannt , dass sie an überlieferten mathematischen Konzepten rüttelt. Sie gehöre zu den Wissenschaftlern, die in den letzten Jahren „die Grenzen der Teildisziplinen immer wieder bewusst überschritten haben“ und dadurch „neue, zum Teil sensationelle Erkenntnisse“ erlangt hätten, hieß es aus der Einstein-Stiftung.

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