Mauerbau : Am 13. August waren die Westmächte sprachlos

Frederick Kempe schreibt die Geschichte des Mauerbaus als politischen Krimi – und Egon Bahr erinnert sich an den Tag wie heute

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In der fürs Publikum geöffneten Fragerunde kam der Auftritt von Egon Bahr. Der engste Berater Willy Brandts und Vordenker der Entspannungspolitik hat auch im Alter von 89 Jahren alle Erinnerungen präsent, als spräche er vom gestrigen Tag. Damals, als die Mauer durch Berlin gebaut wurde, im August 1961, war er Sprecher des (West-)Berliner Senats. Nun erzählt er, wie Willy Brandt als Regierender Bürgermeister am Vormittag des fatalen 13. August in die Alliierte Kommandantur fuhr und drei ratlose Stadtkommandanten vorfand, die keinerlei Weisung hatten, wie sie sich zu den Vorgängen an der Sektorengrenze verhalten sollten. Brandt fuhr ins Schöneberger Rathaus zurück, schimpfte fürchterlich und bezeichnete die west-alliierten Befehlshaber als, nun ja, feige.

Damit bestätigte Bahr bei der Veranstaltung des Siedler Verlags am Dienstagabend die Kernthese des Buches des amerikanischen Journalisten Frederick Kempe, das im Gespräch mit Peter Schneider, Autor der Erzählung „Der Mauerspringer“ von 1982, vorgestellt wurde. „Berlin 1961. Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt“ ist der etwas reißerische Titel, den Kempe, Sohn einer in Pankow geborenen Deutschen, freilich mit seinen atemberaubenden Aktenfunden zu untermauern weiß.

Schnell wird in dem Podiumsgespräch deutlich, dass Kempe zwar ein Buch über den Mauerbau, mehr noch aber ein Buch über Präsident Kennedy in seinem ersten Amtsjahr geschrieben hat. Und das Urteil über Kennedy fällt verheerend aus. Kempe sieht den Wiener Gipfel mit Kennedy und Chruschtschow Anfang Juni 1961 als Dreh- und Angelpunkt dieser erneuten Berlinkrise. Der junge Präsident zeigt sich dem gewieften KPdSU-Parteichef nicht im Mindesten gewachsen und bestärkt ihn durch zurückweichende Äußerungen vielmehr in der Annahme, die USA würden sich sowjetischen Maßnahmen, „dieses Krebsgeschwür zu beseitigen“ – wie Chruschtschow drastisch formulierte –, nicht widersetzen.

Kennedys Interesse beschränkte sich darauf, die Anwesenheit der Alliierten in Berlin zu sichern, „die Freiheit Berlins war ihm egal.“ Die Legende von der Friedenssicherung durch Zurückhaltung in Berlin weiß Kempe gleich mit zu entkräften: „Die Behauptung, Kennedy habe dadurch die Welt sicherer gemacht, wurde bereits in der Kuba-Krise widerlegt.“

Bahr gab allerdings zu bedenken, dass die Sowjetunion seit 1959 über atomar bestückte Interkontinentalraketen verfügte, durch die die USA, und zwar erstmals in ihrer Geschichte, unmittelbar bedroht waren. Die Strategie der „massiven Vergeltung“ wurde damit hinfällig, und eine neue Strategie war im August 1961 noch nicht zur Hand. Aber auch Bahr kann sich ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen darüber erregen, dass die USA „nicht einmal Protest gegen die Straßensperren einlegten!“ Erst Tage später begann der Bau der eigentlichen Mauer, anstelle des anfänglich ausgerollten Stacheldrahts: „Weil die Sowjets jetzt wussten, dass das kein Risiko war.“

Gab es eine Alternative zum Mauerbau? Eine, die die USA hätten erzwingen können? „Kennedy hätte sagen können, wir gestatten nichts, was das Viermächteabkommen verletzt“, betont Kempe: „Stattdessen sagte er, es genügt uns die Anwesenheit der West-Alliierten in Berlin.“ Kempe meint aus den Dokumenten belegen zu können, dass die Sowjets dem darauf seit Jahre drängenden Ulbricht den Mauerbau untersagt hätten, wären die USA am oder unmittelbar nach dem 13. August eingeschritten.

Allerdings hat auch er nicht das Schlüsseldokument gefunden, das das Zaudern der USA als bewusste Entscheidung ausweist: „Ich suche immer noch nach der Kommunikation mit Chruschtschow, wo Kennedy ausdrücklich sagt, machen Sie in Ost-Berlin, was Sie wollen. Kennedy hat es zwar so ausgedrückt, aber gab es eine direkte Absprache?“

In der US-Regierung gab es derweil ein heftiges Tauziehen zwischen Falken und Tauben. Mit Gänsehaut liest man in Kempes Buch den Nachweis, dass hochrangige Berater Kennedys mit dem Gedanken spielten, West-Berlin im Tausch gegen sowjetischen Raketenabbau zu neutralisieren, faktisch also preiszugeben.

So weit wollte Kennedy nun doch nicht gehen. Im Gegenteil, als er am 26. Juni 1963 seine umjubelte Rede vor dem Schöneberger Rathaus hielt, bekannte er sich zur Freiheit der Stadt. „Von da an konnten weder Kennedy noch irgendein anderer US-Präsident in Berlin einen Rückzieher machen“, deutet Kempe als „Vermächtnis“ des bald darauf ermordeten Präsidenten. Die Mauer allerdings, möglich geworden in einer Schwächephase der USA, blieb 28 Jahre lang stehen, ohne dass der Westen an ihr hätte rütteln können oder auch nur wollen.

Auf Einladung des Tagesspiegels diskutieren am 11. August in der Urania Egon Bahr und Gregor Gysi über den Mauerbau. Uraufgeführt wird auch der Film „Bis an die Grenze – der private Blick auf die Berliner Mauer“. Beginn 17 Uhr, Eintritt 6 €. Tickets gibt es über die Bestellhotline 29021 521 oder www.tagesspiegel.de/ticket

Frederick Kempe: Berlin 1961. Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Michael Bayer. Siedler Verlag, München 2011, 672 Seiten, 29,99 Euro

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