Medizin : Das Fieber, das von den Schafen kam

Auch der Mensch kann an der Tierseuche Brucellose erkranken. Die Infektion wird hauptsächlich durch verseuchte Milchprodukte übertragen.

Hermann Feldmeier
Bakterien
Bakterien der Art Brucella abortus befallen hauptsächlich Rinder. -Foto: Mauritius

Die Brucellose ist weltweit eine der häufigsten Tierkrankheiten. Sie wird durch unterschiedliche Arten des Bakteriums Brucella verursacht. Auch Menschen können sich anstecken, durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren oder den Genuss von Lebensmitteln, wie beispielsweise rohes Rindfleisch, nicht pasteurisierte Milch- oder Käseprodukte. Die Erkrankung führt zu hohem Fieber, starken Gelenk- und Kopfschmerzen, Appetit- und Gewichtsverlust.

Zahlreiche Tierarten können Träger der Bakterien sein, ohne dass man ihnen die Erkrankung ansieht. B. melitensis infiziert Schafe und Ziegen, B. abortus Rinder, B. suis Schweine und B. canis Hunde. In unseren Breiten wird die Infektion am häufigsten durch B. melitensis verursacht.

Bis in die 1980er Jahre trat die Brucellose des Menschen in Deutschland mit jährlich bis zu 500 Fällen recht häufig auf, meist bei Menschen, die beruflich mit Tieren zu tun hatten. Nachdem in den 1960er Jahren ein landesweites Programm begonnen wurde, mit dem Ziel, den Erreger in heimischen Nutztierbeständen auszurotten, ist die Infektion auf dem absteigenden Ast. Seit 2000 gilt Deutschland offiziell als frei von Rinder-, Ziegen- und Schafbrucellose. Gleichwohl erkranken immer noch zahlreiche Menschen unterschiedlichen Alters an der lebensgefährlichen Infektion. Die Ursachen dafür waren bisher unbekannt.

Jetzt hat erstmals eine Arbeitsgruppe des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) um Andreas Jansen die Meldedaten der letzten 50 Jahre zur Brucellose ausgewertet und dabei unerwartete Tendenzen sichtbar gemacht. Dabei wurden 6269 labormedizinisch nachgewiesene Fälle von Brucellose analysiert, die zwischen 1962 und 2005 dem RKI gemeldet worden waren. Darunter waren auch 58 Patienten, die an Infektion verstorben waren.

In den ersten 20 Jahren des Analysezeitraums sank die Häufigkeit der Brucellose von jährlich sechs Fällen pro eine Million Einwohner auf nur noch 0,3 Fälle – ein Rückgang um den Faktor 20. Seit 1985 hat sich die Häufigkeitsrate nicht wesentlich verändert. Im Gegensatz dazu ist die Rate der Todesfälle in den letzten 40 Jahre deutlich angestiegen, nämlich von 0,4 auf 6,5 Prozent. Die Ursachen für die Zunahme der Sterblichkeit sind nicht bekannt. Möglicherweise wird die Infektion zunehmend durch Bakterienvarianten hervorgerufen, die einen besonders schweren Krankheitsverlauf verursachen.

Bei der geographischen Verteilung der Brucellose-Erkrankungen zeigt sich sowohl ein Gefälle in der Krankheitshäufigkeit von Westen nach Osten wie auch von Süden nach Norden. Überraschend für die Wissenschaftler tritt die Erkrankung seit einigen Jahren häufiger in städtischen Ballungszentren als auf dem Lande auf. In den Städten wiederum sind Brucellose-Fälle dort besonders zahlreich, wo viele Menschen mit einem Migrationshintergrund leben. So ist beispielsweise Berlin stark betroffen. Im Berliner Umland kommt die Erkrankung dagegen nur sehr selten oder gar nicht vor.

Unter Menschen mit einem Migrationshintergrund erkranken vor allem türkischstämmige Mitbürger besonders häufig. Wie die RKI-Forscher zeigen konnten, beträgt die Häufigkeit einer Infektion bei dieser Gruppe derzeit jährlich 0,3 Fälle pro eine Million Einwohner, beim Rest der Bevölkerung ist die Kennzahl dagegen 0,01.

Die Infektionsquelle lag bei gut drei Viertel aller Fälle außerhalb von Deutschland. Typischerweise trat eine Brucellose nach Reisen in den Mittelmeerraum, auf den Balkan und in die Türkei auf. Zudem zeigte sich eine deutliche jahreszeitliche Schwankung mit einem Maximum im Spätsommer. Die Forscher vermuten daher, dass sich ausländische Mitbürger während eines Heimaturlaubes infizieren, wenn sie dort mit Brucellen verseuchte Fleisch-oder Milchprodukte essen. Da gerade in der Türkei die Tierbrucellose eine relativ häufige Erkrankung ist und die Lebensmittelstandards geringer als in Deutschland sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass nicht pasteurisierte Milch- oder ungekochte Fleischprodukte mit Brucellen kontaminiert sind. Dies würde die große Häufigkeit der Brucellose in der Türkei mit jährlich rund 260 Fällen pro eine Million Einwohner erklären.

Im Regelfall wird die Brucellose erst nach zweieinhalb Monaten diagnostiziert. In weniger als der Hälfte der Fälle hatten die Ärzte aber bereits nach vier Wochen den „richtigen Riecher“. Manchmal kam es aber erst mehr als sechs Monate nach Beginn der ersten Krankheitszeichen zur antibiotischen Behandlung.

Traditionell war die Brucellose in Deutschland eine berufsbedingte Erkrankung, von der Landwirte oder Metzger betroffen waren. Wie die Zahlen des RKI zeigen, ist die Brucellose heute eine typische durch Lebensmittel übertragene Erkrankung. Sie wird im wesentlichen durch nicht pasteurisierte Milchprodukte wie etwa Ziegenkäse verursacht.

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