Medizin : Der Masernschutz der Kleinsten

Nur 42,7 Prozent der Berliner Eltern halten sich genau an die Impfempfehlung. Viele von ihnen unterschätzen, wie schwer die hochansteckende Krankheit verlaufen kann und lassen sich deshalb Zeit.

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Kleiner Pieks, große Wirkung. Die Masernimpfung schützt lebenslang.
Kleiner Pieks, große Wirkung. Die Masernimpfung schützt lebenslang.Foto: Keystone

Viele Berliner Eltern lassen sich Zeit damit, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen. Das geht aus einer Studie der Kassenärztlichen Vereinigung für die Plattform „Versorgungsatlas“ hervor. Die Ständige Impfkommission empfiehlt, Kinder zwischen dem 11. und 14. Lebensmonat zum ersten Mal zu impfen. Das schafften gerade 67,8 Prozent der Berliner Eltern. Die zweite Impfung, die mindestens vier Wochen später, aber vor Abschluss des zweiten Lebensjahres fällig ist, bekamen nur 42,7 Prozent der Berliner Kinder rechtzeitig.

Das Versäumnis holten die meisten später nach. Immerhin 58,2 Prozent der Kinder waren vor dem zweiten Geburtstag durch beide Impfungen geschützt, auch wenn sich die Eltern nicht an das empfohlene Zeitfenster hielten. Viele andere werden im Kindergartenalter immunisiert. Bei den Schuleingangsuntersuchungen 2011 waren knapp 96 Prozent der Kinder einmal gegen Masern geimpft, 90,7 Prozent hatten die Spritze zwei Mal bekommen. Allerdings liegen auch diese Zahlen unter dem Bundesdurchschnitt, noch schlechtere Impfquoten hatten nur Bayern und Baden-Württemberg.

Bei den Kleinsten ist der vollständige Impfschutz besonders wichtig, denn sie treffen in Wartezimmern und Kitas oft auf Babys unter 11 Monaten, die noch nicht geimpft werden können. Da der „Nestschutz“, also Antikörper der Mutter, nur bis zum sechsten Monat reicht, sind sie danach den hochansteckenden Viren schutzlos ausgeliefert.

Beim derzeitigen Masernausbruch in Berlin wurden nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Soziales zwar nur 40 Kinder unter einem Jahr krank, doch 36 Prozent von ihnen mussten deswegen ins Krankenhaus. Außerdem erleidet im Durchschnitt eines von 3300 Kindern unter fünf Jahren etliche Jahre nach der überstandenen Infektion eine Entzündung des Gehirns. Diese sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) verläuft immer tödlich. Wie Forscher um Benedikt Weißbrich von der Uni Würzburg im Fachblatt „Plos One“ schreiben, ist das Risiko im ersten Lebensjahr wahrscheinlich deutlich höher. SSPE führt zum Verlust aller geistigen Fähigkeiten und endet in einer Art Wachkoma. Es gibt keine Therapie.

Eltern unterschätzten die Bedeutung der beiden Masernimpfungen, heißt es im Versorgungsatlas. Oft werde der Zeitpunkt zwar ganz trivial wegen einer Erkrankung des Kindes zum geplanten Termin verschoben. Doch knapp die Hälfte erachtet Impfungen für nicht unbedingt notwendig (18 Prozent), fürchtet sich vor einer Belastung des Kindes (15 Prozent) oder hatte Angst vor Nebenwirkungen (14 Prozent). Nur 61 Prozent der Eltern halten Masern für gefährlich. Außerdem stieg bis 2011 der Anteil der impfkritischen Mütter auf 35 Prozent. Die meisten von ihnen kommen aus den alten Bundesländern und sind besonders gut gebildet. Eltern, die sich auf Heilpraktiker, Naturheilkundler, Homöopathen oder impfkritische Hebammen verlassen, entschieden sich besonders oft gegen das Impfen.

Die versäumte zweite Impfung habe meist andere Gründe: Manche Eltern schrecke eine Impfreaktion des Kindes ab. Anderen sei nicht klar, dass es sich nicht um eine klassische Auffrischung handelt. Nicht jedes Kind reagiert gleich auf den Impfstoff, drei bis fünf Prozent bauen gar keinen Schutz auf. Bei einer zweiten Impfung holen das über 90 Prozent von ihnen nach.

Mehr zum Thema Impfen unter: www.impfen-info.de

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