Medizin : Ein Netz für Netz-Täter

Therapeuten der Berliner Charité wollen potenzielle Nutzer von Kinderpornografie erreichen, bevor sie straffällig werden

Adelheid Müller-Lissner
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Getrieben. Etwa jeder 100. Mann fühlt sich zu Kindern hingezogen. Foto: ddp

„Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?“ Eine schockierende Frage. Und sie war kaum zu übersehen, so deutlich sichtbar waren die Plakate überall in Berlin aufgehängt. Das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité bot damit seit Juni 2005 im Forschungsprojekt „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“ Therapieplätze für Männer an, die auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien haben und Hilfe suchen, um diese Fantasien nicht in die Tat umzusetzen.

Nun beginnt dort ein neues Vorhaben, das ein noch weiter gefasstes Hilfsangebot beinhaltet. Gestern wurde es unter dem Titel „Prävention von Kinderpornografiekonsum im Dunkelfeld“ in Berlin der Presse vorgestellt. Der Präventionsansatz richtet sich an Menschen, die sich von Kinderpornografie angezogen fühlen, ohne sie allerdings bisher zu nutzen. Oder zumindest, ohne der Justiz als Nutzer bekannt geworden zu sein.

Besitz, Erwerb und Verbreitung von Kinderpornografie stehen in Deutschland wie in vielen anderen Ländern unter Strafe. Viele, die solche Seiten im Internet anklicken, sind allerdings der Meinung, damit keinem Kind direkt zu schaden. „Wir wissen aber, dass hinter kinderpornografischen Darstellungen in der Regel ein Gewaltakt an einem Kind steckt, von gewissenlosen Geschäftemachern mit oder ohne pädophile Neigung verübt, gefilmt und weltweit über das Internet verkauft“, sagt Barbara Schäfer-Wiegand, Vorsitzende der Stiftung Hänsel + Gretel, die das neue Projekt unterstützt, und ehemalige Sozialministerin in Baden-Württemberg.

Klaus Beier, Direktor des Charité-Instituts, unterstreicht, dass auch die Nutzung der Bilder und Filme nicht als harmlose Ersatzhandlung gewertet werden kann. „Sie ist ein klares Anzeichen für eine sexuelle Neigung zu Kindern oder Jugendlichen.“ Mit dem Therapieangebot wolle man letzten Endes also „genau das verhindern, was in der Kinderpornografie zu sehen ist“. In der ersten Charité-Studie hat sich gezeigt, dass die Mehrheit der teilnehmenden Männer, die zu Therapiebeginn schon Übergriffe gegenüber Minderjährigen verübt hatten, auch solche Materialien nutzten. „Mit wachsendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, von der Fantasieebene auf die Verhaltensebene überzugehen“, sagt Beier.

Wie schon sein Vorläufer will auch das vom Familienministerium mit 24 Therapieplätzen unterstützte neue Projekt Menschen erreichen, die ihre Neigung kennen und sich zum Ziel gesetzt haben, sie in den Griff zu bekommen. Dabei können neben verhaltenstherapeutischen Verfahren auch Medikamente helfen, die die sexuellen Impulse dämpfen. Drittes Standbein der Therapie ist die Stärkung des sozialen Netzwerks. Im Vorläuferprojekt habe die Mehrheit der Betroffenen Angehörige über die problematischen Neigungen informiert, berichtet Beier.

Pädophilie ist nicht nur ein Straftatbestand, sondern auch eine medizinische Diagnose. „Die Ansprechbarkeit entwickelt sich im Jugendalter und bleibt bis ans Lebensende bestehen“, sagt Beier. „Keiner sucht sich das aus, niemand ist verantwortlich für seine sexuelle Neigung, wohl aber für den Umgang damit.“ Von der Pädophilie im engeren Sinn unterscheiden Sexualmediziner die Hebephilie, die sexuelle Vorliebe für den pubertierenden Körper.

Dass es Sinn hat, Hilfe zu suchen, zeigen die Ergebnisse des ersten Projekts. Die Therapie habe nicht nur das Verhalten beeinflusst, sondern auch dazu geführt, dass die Teilnehmer mehr Einfühlungsvermögen für Missbrauchsopfer aufbrachten und die Rolle der Täter weniger verzerrt und beschönigt wahrnehmen konnten, berichteten Beier und seine Arbeitsgruppe.

Mit dem Kinderpornographie-Projekt ergibt sich nun die Chance, noch früher einzugreifen. Familienministerin Ursula von der Leyen erhofft sich von dem Forschungsvorhaben deshalb auch neue Aufschlüsse darüber, wie man verhindern kann, dass sich Verhaltensmuster verfestigen. „Wir möchten verstehen, wo Schwellen und Auslöser für den Drang zu sexuellen Übergriffen liegen.“

Einer von 100 Männern werde von Kindern und Jugendlichen sexuell angesprochen, sagt Beier. Grundsätzlich ändern die neuen medialen Möglichkeiten an den sexuellen Neigungen nichts. Für bedenklich hält es der Sexualmediziner allerdings, dass Jugendliche Zugang zu einschlägigen Internet-Seiten haben können.

Mehr im Internet unter:
www.kein-taeter-werden.de

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