Medizin : Embryos ins Herz schauen

Fehlbildungen an dem Organ lassen sich mittels Ultraschall schon bei Ungeborenen entdecken, aber die Chance wird kaum genutzt

Adelheid Müller-Lissner

Es ist ein Wissen, das belastet. Das zugleich aber auch Leben retten kann, wie Studien belegen: Wenn sich bei Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft zeigt, dass das Ungeborene wahrscheinlich mit einem schweren Herzfehler auf die Welt kommen wird, dann kann man nämlich planen. Die Eltern können auf die Situation vorbereitet werden, die auf sie zukommt, die Entbindung kann in einem spezialisierten Zentrum mit kinderkardiologischer Intensivbetreuung stattfinden, wo das Neugeborene notfalls ganz schnell operiert werden kann.

In einigen Fällen kann man sogar schon vor der Geburt eingreifen: Mittels eines Ballonkatheters wurden inzwischen schon bei Feten im Mutterleib verengte Herzklappen geweitet. Dass Kinder mit schweren Herzfehlern mit größerer Wahrscheinlichkeit überleben, wenn das Problem schon vor ihrer Geburt bekannt ist, haben inzwischen mehrere Studien bewiesen. Hier liegt ein großer Unterschied zu anderen vorgeburtlichen Diagnosen, die keine solchen Vorbereitungen ermöglichen, die von den Eltern eher schicksalhaft erlebt werden - und bei denen häufiger ein Abbruch der Schwangerschaft die Folge ist.

Fünf bis acht von 1000 Kindern werden heute mit einem Herzfehler geboren. Jeder fünfte Todesfall in der unmittelbaren Zeit nach der Geburt hat darin seine Ursache. Vier von fünf dieser schweren Herzfehler könnte man nach Ansicht der Pränatalmedizinerin Annegret Geipel von der Uni Bonn rund um die 20. Schwangerschaftswoche erkennen. In Ländern wie Frankreich nähert man sich diesem Ziel allmählich an. In Deutschland werden jedoch die Chancen des zweiten Routine-Ultraschalls, der allen Frauen nach den Mutterschaftsrichtlinien zusteht, nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM), zu deren Vorstand Geipel gehört, derzeit nicht ausreichend genutzt.

Während bei der ersten Untersuchung, etwa in der zehnten Schwangerschaftswoche, vor allem nach besonderen Risiken wie Mehrlings- oder Eileiter-Schwangerschaft gefahndet wird und in der dritten vor allem Lage und Wachstum des Kindes beurteilt werden, geht es im zweiten Schwangerschaftsdrittel auch um eventuelle Fehlbildungen des Kindes, unter anderem um die besonders schwer zu entdeckenden am Herzen. „Doch die Ärzte sollen bei der üblichen Untersuchung nur auf allgemeine Auffälligkeiten wie Form und Aktion des Herzens achten“, kritisiert Geipel. Auf diese Weise würden von nicht spezialisierten Teams allenfalls 15 Prozent der Probleme erkannt. Folglich würden auch zu wenige Schwangere von ihrem Frauenarzt zur Abklärung geschickt. „Die hierzu in den Mutterschaftsrichtlinien definierten Mindestanforderungen entsprechen nicht mehr den heutigen Möglichkeiten, Erfordernissen und Erwartungen an ein Basis-Screening im zweiten Trimenon“, heißt es dazu in einem Papier der DEGUM.

Vor allem sollte nach Ansicht der Fachgesellschaft der sogenannte Vierkammerblick in die Reihenuntersuchung aller Schwangeren aufgenommen werden. Dabei kann der Untersucher Größe und Lage des kindlichen Herzens, seine Klappen, Kammern und Scheidewände erkennen und beurteilen. „Auf diese Art kann knapp die Hälfte aller Herzfehler entdeckt werden. Man erkennt zum Beispiel, ob es ein Loch in der Herzscheidewand des Kindes gibt“, erklärt Geipel. Kleinere Defekte der Herzscheidewand schließen sich oft in den ersten Lebensjahren von selbst, größere können jedoch das Herz belasten und die Lunge schädigen.

Werden zusätzlich durch einen erfahrenen Ultraschall-Spezialisten Abgang und Verlauf der großen Arterien untersucht, dann können nach Geipels Worten noch einmal 30 Prozent mehr Auffälligkeiten entdeckt werden. Bei einigen Ungeborenen sind diese großen Blutgefäße vertauscht angelegt. Eine Abklärung solcher Probleme sollte bei allen Schwangeren erfolgen, bei denen sich im Basis-Check Hinweise auf Anomalien ergeben haben oder bei denen aus anderen Gründen ein erhöhtes Risiko dafür besteht.

Gab es in der Familie schon früher Herzfehler, dann dient der gründliche Check vor allem der Beruhigung der Eltern. Denn die Gefahr, dass es bei einem weiteren Kind dazu kommt, ist ausgesprochen gering. Oft ist nach Angaben der Fachgesellschaft aber auch eine ausgeprägte „Fehlbildungsangst der Patientin“ der Grund für einen zweiten, abklärenden Ultraschall. Wenn eine Frau besondere Befürchtungen hat, wird sie heute in vielen Fällen zur beruhigenden Nachuntersuchung zum Spezialisten geschickt. Längst habe damit hat eine Art ungeregeltes, „graues“ Screening Einzug gehalten, berichten die Experten.

Anders ist die Situation zu bewerten, wenn das Kind Träger eines veränderten Chromosomensatzes ist. Fast die Hälfte der Kinder mit einer Trisomie 21 (Down-Syndrom) hat nämlich einen Herzfehler. Vor allem wenn sich im Ultraschall ein vergrößerter transparenter Bereich im kindlichen Nacken gezeigt hat, der den Verdacht auf eine Trisomie 21 erhöht, wird heute oft schon in der zwölften oder 13. Woche auch das Herz genauer untersucht. Dabei könnten 3-D-Bilder die Genauigkeit erhöhen, meint der Berliner Pränataldiagnostiker Rabih Chaoui, Sprecher des Arbeitskreises Fetale Echokardiographie der DEGUM. Die gespeicherten Datensätze können zudem an andere Spezialisten verschickt werden, um eine zweite Meinung einzuholen und das weitere Vorgehen zu besprechen.

Nach Ansicht der Fachgesellschaft ist es nicht machbar, alle Schwangeren derart detailliert von einem besonders qualifizierten Ultraschall-Experten untersuchen zu lassen. Die DEGUM fordert jedoch, dass der grundlegendere „Vierkammerblick“ rund um die 20. Woche bei allen Untersuchungen erfolgt. Immerhin werden vier von fünf Herzfehlern bei Ungeborenen gefunden, bei denen vorher kein besonderes Risiko dafür bekannt war.Adelheid Müller-Lissner

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