Medizin : Entdeckung von Viren sichert Nobelpreis für Medizin

Arbeiten zu HIV und Papilloma-Viren bringen bereits medizinischen Nutzen.

Alison Abbott

Mit dem Nobelpreis für Medizin oder Physiologie werden in diesem Jahr drei Europäer ausgezeichnet, die Viren entdeckten, die tödliche Erkrankungen verursachen, und deren Entdeckung zu großen medizinischen Fortschritten führte.

Harald zur Hausen, früherer Direktor des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, wurde für seine Arbeit zu humanen Papilloma-Viren (HPV), die Zervxikarzinome verursachen, ausgezeichnet. Eine Schutzimpfung gegen das Virus wurde bereits entwickelt und wird großflächig eingesetzt. Francoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier teilen sich die andere Hälfte des Preises für ihre Entdeckung des HI-Virus1, das AIDS hervorruft.

Zur Hausen war der einzige der drei, den der berühmte Anruf aus Stockholm zu Hause erreichte. Montagnier, heute Direktor der World Foundation for AIDS Research and Prevention, arbeitete an der Elfenbeinküste. Barré-Sinoussi, die am Pariser Pasteur-Institut beschäftigt ist, hielt sich in Kambodscha auf. Beide konnte das Nobel-Komitee vor der Verlautbarung nicht erreichen.

Suche nach dem AIDS-Virus

Barré-Sinoussi - die, lediglich begleitet von ihrem Mobiltelefon, vollkommen überwältig von der Neuigkeit war - wird die 36. Frau sein, die mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wird, im Vergleich zu 745 männlichen Preisträgern. Sie arbeitete zusammen mit Montagnier seit Beginn der Suche nach dem Virus, das AIDS verursacht, Anfang der 1980er Jahre am Institut Pasteur. Beide identifizierten das Virus, das ursprünglich "Lymphadenopathie-assoziiertes Virus" (LAV) genannt wurde, 1983.

Bald darauf begann ein erbitterter Streit um die Anerkennung mit Robert Gallo von den National Institutes of Health in Bethesda, der für sich in Anspruch nahm, der eigentliche Entdecker des Virus zu sein. 1987 einigten sich Frankreich und die Vereinigten Staaten darauf, den Nutzen aus der Entdeckung zu teilen, und die Wissenschaftler begruben das Kriegsbeil offenbar 1990. Viele waren der Ansicht, dass der Nobelpreis auf diesem Forschungsgebiet - trotz seiner Bedeutung - nicht vergeben werden könne, solange die Stimmung aufgeheizt blieb.

Das Nobel-Komitee machte seine Position nun in einer Verlautbarung klar, die eine Liste enthält, wer was wann entdeckte. Es heißt, die Entdeckung von Barré-Sinoussi und Montagnier "wurde durch die Forschungsgemeinschaft anerkannt und resultierte in einer Explosion wissenschaftlicher Durchbrüche". Es weist dann auf Gallos "Entdeckung eines neuen … Virus bei einer Reihe von Patienten mit AIDS oder einem Vorstadium im Jahr 1984 …, das beachtliche Ähnlichkeiten mit LAV-1 zeigt".

Die Arbeit der französischen Forscher führte zur Entwicklung von Diagnoseinstrumenten und Methoden der Blutuntersuchung, die dazu beitrugen, die Ausbreitung der Krankheit zu bekämpfen, vor allem in westlichen Staaten. Sie führte ebenfalls zur Entwicklung von Medikamenten, die das Virus auf verschiedene Arten bekämpfen. Kombinationen dieser Medikamente haben die Lebenserwartung dramatisch erhöht.

Elegante Experimente

Zur Hausen ist Deutschlands 79. Nobelpreisträger und gilt gemeinhin als bescheidener und liebenswürdiger Mann, der die Forschungsstandards am deutschen Krebsforschungsinstitut während seiner Zeit von 1983 bis 2003 hob.

In den frühen 1970er Jahren herrschte die Hypothese vor, dass Herpes-simplex-Viren Gebärmutterhalskrebs verursachen, eine Erkrankung von der man bereits damals annahm, dass sie durch sexuelle Kontakte übertragen wird. Der junge zur Hausen verließ sich jedoch lieber auf das, was er selbst sah - und konnte keine Herpes-simplex-Viren in Zervixkarzinomzellen nachweisen. Er konzentrierte sich stattdessen auf das Papilloma-Virus und ignorierte den Hohn seiner Kollegen, die glaubten, das Virus würde lediglich Hautwarzen hervorrufen.

"Virologen und erst recht Gynäkologen hielten die Idee für sehr abwegig", sagt der Virologe Herbert Pfister, ein früherer Kollege und heute an der Universität zu Köln. "Aber er führte seine Theorie streng logisch zu Ende und kümmerte sich nicht um die Kontroversen, die er hervorrief."

In einer Reihe eleganter Experimente während der nächsten zehn Jahre - in denen er an verschiedenen deutschen Universitäten tätig war und sich 1977 schließlich an der Universität Freiburg niederließ - identifizierte zur Hausen verschiedene HPV-Arten und brachte sie mit unterschiedlichen Erkrankungen in Verbindung. 1983 isolierte er HPV-16, das bei mehr als der Hälfte aller Zervixkarzinome und anderen anogenitalen Krebsarten nachgewiesen werden kann. Ein Jahr später kam HPV-18 hinzu, das in weiteren 25% aller Fälle zu finden ist.

"Seine Arbeit hat unser tägliches Leben beeinflusst - seit Jahren sind wir in der Lage, Frauen mit einem hohen Risiko für Gebärmutterhalskrebs zu identifizieren", erklärt Marion Kiechle-Bahat, Direktorin der Frauenklinik der Technischen Universität München, die bei zur Hausen in Freiburg studierte. "Und heute verfügen wir dank seiner Arbeit über einen Impfstoff, um junge Mädchen, bevor sie ihre ersten sexuellen Kontakte hatten, zu schützen."

Rund 500.000 Frauen weltweit erhalten diese Impfung jedes Jahr. Die Erkrankung verläuft in etwa einem Drittel der Fälle tödlich und es wird erwartet, dass die Impfung diese Zahlen deutlich senken wird.

Dieser Artikel wurde erstmals am 6.10.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.1154. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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