Medizin : Ernüchternde Alternative

Akupunktur, Naturheilkunde, Homöopathie – die Verfahren jenseits der Schulmedizin enttäuschen bei wissenschaftlichen Untersuchungen, sagt ein Professor für Alternativmedizin.

Hartmut Wewetzer
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Hahnemanns Heilverfahren. Viele Menschen schwören auf Kügelchen aus der homöopathischen Hausapotheke. -Foto: picture-alliance

Das Kind aus der Nachbarschaft hat Neurodermitis. Die Armbeugen jucken höllisch, sind entzündet und aufgekratzt. Die Mutter ist verzweifelt, herkömmliche Behandlungsversuche aus dem Arsenal der „Schulmedizin“ sind erfolglos geblieben. Schließlich geht sie mit ihrer Tochter zu einer Ärztin, die ihm ein homöopathisches Mittel verschreibt. Kurz darauf verschwindet die Neurodermitis wie von Zauberhand.

Geschichten wie diese gibt es unzählige. Für die Anhänger der Alternativmedizin belegen sie zweifelsfrei, dass die von der Schulmedizin kritisch beäugten Verfahren tatsächlich wirken. Aber so überzeugend diese Fallberichte auch erscheinen, so sehr mangelt es ihnen an wissenschaftlicher Beweiskraft. Viele homöopathische Tinkturen und Pillen etwa enthalten nur winzigste Wirkstoffspuren. Warum „wirken“ sie trotzdem?

Skeptiker schreiben auch scheinbar plausible Heilungsberichte nicht der Homöopathie gut, sondern führen die Erfolge auf andere Ursachen zurück. Etwa auf den Placebo-Effekt, auf Suggestion, die Selbstheilungskräfte des Körpers oder auf den schubartigen Verlauf von Krankheiten, die sich nach einem heftigen Ausbruch und einem darauf folgenden Arztbesuch von selbst beruhigen.

Einer, den man zu diesen Skeptikern zählen kann, ist der deutsche Mediziner Edzard Ernst. Nachdem er selbst jahrelang als Homöopath in einer Klinik gearbeitet hatte, wandte er sich der wissenschaftlichen Erforschung der Alternativmedizin zu und bekam 1993 den nach eigenen Angaben weltweit ersten Lehrstuhl für Alternativmedizin an der Universität Exeter. Seitdem hat Ernst sich internationales Renommee erworben. Gemeinsam mit dem britischen Wissenschaftsjournalisten Simon Singh („Fermats letzter Satz“) hat er nun einen kritischen Überblick über die Alternativmedizin veröffentlicht. Titel der deutschen Ausgabe: „Gesund ohne Pillen.“

Im Mittelpunkt des Buches stehen vier „etablierte“ alternativmedizinische Heilverfahren – Homöopathie, Akupunktur, Pflanzenheilkunde und die vor allem in den USA beliebte Chiropraktik, die Krankheiten auf Fehlstellungen der Wirbelsäule zurückführt. Ernsts Fazit fällt ernüchternd aus: „Die vier wichtigsten alternativen Therapien“ hätten „enttäuschend wenig Nutzen für die Patienten“. Am besten kommt die Pflanzenheilkunde weg, „aber die Mehrzahl der pflanzlichen Heilmittel ist offenbar völlig überbewertet“. Die chiropraktische Therapie „mag einen geringen Nutzen haben“ – jedoch nur bei Rückenschmerzen.

Auch für die Akupunktur findet Ernst wenig freundliche Worte. Sie könne „vielleicht manche Arten von Schmerz und Übelkeit lindern, aber mit solch marginaler Wirkung, dass man durchaus von der Möglichkeit sprechen muss, dass Akupunktur nutzlos ist“. Am wenigsten haben die Autoren für Homöopathie übrig: „Die schlechteste Therapie, mit der wir es bislang zu tun hatten, ist die Homöopathie – es handelt sich um eine unplausible Methode, der es auch nach zwei Jahrhunderten und etwa 200 klinischen Studien noch immer nicht gelungen ist, ihre Wirksamkeit nachzuweisen.“

Erstaunlich, wie weit das Urteil Ernsts von der verbreiteten Wertschätzung der Homöopathie abweicht. Ein Grund dafür dürfte die evidenzbasierte Medizin (EBM) sein. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Denkschule, die nur streng wissenschaftliche Untersuchungen als Grundlage medizinischer Behandlungen gelten lässt. Einzelne Fallberichte, wie der des Nachbarkindes mit Neurodermitis, das nach homöopathischer Behandlung geheilt wurde, haben in der evidenzbasierten Medizin wenig Bedeutung. Denn ein Einzelfall, ein anekdotischer Bericht, beweist nichts.

Viel mehr Gewicht haben Studien, in denen möglichst viele Patienten mit der gleichen Krankheit zufällig in mehrere Gruppen eingeteilt werden und dann jeweils verschiedene Therapien erhalten – möglichst mit einer Gruppe von Patienten dabei, die nur ein wirkstofffreies Scheinmedikament, ein Placebo, erhält.

Eine der Stärken des Buches ist es, dem Leser quasi nebenbei die evidenzbasierte Medizin nahezubringen. Wobei „evident“ hier nicht als „offensichtlich“, sondern eher als „bewiesen“, abgeleitet vom englischen „evidence“, verstanden werden sollte. Singh und Ernst erzählen lebendig von Pionieren der modernen, wissenschaftlichen Medizin. Da ist der junge schottische Marinearzt James Lind, der 1746 mit der ersten „kontrollierten klinischen Studie“ die Ursache des Skorbut entdeckte: den Mangel an Vitamin C.

Lind wischte „Moden, Vorurteile, Anekdoten und Gerüchte“ beiseite, als er an Skorbut erkrankte Seeleute auf verschiedene Weise behandelte und die Erfolge verglich. Es stellte sich heraus, dass Orangen und Zitronen, reich an Vitamin C, die Kranken heilen konnten. Und doch dauerte es Jahrzehnte, bis sich Linds Erkenntnis durchsetzte.

Nicht viel besser erging es einem anderen Schotten, dem Militärarzt Alexander Hamilton. 1809 entlarvte er den damals äußerst beliebten Aderlass als aberwitzige und mörderische Prozedur, der zehn Jahre zuvor auch der erste amerikanische Präsident George Washington zum Opfer gefallen war. Der war von seinen Ärzten regelrecht ausgeblutet worden.

Auch der deutsche Arzt Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie, begann Ende des 18. Jahrhunderts als Kritiker der zeitgenössischen Medizin und des Aderlasses. Hahnemann erkannte, dass diese Behandlung gefährlich und nicht gerechtfertigt war. Im Selbstversuch mit Chinarinde entwickelte er das Ähnlichkeitsprinzip. Die Chinarinde, die gegen Malaria verschrieben wurde, rief bei dem gesunden Arzt ähnliche Symptome wie die Malaria hervor. „Ähnliches heilt Ähnliches“, schloss Hahnemann.

Das zweite „Grundgesetz“, das Hahnemann glaubte gefunden zu haben, war das der „Potenzierung“. Ein nach dem Ähnlichkeitsprinzip hergestellter Wirkstoff werde in seinem Effekt „potenziert“, wenn man ihn schüttelte – und verdünnte. Es ist vor allem diese „Potenzierung“, die bis heute den stärksten Widerspruch der „Schulmedizin“ herausfordert, stellt sie doch die Grundregel der Arzneikunde auf den Kopf: Je höher dosiert ein Wirkstoff ist, umso stärker wirkt er. Hahnemann behauptete das Gegenteil. Ein homöopathisches Mittel „in hoher Potenz“ enthält kein einziges Wirkstoffmolekül mehr. Und doch soll es gerade deshalb extrem stark wirken.

Ein Grund für die Wirksamkeit der „Hochpotenzen“ könnte das „Gedächtnis“ des Wassers sein, dem die Information aus dem Wirkstoff „aufgeprägt“ wurde, nehmen Homöopathen an. Aber mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Wasser kein solches Gedächtnis besitzt. Auch homöopathische Experimente mit Zellkulturen verliefen ernüchternd, ebenso Heilversuche an Tieren.

Letztlich aber ist die entscheidende Frage, ob Homöopathie beim Menschen wirkt. 1997 erschien im Fachblatt „Lancet“ eine zusammenfassende Analyse des Münchner Mediziners Klaus Linde, die eben dies tatsächlich nahelegte. Homöopathie, so Linde, hilft tatsächlich. Wegen heftiger Kritik überarbeitete der Forscher seine Studie, und zwei Jahre später fiel das Ergebnis schon wesentlich schwächer aus. Vollends entlarvend war eine Analyse von Aijing Shang von der Universität Bern, die 2005 in „Lancet“ erschien. Shang gestand der Homöopathie lediglich „Placeboeffekte“ zu.

Ernst stimmt nicht in das Gesäusel von der sanften Medizin ein, von der notwendigen Ergänzung herkömmlicher Verfahren durch die „Komplementärmedizin“. Sein Blick ist unbestechlich, seine Diagnose ernüchternd. Die Konjunktur der Alternativmedizin dürfte das nicht abschwächen. Ist ihre Basis doch viel eher der Glauben als das Wissen.

Simon Singh/Edzard Ernst, „Gesund ohne Pillen. Was kann die Alternativmedizin?“, Hanser Verlag, 404 Seiten, 21 ,50 €.

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