Medizin : Heilslehre und Heilkunde

Alternative Methoden wie Homöopathie werden immer häufiger eingesetzt - obwohl ihre Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt ist. Kritiker fordern: Die Medizin sollte auf Distanz gehen.

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Umstrittene Kugeln. Globuli wirken sicher als Placebo. Weitere Wirkungen sind bisher nicht belegt.
Umstrittene Kugeln. Globuli wirken sicher als Placebo. Weitere Wirkungen sind bisher nicht belegt.Foto: picture-alliance/gms

Keinem Patienten sollten unnütze und womöglich schädliche Untersuchungen und Behandlungen zugemutet werden. So lautet das Ziel der „evidenzbasierten“ (wissenschaftlich fundierten) Medizin, kurz EbM. Verfechter dieser Richtung haben sich zum Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin zusammengeschlossen. Gemeinsam haben sie das Bewusstsein dafür geschärft, dass man vor jeder Untersuchung oder Behandlung fragen sollte, ob der Nutzen wissenschaftlich belegt ist oder nicht. So tagte die Initiative auch kürzlich in Berlin zum Thema „Entscheiden trotz Unsicherheit“.

Die Grenzen einer Medizin, die sich jeweils auf zuverlässige wissenschaftliche Erkenntnisse stützt, sind den Befürwortern der evidenzbasierten Medizin durchaus bewusst, wie die Tagung zeigte. Sie wollen die Grenzen aber nach Möglichkeit ausdehnen und so die Unsicherheiten in der Medizin verringern. Allerdings: Wer krank ist oder Krankheit befürchtet, entscheidet oft irrational. So fließt trotz aller Anstrengungen der rationalen Medizin die breite Unterströmung irrationaler Heilslehren weiter.

„Glaubensmedizin“ nannte Christian Weymayr, Biologe und Wissenschaftspublizist, auf der Tagung jene heilkundlichen Schulen, die einem Meister folgen und mit dem Ruf nach „Pluralismus“ einen Platz unter dem Dach der anerkannten Medizin beanspruchen. Und das, obwohl sie deren Grundlagen oder sogar die Naturgesetze ignorieren. Als Beispiel nannte Weymayr ein 200 Jahre altes geschlossenes Denkgebäude, die Homöopathie. Mit dieser am weitesten verbreiteten „dogmatischen Lehre“ hat er sich in seinem 2012 erschienenen Buch „Die Homöopathie-Lüge“ auseinandergesetzt.

Dass eine homöopathische Behandlung schon wegen des Eingangsgesprächs Placeboeffekte hervorrufen kann, weiß Weymayr ebenso wie so mancher Arzt, der sie seinen Patienten nur deswegen anbietet. Um diesen Effekt von einer Wirkung der Substanz zu unterscheiden, macht man Studien, in denen ein Scheinmedikament (Placebo) gegen den Wirkstoff getestet wird. Einige zeigten eine gewisse Wirksamkeit von Homöopathica, die über die Placebowirkung hinausging. Aber Studien sind anfällig für Fehler und Fehldeutungen. In der wissenschaftlichen Medizin werden sie nach Kräften korrigiert, in der Homöopathie hingegen werden die Ergebnisse zugunsten des eigenen Systems überinterpretiert, fand Weymayr.

Er vertrat die Meinung, weitere aufwendige Homöopathiestudien seien überflüssig, ja schädlich, denn solche Forschungen erweckten den Anschein, an der Homöopathie könnte wohl doch etwas dran sein. Als eine Art Geistheilungslehre gehöre sie jedoch in den Bereich der Esoterik.

Der Homöopathieerfinder Samuel Hahnemann (1755–1843) erklärte den vermeintlich steigenden Effekt der „Ursubstanz“ durch Schütteln und Verdünnen bis zu ihrem völligen Verschwinden so: „Nur durch geistartige Einflüsse der krankmachenden Schädlichkeit kann unsere geistartige Lebenskraft erkranken und so auch nur durch geistartige (dynamische) Einwirkungen der Arzneien wieder zu Gesundheit hergestellt werden.“ Solche Vorstellungen hält nicht nur Weymayr für absurd. Die Homöopathen müssten erst einmal nachweisen, dass Wasser ein Gedächtnis für nicht mehr vorhandene Arzneimoleküle hat.

Das allerdings widerspricht den Naturgesetzen. Glaubensmedizinische Mittel sollten daher, so meint er, nicht länger mit den wissenschaftlichen Methoden der evidenzbasierten Medizin geprüft werden. Sie seien nicht „scientabel“, nicht wissenschaftsfähig. Mittel oder Methoden seien dann „scientabel“, wenn sie nicht gegen gesicherte Erkenntnisse der Physik, Chemie, Physiologie und Pharmakologie verstießen.

Die Vertreter der evidenzbasierten Medizin, deren Netzwerk auch Weymayr angehört, habe das bisher nicht gekümmert. Inzwischen habe sich die evidenzbasierte Medizin durch Studien irrationaler Heilslehren wie der Homöopathie missbrauchen lassen, meint Weymayr. Um endlich Anerkennung zu erfahren, hätten diese überall ihre Nischen besetzt, konstatierte er: in Politik und Gesetzgebung, in den Universitäten mit Stiftungslehrstühlen und selbst in der so gestrengen Cochrane Collaboration, einer unabhängigen medizinischen Gutachterorganisation. Sie lasse alternative Studien inzwischen von Alternativmedizinern bewerten. Forschungsbedarf zum Thema Homöopathie sieht Weymayr trotz allem. Psychologie und Soziologie zum Beispiel könnten die Frage beantworten, warum ausgerechnet die gebildeten Stände oft anfällig für irrationale Heilsschulen seien.

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