Medizin : Keime profitieren von der Krise

16.11.2012 10:32 Uhrvon

Europäische Seuchenschutzbehörde warnt: Vor allem in Südeuropa nimmt die Zahl multiresistenter Erreger dramatisch zu.

Für Ärzte ist es ein Alptraum: Ihr Patient liegt mit einer schweren Infektion im Krankenhaus und ein Antibiotikum nach dem anderen versagt den Dienst. Die Keime reagieren auf keines der Medikamente mehr und der Kranke stirbt, ohne dass die Medizin etwas machen kann. Solche Szenen könnten in Zukunft häufiger werden. Denn besonders in Südeuropa vermehren sich multiresistente Keime dramatisch. Das geht aus neuen Daten hervor, die die Europäische Seuchenschutzbehörde ECDC in Stockholm heute veröffentlichen will und die dem Tagesspiegel vorliegen.
Demnach sind in vielen europäischen Ländern wichtige Antibiotika wie Fluorochinolone, Aminoglycoside und Cephalosporine der dritten Generation bereits stumpfe Waffen.

„Die Daten zeigen eindeutig, dass diese Antibiotika häufig nicht mehr wirken“, sagt ECDC-Chef Marc Sprenger.
Ein wichtiges Anzeichen dafür ist Klebsiella pneumoniae, ein Bakterium, das in die Gruppe der gramnegativen Erreger gehört und Lungenentzündungen und Harnwegsinfekte verursachen kann. Bei Infektionen in der Blutbahn war dieses Bakterium 2011 in Griechenland und der Slowakei in über 60 Prozent der Fälle mit keinem der genannten Antibiotika mehr behandelbar. In Italien, Polen, Lettland, Ungarn und der tschechischen Republik galt das immer noch für mehr als 30 Prozent der Fälle. Deutschland liegt mit sieben Prozent deutlich darunter. Aber auch hier habe es in den letzten Jahren einen starken Anstieg gegeben, sagt Martin Kaase vom Nationalen Referenzzentrum für gramnegative Krankenhauserreger an der Ruhr-Uni-Bochum.
Mediziner sprechen bei solchen Keimen, bei denen keine der drei großen Substanzklassen mehr wirkt, von einer kombinierten Resistenz – bei ihnen bleiben nur noch wenige Möglichkeiten, die Patienten zu behandeln. Die wichtigste ist die Antibiotika-Klasse der Carbapeneme. Doch auch gegen diese Medikamente nehmen die Resistenzen zu. In den meisten europäischen Ländern tauchen zwar nur selten Klebsiella pneumoniae auf, die gegen Carbapeneme resistent sind. Aber in Italien ist der Anteil der resistenten Keime unter den Blutstrominfektionen von 15 Prozent 2010 auf 27 Prozent 2011 angestiegen, in Griechenland sogar von 49 auf 68 Prozent. „Das ist eine schlimme Situation und ich habe Angst, dass ich Ihnen nächstes Jahr sagen muss, dass es weiter angestiegen ist und auf andere Länder übergreift“, sagt Sprenger.
Auch Kaase hält die Zahlen für dramatisch. „Das bedroht Deutschland“, sagt er. Reisende hätten in den vergangenen Jahren immer wieder derartige Keime in deutsche Krankenhäuser gebracht. „Patienten, die in ein Krankenhaus kommen und vorher in einem Land wie Italien oder Griechenland im Krankenhaus behandelt wurden, müssen auf solche Keime untersucht werden“, sagt er.
Sprenger kritisiert, Antibiotika würden nicht gezielt eingesetzt. So würden in Krankenhäusern bei Operationen Antibiotika über mehrere Tage als Vorsichtsmaßnahme gegeben. „Das könnte auf einen Tag reduziert werden“, sagt er. Auch auf Hygiene müsse noch strenger geachtet werden. Es gebe viele Beispiele, wo sich Carbapenem-resistente Klebsiella-Keime in Krankenhäusern verbreitet hätten, beklagt Europas oberster Seuchenschützer. In Deutschland erregten die Bakterien im Sommer Aufsehen, als bekannt wurde, dass am Universitätsklinikum Leipzig über zwei Jahre mehr als 60 Patienten infiziert wurden. „Das hat zwar weniger Aufmerksamkeit bekommen, war aber viel dramatischer als der Serratienausbruch an der Charité“, sagt Kaase.
Der starke Anstieg in Griechenland habe vermutlich auch mit der Schuldenkrise zu tun, sagt Sprenger. In Krisenzeiten nähmen Menschen eher starke Antibiotika, um auf keinen Fall bei der Arbeit zu fehlen, sagt er. „Außerdem kostet es Geld, Patienten auf resistente Keime zu untersuchen oder eine Station zu schließen, wenn Keime gefunden wurden.“

Es gibt auch eine positive Nachricht: Infektionen mit Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA), einem weiteren gefürchteten Resistenzkeim, sind in den letzten Jahren gleich geblieben oder zurückgegangen. „Das zeigt, dass wir die Situation in der Hand haben“, sagt Sprenger.

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