Medizin : Krebs muss altersgerecht behandelt werden

Zu wenig beachtet: Betagte Patienten sind häufig chronisch krank und benötigen eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Therapie. Fragebögen und Tests können dabei helfen.

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Krankheit des Alters. Tumorleiden treffen in erster Linie ältere Menschen, bei vielen Krebsformen steigt das Risiko mit den Jahren an. Foto: bsip
Krankheit des Alters. Tumorleiden treffen in erster Linie ältere Menschen, bei vielen Krebsformen steigt das Risiko mit den Jahren...Foto: Your_Photo_Today

Es war eine Zufallsentdeckung. Bauchschmerzen hatten die alte Dame in Begleitung ihrer Tochter zum Arzt geführt, der den Bauchraum per Ultraschall untersuchte. An der Leber fand er etwas Verdächtiges. Als Grund für die Beschwerden kam es zwar eher nicht infrage. Doch nun stand das Thema im Raum: Krebs. Und damit die Frage, wie weiter vorgegangen werden sollte. Eine Frage, die vor allem die Angehörigen quälte. Die Frau selbst konnte das Problem wegen ihrer fortgeschrittenen Demenz nicht mehr erkennen.

Eine Geschichte, wie sie in der Krebsmedizin Alltag ist. Nicht zuletzt dank verbesserter medizinischer Behandlungen werden die Menschen immer älter. Und die fehlerhaften Veränderungen der Zellen, die zu Krebs führen, sind eine typische Alterserscheinung. Mehr als die Hälfte der Menschen, die an Krebs erkranken, sind heute über 70 Jahre alt. „In jedem Jahr steigt der Altersdurchschnitt unserer Patienten um drei Monate“, sagte der Krebsmediziner Stephan Schmitz, Vorsitzender des Berufsverbandes der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen, bei einer Veranstaltung der Deutschen Krebsgesellschaft in Berlin zum Thema „Geriatrische Onkologie“.

In einer Videoaufzeichnung kam der Psychiater Klaus Dörner zu Wort. Er wird bald 80 und hat eine Krebserkrankung überstanden, die ihn vor zehn Jahren ereilte. Was er tun würde, wenn das heute oder morgen noch einmal passieren würde, welche Therapien er dann für angemessen hielte, das ist für ihn Gegenstand intensiven Nachdenkens. Er stelle sich die Frage, wie lange er noch leben wolle, inzwischen viel konkreter. „Dass ich diese Frage überhaupt zugelassen habe, verdanke ich aber auch dem Krebs. Er hat mir zu einem altersgemäßen Selbstbewusstsein verholfen.“

Was aber ist altersgemäß? Und kann das für alle dasselbe bedeuten? „Im Lauf des Lebens werden wir immer verschiedener“, gab die Altersmedizinerin Elisabeth Steinhagen-Thiessen vom Evangelischen Geriatriezentrum Berlin zu bedenken. Einheitliche Leitlinien für die Behandlung alter Patienten hält sie deshalb für unmöglich.

Für die Behandlungsentscheidungen nach einer Krebsdiagnose fällt zum Beispiel die Frage ins Gewicht, ob der Betroffene andere Krankheiten hat. „70 Prozent der über 65-Jährigen haben mindestens eine chronische Krankheit“, berichtete Steinhagen-Thiessen. Das bedeutet, dass fast ein Drittel der Menschen im Rentenalter ansonsten recht gesund sind, wenn sie die Diagnose Krebs bekommen.

Dass das Geburtsdatum, wie es im Personalausweis steht, für Therapienentscheidungen nicht maßgeblich sein kann, wird immer klarer. „Wir brauchen neue Kriterien anstelle des kalendarischen Alters“, folgerte Steinhagen-Thiessen.

Die Lösung, die in der Krebsmedizin dafür inzwischen zunehmend diskutiert wird, trägt den Namen „Geriatrisches Assessment“. Dahinter verbirgt sich die Anwendung unterschiedlicher Fragebögen und Tests, mit denen ermittelt wird, ob und wie gesundheitliche Einschränkungen das Leben älterer Patienten in verschiedenen Bereichen beeinträchtigen, von der Selbstständigkeit im täglichen Leben über die Mobilität, den Ernährungszustand, die Stimmung und das Gedächtnis bis hin zu dauerhaften Krankheiten. Also eine Art ganzheitlicher Fitnesstest für Betagte.

„Ein solches Assessment ist ein wesentlicher Teil einer sorgfältigen Diagnostik bei älteren Patienten“, sagte Ulrich Wedding, Internist am Universitätsklinikum in Jena. In den letzten Jahren haben Fachgesellschaften Empfehlungen dazu herausgegeben. „Wir wissen inzwischen, dass die Überlebensraten nicht mit dem Alter, sondern mit dem Ergebnis im Assessment korrelieren“, sagte Wedding. Dasselbe gelte auch für die Lebensqualität. Trotzdem sei der Einsatz der Einschätzungsinstrumentarien heute noch die Ausnahme, kritisierte er.

Nicht alle Patienten vertragen die Standardtherapie

Rüstige alte Patienten ohne andere gesundheitliche Einschränkungen profitieren von der jeweiligen Standardtherapie, die für ihre Krebserkrankung in Leitlinien der Fachgesellschaften niedergelegt ist. Gunnar Folprecht vom Uniklinikum in Dresden bedauerte, dass heute Menschen über 80 in den großen Studien zu Krebstherapien kaum vorkommen. Auch über 70-Jährige, die auf Dauer mehrere Medikamente einnehmen müssen, werden dort zu wenig berücksichtigt, wie Krebsmediziner seit Jahren kritisieren.

Für Patienten mit besonderen gesundheitlichen Problemen empfiehlt Wedding das Prinzip des „Slow Go“, etwa Chemotherapie in niedrigerer Dosierung. Viele Wirkstoffe werden im Alter im Körper weniger effektiv verarbeitet, verteilen sich auch anders, etwa bei erhöhtem Anteil von Körperfett und geringerer Muskelmasse. Für eine dritte Gruppe besonders geschwächter alter Menschen ist der aggressivere Kampf gegen den Krebs mit Operation, Bestrahlung und nebenwirkungsreichen Medikamenten schließlich medizinisch nicht empfehlenswert.

Was nicht heißt, dass „nichts“ geschehen sollte. Versuche, Einschränkungen aller Art zu verhindern und Schmerzen zu lindern, gehören ohnehin zur Krebsmedizin, auch bei Jüngeren. Und bei Jung wie Alt müssen die Strategien den Wünschen des Patienten entsprechen. Dass Tumorkrankheiten im Alter prinzipiell anders, langsamer, verlaufen, sei im Übrigen ein Mythos, stellte Folprecht klar. Der Eindruck entstehe möglicherweise, weil dann diejenigen Krebserkrankungen seltener würden, die einen besonders raschen Verlauf nehmen.

Vielleicht aber auch, weil jede Krankheit einen Teil ihrer ganz persönlichen Bedeutung durch die Lebensphase gewinnt, in der sie einen Menschen trifft. Ob es mit 30, mit 70 oder mit 90 passiere, das sei doch ein Riesenunterschied, hatte der Psychiater Dörner zu Beginn der Veranstaltung angemerkt.

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