Medizin : Langer Schlaf, starke Körperabwehr

Während einer ausgedehnten Nachtruhe tankt das Immunsystem neue Kraft.

Ulrike Gebhardt
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Gesunder Schlummer. Auch die Immunabwehr braucht ausreichend Schlaf. Foto: avatra

Schlafmangel macht mürbe. Der Kopf schmerzt und die Konzentrationsfähigkeit sinkt. Auch die Körperabwehr geht nach einer durchwachten Nacht in die Knie. Wie der Psychologe Sheldon Cohen von der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh, USA, berichtete, schmälern schon geringe Störungen des Schlafs die Widerstandskraft des Körpers gegenüber einer Virusattacke. Personen, die gewohnheitsmäßig weniger als sieben Stunden pro Tag schlafen, erkrankten danach rund dreimal häufiger an einem Schnupfen als ausdauernde Schläfer.

Diese Studie legt nahe, dass das Immunsystem bei ausreichender Nachtruhe am effektivsten gegen die Viren vorgehen kann. Aber warum und wie beeinflusst der Schlaf die Körperabwehr? Möglicherweise nutzt das energieintensive Immunsystem die nächtliche Ruhephase zum „Auftanken“. Etwa, um den Verschleiß an weißen Blutzellen wieder auszugleichen. Diese Ansicht vertritt Brian Preston vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Zusammen mit anderen Forschern verglich er die Schlafdauer von 26 Säugetierarten und deren Anfälligkeit für Parasiten. Je länger die Tiere schliefen – die Zeit variierte bei den untersuchten Arten zwischen 3 und 20 Stunden – desto mehr weiße Blutkörperchen fanden sich im Blut und umso besser waren sie gegen Parasiten geschützt. Im Laufe der Entwicklungsgeschichte hätte es sich, so die Erklärung der Leipziger Forscher, für manche Arten offenbar gelohnt, trotz Einbußen bei der Nahrungsaufnahme und zeitweiliger Wehrlosigkeit, in einen ausgedehnten Schlaf und damit ein starkes Immunsystem zu investieren.

„Schlaf ist gut für die Immunabwehr“, sagt Thomas Bollinger von der Universität Lübeck. Die Lübecker Schlafforscher fanden schon heraus, dass eine Hepatitis-Impfung schwächer wirkt, wenn die Testpersonen in der Nacht nach der Impfung nicht schlafen.

Eine Erklärung dafür liefert Bollinger mit einer neuen Studie: Bei Personen, die vom Schlafen abgehalten wurden, verringerte sich im Experiment die Vermehrungsfreudigkeit jener Abwehrzellen (T-Helfer-Zellen), die für die Virusabwehr unerlässlich sind. Außerdem bringe ein Schlafmangel die natürlichen Schwankungen im Auftreten von Immunzellen durcheinander, berichtet Bollinger. So tauchten die meisten von ihnen nachts vermehrt und aktiver im Blut auf als tagsüber. Einen solchen Rhythmus konnten die Lübecker jetzt auch bei den regulatorischen T-Zellen nachweisen, die eine Abwehrreaktion gegen körpereigenes Gewebe verhindern helfen.

Allerdings sagen diese Messungen nicht viel über die Stärke der Körperabwehr zu einer bestimmten Tageszeit aus. Denn wesentliche Schritte spielen sich bei einer Immunantwort nicht im Blut ab, sondern in den Schaltzentralen der Abwehr, den Lymphknoten. Dennoch sind die natürlichen Schwankungen der Immunzellverteilung im Körper offenbar wichtig für eine gute Immunabwehr.

Nerven- und Immunzellen sprechen teilweise die gleiche „Sprache“, verständigen sich über dieselben Botenstoffe. Das führt nicht nur dazu, dass der Schlaf die Körperabwehr beeinflusst. Auch die Aktivität des Immunsystems wirkt sich auf das Schlafverhalten aus. Bei einem Infekt stellt sich rasch der Drang ein, das Bett aufzusuchen und sich gesund zu schlafen.

Das gesteigerte Schlafbedürfnis bei einem Infekt dürfte an verschiedenen Signalstoffen (Zytokine) liegen, die die Immunabwehr je nach Krankheitserreger in die richtige Richtung lenken. Von rund 20 dieser Botenstoffe ist bekannt, dass sie auch auf den Schlaf wirken.

Auch im Gehirn werden Faktoren produziert, die Immunzellen beeinflussen. Etwa die Hormone der Hirnanhangdrüse wie das Prolaktin und das Wachstumshormon, die in einem schlafabhängigen Rhythmus ausgeschüttet werden. Durch diese Schwankungen ändert sich das Milieu, in dem sich die Abwehrzellen bewegen. „Immunzellen verhalten sich am Tag anders als nachts“, erklärt Bollinger. Würden die Hormonschwankungen durch Schlafmangel durcheinandergebracht, leide die Immunabwehr.

Betrachtet man Schlaf als notwendigen Bestandteil der Körperabwehr, könnte das Folgen für das Impfen haben. Denn möglicherweise wäre es sinnvoll, zu bestimmten Tageszeiten zu impfen oder nach einer Immunisierung zu schlafen. Zudem wird man sich künftig fragen müssen, ob man nicht lieber auf den Spätfilm verzichten sollte. Aus Rücksicht auf die ruhebedürftige Immunabwehr.

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