Medizin : Mit dem Aids-Erreger geboren

Viele HIV-positive Schwangere infizieren ihr Kind – dabei könnte die Ansteckung meist verhindert werden. Die Übertragungsrate könnte auf unter zwei Prozent gesenkt werden.

 Adelheid Müller-Lissner
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Banger Blick in die Zukunft. Südlich der Sahara leben zwei Millionen Kinder mit dem Aids-Virus.Foto: AFP

Es sind erschreckende Zahlen: Weltweit stecken sich jedes Jahr 600 000 Kinder mit HIV an. Allein in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara leben zwei Millionen Kinder, die mit dem Aids-Erreger infiziert sind. 90 Prozent von ihnen haben sich bei ihrer Mutter angesteckt. Wenn keine Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden, liegt das Übertragungsrisiko bei der Geburt bei 20 bis 40 Prozent.

Dabei wissen Ärzte inzwischen sehr genau, wie das Risiko einer Infektion des Kindes minimiert werden kann: Wichtig ist vor allem, dass die werdende Mutter in den letzten Wochen der Schwangerschaft gewissenhaft Medikamente nimmt, die das Virus in Schach halten. Vorsorglich wird auch das Baby einige Wochen lang mit einem Medikament gegen die Immunschwäche behandelt, es wird meist per Kaiserschnitt zur Welt gebracht, die Mutter verzichtet anschließend auf das Stillen. So werden wichtige Infektionswege ausgeschaltet, die Übertragungsrate kann auf unter zwei Prozent gesenkt werden, wie Studien zeigen.

In Deutschland, wo in den letzten Jahren einige hundert HIV-infizierte Frauen ein Kind bekommen haben, wird all dies auch gemacht. In den Ländern der Erde, in denen HIV das größte Problem darstellt, können die Frauen von einem derart umsichtigen, am neuesten Erkenntnisstand orientierten Vorgehen jedoch nur träumen. Beim 9. Weltkongress für Perinatale (rund um die Geburt angesiedelte) Medizin, zu dem sich bis gestern über 2000 Fachleute aus rund 100 Ländern erstmals in Berlin versammelten, wurde über dieses Problem diskutiert. Man wolle sich schließlich nicht allein mit High-Tech-Medizin, sondern auch mit internationalen Problemen der Gesundheitsversorgung befassen, hatte Kongresspräsident Joachim Dudenhausen von der Charité gleich zu Beginn erklärt.

Gundel Harms-Zwingenberger, Direktorin des Tropeninstituts der Charité, berichtete beim Kongress über Erfolge eines vom deutschen Entwicklungshilfeministerium unterstützten Programms, das seit 2002 in Uganda, Kenia und Tansania läuft. Jede zehnte der über 200 000 Schwangeren, die hier erreicht wurden, war HIV-positiv. Viele von ihnen hatten zunächst Angst vor den negativen Konsequenzen eines offenen Umgangs mit der Infektion. „Ein weiteres Problem ist, dass schwangere Frauen keine Medikamente nehmen wollen, schließlich wurde ihnen jahrzehntelang gesagt, sie sollten das nicht tun“, sagte Harms-Zwingenberger.

Auch die antiretrovirale Therapie (kurz: ART) ist nicht ohne Nebenwirkungen. Probleme wie erhöhte Frühgeburtenrate und niedriges Geburtsgewicht, die ohnehin mit der HIV-Infektion einhergehen, werden wahrscheinlich durch die Mittel verstärkt. „Die Mechanismen, die dem zugrunde liegen, kennen wir noch nicht“, sagte beim Kongress der HIV-Forscher Oriol Coll von der Universität Barcelona. Trotzdem führt kein Weg an ART vorbei, will man die Kinder vor der lebensbedrohlichen Seuche bewahren und das Leben der Mütter retten. Mit der preisgünstigeren Variante, nur den Wirkstoff Nevirapin zu geben, ist es wegen der Bildung von Resistenzen nicht getan.

„Ein universeller Zugang zur modernen Kombinationstherapie wäre wünschenswert“, sagt der französische HIV-Spezialist Renaud Becquet vom Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale in Bordeaux. In einer neuen Studie, die von der nationalen Aids-Forschungsagentur Frankreichs gefördert wird, wird deshalb die Wirkung eines Kombinationspräparats getestet, das die Frauen in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft nur einmal am Tag einnehmen müssen. Sie sollten es auf jeden Fall weiter nehmen, so lange sie stillen. Denn auch wenn in den wohlhabenden Ländern dieser Erde die Empfehlung gilt, dass HIV-positive Mütter auf andere Babynahrung zurückgreifen sollten, ist in den Augen der Experten in ärmeren Ländern mit schlechteren hygienischen Bedingungen das Stillen die praktikablere Option.

Auch was die Art der Entbindung betrifft, stellen sich die Fragen verschieden. In Ländern mit moderner Gesundheitsversorgung ist es inzwischen der Normalfall, dass HIV-infizierte Frauen ihr Kind per Kaiserschnitt bekommen. Die Geburtsmediziner fragen sich allenfalls, ob die Vorteile auch bei den Frauen überwiegen, bei denen das Virus nach einer wirksamen Therapie kaum nachweisbar ist. „In Entwicklungsländern stellt sich umgekehrt die Frage, welche Rolle der Kaiserschnitt spielen kann“, sagte Jennifer Read vom National Institute of Health der USA in Bethesda.

Dass man die „vertikale“ Übertragung des Virus von der Mutter auf das Kind so effizient verhindern kann, bezeichnete der Neugeborenenmediziner Richard Thwaites aus dem englischen Portsmouth beim Kongress als eine der Erfolgsgeschichten der HIV-Medizin. Erste Voraussetzung dafür, dass sie zum Tragen kommt, ist der Test. Weltweit hat die Rate der Schwangeren, die einen HIV-Test bekommen, in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Das WHO-Ziel, schon im nächsten Jahr 80 Prozent der Frauen zu erreichen, dürfte allerdings zu ehrgeizig sein.

In England sei der HIV-Test für Schwangere längst „Teil eines Gesamtpakets“ von Untersuchungen, berichtete Thwaites. Hierzulande werde er immer noch nicht allen werdenden Müttern angeboten, kritisierte dagegen Dudenhausen. Er wünscht sich zudem, dass das Ergebnis im Mutterpass eingetragen wird - um Mutter und Kind an jedem Ort richtig behandeln zu können.

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