Medizin-Nobelpreis : "Die beste Zeit meines Lebens"

US-Forscher David Baltimore: Wie es ist, mit 37 den Nobelpreis zu bekommen.

Herr Baltimore, Sie haben den Nobelpreis bekommen, als sie 37 Jahre alt waren. Ganz schön jung, oder?

Ja, das stimmt, aber die Zeiten haben sich seit 1975 geändert, heute haben die jungen Menschen erst viel später die Chance, selbstständig zu forschen. Man bekommt vielleicht mit 40 Jahren die ersten eigenen Forschungsgelder. Davor ist man immer abhängig von anderen. Früher war das anders, ich hatte meine erste unabhängige Stelle mit 26 und eine Assistenz-Professur mit 30.

Mit 32 kam die Veröffentlichung, die Ihr Leben verändert hat. Was genau haben Sie damals entdeckt?

Bestimmte Viren tragen nicht die Erbsubstanz DNS, sondern eine verwandte Nukleinsäure, die RNS, als Erbinformation. Diese Viren können ihre RNS in DNS umschreiben. Das Enzym, das diese Aufgabe erfüllt, heißt Reverse Transkriptase.

Normalerweise schreibt eine Zelle doch von der DNS die kleinere Boten-RNS ab, um daraus die Anleitung abzulesen, wie Proteine hergestellt werden sollen…

Und bei diesen speziellen Viren läuft es andersherum. Wenn sie ihre RNS in DNS umgeschrieben haben, bauen sie diese in die Erbsubstanz der Wirtszelle ein. Sie werden dauerhafter Bestandteil der menschlichen Zelle. Dadurch können sie die Zelle steuern und letzten Endes auch Krebs verursachen. Das war die entscheidende Beobachtung.

Wie war diese Entdeckung für Sie?

Es war die beste Zeit in meiner Karriere. Bei all den anderen Errungenschaften haben immer viele verschiedene Wissenschaftler Wichtiges beigetragen. Aber die Reverse Transkriptase, das war ich allein. Ich war der einzige Autor auf der Veröffentlichung. Das war schon toll.

Wieso haben Sie damals alles alleine gemacht?

Ich hatte gerade erst eine eigene Gruppe bekommen. Und von meinen Leuten war ich am besten ausgebildet für dieses Projekt. Wenn jemand anderes daran hätte arbeiten sollen, hätte ich ihm erst alles beibringen müssen. Übrigens, wenn Sie mich fragen, was die lohnendste Zeit war, dann wäre das was anderes.

Und was?

Die Sache mit dem Krebsgen Abl. Weil daraus eine Therapie geworden ist. Wir haben damals die Aktivität des Krebsgens gezeigt. In einer bestimmten Form von Leukämie, der chronischen myeloiden Leukämie, ist das Gen für Abl mit einem anderen Gen verschmolzen, dadurch entsteht ein unnormales, viel größeres Abl-Protein, das erheblich aktiver ist als das normale Abl. Diese Überaktivierung verursacht den Krebs. Daran sind Menschen gestorben. Dank der Forschung konnte eine Therapie entwickelt werden. Seit 2001 haben wir „Imatinib“, und man kann die Patienten behandeln.

In einer so langen Karriere mit so vielen Höhepunkten gab es ja auch schwierige Zeiten…

Naja, Sie kennen die Imanishi-Kari-Geschichte. Das war schon schwierig.

Theresa Imanishi-Kari war eine Mitarbeiterin von Ihnen in den 80er Jahren. Sie hatten eine gemeinsame Veröffentlichung. Frau Imanishi-Kari wurde dann Betrug und Datenfälschung vorgeworfen. Der Vorfall zog sich ein paar Jahre hin und ging ausführlich durch die Presse.

Erst wurde Frau Imanishi-Kari schuldig gesprochen und durfte zehn Jahre lang keine Forschungsgelder mehr bekommen. Ein paar Jahre später wurde der Fall wieder aufgerollt, und sie wurde in allen Punkten freigesprochen. Heute ist sie Professorin.

Der Fall ist unter anderem so berühmt, weil Sie sich so stark für Frau Imanishi-Kari eingesetzt haben. Sie haben sie immer verteidigt. Woher wussten Sie, dass die Vorwürfe grundlos waren? Haben Sie den Anschuldigungen nie geglaubt?

Ich kannte Theresa schon länger. Sie war vielleicht ein bisschen unorganisiert, aber sie hat nie gezögert, mir Probleme im Labor zu erzählen. Sie war nicht der Mensch, der negative Ergebnisse beschönigt. Ich habe mich ganz ehrlich selbst gefragt, ob ich ihr einen Vorwurf machen konnte. Und die Antwort war Nein. Die einzig mögliche Konsequenz war, dass ich sie verteidigen musste.

Im März sind Sie 70 geworden. Sie sind nach wie vor Professor am Caltech und aktiv in der Forschung. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Im Jahr 2005 haben wir Forschungsgelder von der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung bekommen, um Antikörper gegen HIV zu produzieren. Die Forschung dafür ist im vollen Gange. Wir verbessern die Antikörper im Labor. Wenn wir sie optimiert haben, wollen wir die genetische Information in Stammzellen einbringen. Die Stammzellen können dann für eine lebenslange Versorgung mit den richtigen Antikörpern sorgen. Es ist eine Kombination aus Gentherapie, Stammzelltherapie und Immuntherapie – was könnte moderner sein!

Es klingt aber auch sehr teuer. Nicht gerade günstig bei einer Therapie, die einmal auch in Afrika eingesetzt werden sollte.

Ideal wäre es, die Gene für die Antikörper in Viren zu verpacken. Die Viren würden dann dem Patienten gespritzt. Im Körper des Patienten sollten die Viren die Stammzellen selbst finden. Das wäre eine Impfung, die einfach und preiswert zu haben wäre.

Und das funktioniert?

Nun, für andere Ansätze, ja. Wir testen es in der Maus. Aber wir haben noch viel zu tun.

Das Gespräch führte Sina Bartfeld.

David Baltimore, 70, bekam 1975 den Medizin-Nobelpreis, ist ein Wegbereiter der Gentechnik und forscht am California Institute of Technology in Los Angeles.

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