Medizin : Nur eine Impfspritze gegen die Schweinegrippe?

Bestätigen sich Hinweise aus australischen und britischen Studien, könnten mehr Menschen vor der Epidemie rascher und billiger geschützt werden.

Hartmut Wewetzer

Mit dieser guten Nachricht hatten viele Experten nicht gerechnet: Wie bereits kurz gemeldet, schützt offenbar schon eine einzige Impfdosis gegen die Schweinegrippe, und das bereits nach etwa zwei Wochen. Das ergaben eine australische und eine britische Studie, die im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ (online vorab) veröffentlicht wurden. Sie bestätigen Angaben des chinesischen Impfstoffherstellers Sinovac Biotech, der schon Mitte August berichtet hatte, eine Impfdosis genüge.

Auch gegen die „normale“ saisonale Grippe genügt eine einzige Dosis. Das liegt aber daran, dass diese Impfung einen bereits vorhandenen Schutz lediglich auffrischen und verstärken soll. Gegen das neuartige Pandemie-Virus vom Typ H1N1 bestehen dagegen noch nicht genügend Abwehrkräfte. Das war zumindest bislang die Annahme von Fachleuten. Deshalb hatten sie empfohlen, zweimal im Abstand von einigen Wochen zu impfen. Wird dagegen nur eine einzige Dosis benötigt, können im Prinzip doppelt so viele Menschen geimpft und der Schutz einige Wochen rascher erreicht werden. Und billiger dürfte das Impfprogramm auch noch werden.

An der australischen Studie unter Leitung von Michael Greenberg nahmen 240 gesunde Versuchspersonen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren teil. Es zeigte sich, dass eine einzige Impfspritze des Herstellers CSL Limited mit 15 Mikrogramm Viruseiweiß – das ist die übliche Dosis – genügte, um nach drei Wochen bei rund 97 Prozent der Versuchsteilnehmer einen ausreichenden Schutz hervorzurufen. Ermittelt wird dieser Schutz, indem man misst, wie aktiv die im Blut kreisenden Antikörper gegen die Schweinegrippe sind. Die Antikörper sind Abwehrstoffe, die als Reaktion auf den Impfstoff vom Immunsystem hergestellt werden.

In der von Tristan Clark von der Universität Leicester geleiteten britischen Studie mit dem in einer Zellkultur hergestellten Impfstoff von Novartis wurden 175 Erwachsene zwischen 18 und 50 geimpft. Hier zeigte sich bereits nach zwei Wochen ein Schutz, und das sogar in rund 80 Prozent der Fälle mit der „halben“ Dosis von 7,5 Mikrogramm Viruseiweiß. Bekamen die Teilnehmer zwei Impfdosen, hatten mehr als 90 Prozent eine deutliche Reaktion ihres Immunsystems. Der Impfstoff enthielt ein Adjuvans, also eine Substanz, die die Impfantwort verstärkt. Nach Angaben von Novartis sind weitere Studien in Vorbereitung. An diesen würden mehr als 6000 Erwachsene und Kinder teilnehmen.

Bei Kindern bis zu neun Jahren dürfte die einfache Dosis jedoch vermutlich nicht ausreichen, weil ihr Immunsystem noch keine ausreichende Abwehrstärke besitzt. Bis zu sechs Monate alte Kinder werden nicht geimpft. Sie besitzen noch einen von der Mutter übertragenen Schutz vor Infektionen. Ältere Kinder, Schwangere und chronisch Kranke seien mit einer einzigen Impfung genügend gewappnet, meint Kathleen Neuzil von der Hilfsorganisation Path in Seattle.

Beide Impfstoffe erwiesen sich als gut verträglich, am häufigsten traten Schmerzen an der Injektionsstelle auf. Die Zahl der Versuchsteilnehmer ist jedoch viel zu gering, um seltene, aber auch schwerere Nebenwirkungen zu ermitteln.

Gefürchtet ist vor allem das Guillain-Barré-Syndrom. Es trat 1976 bei einer von 100 000 Personen auf, die sich gegen die Schweinegrippe hatten impfen lassen. Das Leiden führt zu Lähmungen und kann tödlich enden. Allerdings erwies sich der 1976 in den USA ausgelöste Schweinegrippe-Alarm als völlig überzogen. Dagegen grassiert die gegenwärtige Pandemie schon in 168 Ländern und hat laut Weltgesundheitsorganisation bereits an die 3000 Todesopfer gefordert. In Deutschland gab es trotz mehr als 16 000 Infektionen noch keine Todesfälle.

„Auf der Basis dieser Daten ist es angemessen, die Impfung mit einer einzigen Dosis in der üblichen Menge zu beginnen“, kommentiert die Impfstoffexpertin Kathleen Neuzil im „New England Journal of Medicine“. Anthony Fauci, Direktor des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten der USA, berichtete, dass erste amerikanische Untersuchungen die „aufregenden Daten“ bestätigten. Erwachsene seien nach diesen Studien schon acht bis zehn Tage nach einer Impfung geschützt gewesen.

Wie in Deutschland mit der Impfung gegen die Schweinegrippe weiter verfahren wird, ist noch unklar. Eine Sprecherin des für die Zulassung zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts sagte gegenüber dem Tagesspiegel, man prüfe die Studien. Nach Umfragen will sich die Mehrheit der Deutschen nicht impfen lassen. Die Zahl der Neuerkrankungen ist hierzulande zurückgegangen, doch erwartet das Robert-Koch-Institut im Herbst wieder mehr Fälle.

Inzwischen ist der Impfstoff für die kommende „Grippesaison“ mit den herkömmlichen Erregertypen verfügbar. Er schützt jedoch nicht vor der Schweinegrippe. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt Menschen jenseits der 60, chronisch Kranken und medizinischem Personal, sich gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen.

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