Medizin : Nur löschen, wenn’s brennt

Je mehr Antibiotika verordnet werden, desto schlechter wirken sie. Eine "Resistenzstrategie" soll helfen.

Adelheid Müller-Lissner
Bakterien
MRSA-Bakterien (oben rechts) entwickeln sich immer weiter, so dass viele Antibiotika nicht mehr dagegen ankommen. -Foto: 3M Deutschland

Alle Jahre wieder stehen Ärzte vor dieser Situation: Hustend und schniefend, mit kratzendem Hals und leichtem Fieber kommen die Menschen in ihre Praxis. Die Erkältungsviren haben zugeschlagen. Oder könnten doch Bakterien im Spiel sein? Droht eine eitrige Angina oder gar eine Lungenentzündung? Kurz: Braucht dieser Patient vielleicht ein Antibiotikum?

Die Entscheidung muss schnell fallen – im Wartezimmer sitzen schon die nächsten Kranken. Tagelang auf das Ergebnis einer Laboruntersuchung zu warten, ist meist unmöglich. „Verständlicherweise verordnen die Kollegen in der Praxis dann ein Antibiotikum; um sich selbst sicherer zu fühlen, aber auch, weil die Patienten es fordern“, sagt Norbert Suttorp, Infektionsexperte an der Berliner Uniklinik Charité. „Auf der anderen Seite wissen sie, dass die Verordnung von Antibiotika Resistenzen hervorrufen kann, und dass vier von fünf Atemwegsinfekten durch Viren ausgelöst werden, gegen die Antibiotika nicht helfen.“

Ein Schnelltest für Bakterien könnte helfen

Je häufiger die Bakterien mit Medikamenten attackiert werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie Gegenstrategien entwickeln: Eine der besten Waffen der Medizin wird stumpf. „Das Beste wäre ein praxistauglicher Schnelltest“, sagt Suttorp. Schon heute ist die schnelle Unterscheidung zwischen Infektionen durch Viren oder Bakterien mit Hilfe des Biomarkers Procalcitonin (PCT) möglich. Denn der ist im Blut nur erhöht, wenn Bakterien im Spiel sind. Eine Studie des Universitätsspitals Basel hat ergeben: Patienten, bei denen der Hausarzt wegen eines Atemwegsinfekts einen PCT-Test machte, bekamen 75 Prozent weniger Antibiotika verordnet als die Kontrollgruppe, die ohne Test blieb.

Dementsprechend sieht Suttorps Vision von der Behandlung einer Atemwegsinfektion aus: Der Arzt nimmt in der Praxis Blut ab und gibt dem Patienten das Rezept für ein Antibiotikum mit nach Hause. Ein paar Stunden später, wenn das Testergebnis vorliegt, ruft er den Patienten an und sagt ihm, ob er nun das Mittel kaufen soll. Spricht das Untersuchungsergebnis nämlich dafür, dass Viren die Übeltäter sind, können die Medikamente gespart werden. Im anderen Fall, wenn ein Antibiotikum genommen werden muss, kann der Test ein paar Tage später wiederholt werden, um den Behandlungserfolg zu überprüfen.

Bislang werden die Tests nicht von den Krankenkassen bezahlt. Allerdings rücken Strategien, mit denen Resistenzen eingedämmt und der Einsatz von Antibiotika effektiver werden können, zunehmend ins Interesse der Politiker.

Am heutigen Dienstag wird in Berlin in Anwesenheit von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und Vertretern des Verbraucherschutzministeriums die neue Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie „Dart“ vorgestellt. Ziel ist es unter anderem, einheitliche Überwachungssysteme für Resistenzen und Antibiotika-Verbrauch – auch in der Tiermedizin – zu etablieren. Dass beides miteinander in Beziehung steht, ist wissenschaftlich erwiesen.

Die Niederländer verbrauchen weniger Antibiotika als die Franzosen

„In Deutschland liegen wir hinsichtlich Antibiotikaverbrauch und Resistenzentwicklung im Mittelfeld“, sagt Suttorp. Frankreich ist beim Antibiotika-Verbrauch EU-Spitzenreiter, dort werden doppelt so viele Tagesdosen eingenommen wie in Deutschland. In den Niederlanden hingegen kommt man mit einem Drittel der französischen Pro-Kopf- Men ge aus.

Die Fortbildung von Ärzten sowie die Aufklärung der Öffentlichkeit allein werden die Probleme mit den Antibiotika nicht lösen können. „Es gibt mitunter kaum lösbare Konflikte“, gibt Suttorp zu bedenken. So werden Antibiotika heute routinemäßig zur Vorbeugung von Infektionen bei Eingriffen wie etwa dem Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks gegeben. Und das zu Recht. Dass es nach einer solchen Operation nicht zu Infektionen kommt, ist inzwischen auch ein wichtiges Qualitätskriterium, nach dem Patienten die Klinik aussuchen. Andererseits müssen hundert Patienten vorsorglich ein Antibiotikum bekommen, damit drei bis fünf Infektionen vermieden werden. Um Patienten angemessen zu versorgen, müssen Ärzte folglich das Risiko eingehen, dass sich die Resistenzzahlen in fünf bis zehn Jahren erhöhen.

Dafür hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass man die Mittel meist nicht wochenlang nehmen muss. Bei Lungenentzündungen werden häufig nur noch fünf bis sieben Tage lang Antibiotika gegeben. Suttorp vergleicht das mit dem Löschen eines Brandes im Dachstuhl: Ist die Infektion überstanden, kann der Schlauch eingeholt werden. Wenn hier mit Medikamenten gespart wird, schlägt das zahlenmäßig gewaltig zu Buche, denn 750 000 Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland an einer Lungenentzündung.

Das gut alte Penicillin ist noch immer gefragt

Andere Formen des Sparens können jedoch verheerende Folgen haben: Bei den Pneumokokken, typischen Erreger von Lungenentzündungen, steigen die Resistenzen gegen die häufig verordneten, weil preiswerten Mittel aus der Gruppe der Makrolide. Dafür wirkt das gute alte Penicillin nach wie vor – gegen das sich jedoch in den USA schon in nennenswertem Umfang Resistenzen gebildet haben.

Natürlich wünschen sich Infektionsmediziner im Kampf gegen Bakterien immer neue Präparate, vor allem gegen aggresive Keime, die Patienten auf der Intensivstation bedrohen. Dennoch sollte man mit den vorhandenen Medikamenten eine intelligente Politik betreiben, fordert Suttorp. „Wir haben hier Juwelen, mit denen man sorgsam umgehen muss.“ Das eine oder andere wertvolle Stück sollte nur für seltene Anlässe aus dem Safe genommen werden.

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