Medizin : Operation Placebo

Chirurgen wollen prüfen, welche Eingriffe den Patienten wirklich helfen

 Rosemarie Stein
OP
Effekt-Studie: Operationen auf dem Prüfstand. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Soll ich mich operieren lassen und wenn ja, wie? Kann mir der Eingriff helfen? Ist die vorgeschlagene neue Technik tatsächlich besser als das übliche Verfahren? Solche Fragen ratloser Patienten sind oft gar nicht zuverlässig zu beantworten. Denn Studien zum Vergleich einer neuen Therapie mit einer anderen oder mit Placebo sind zwar bei Arzneimitteln die pflichtgemäße Regel, in der Chirurgie aber noch die Ausnahme. Ein wirkstoffloses Schein-Medikament zu verabreichen ist ja auch einfacher, als einen Patienten zum Schein zu operieren.

Berühmt wurde ein Experiment amerikanischer Chirurgen: Herzkranke mit starken Angina-pectoris-Beschwerden wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Bei der ersten wurde eine nahe am Herzen verlaufende Arterie (Arteria mammaria interna) unterbunden, also verschlossen, in der Annahme, das Blut würde dann zum Herzen umgeleitet und damit die Beschwerden gelindert werden.

Bei der zweiten, der Kontrollgruppe, wurde zwar der Brustkorb eröffnet und die Arterie freipräpariert, aber nicht unterbunden. Weder die Patienten noch das Stationspersonal erfuhren, wer zu welcher Gruppe gehörte. Hinterher ging es in beiden Gruppen etwa gleich vielen Patienten erheblich besser. Einige der Placebo-Operierten waren sogar körperlich stärker belastbar als zuvor.

Heute würde keine Ethik-Kommission eine so tiefgreifende Scheinoperation genehmigen. Aber diese Studie wurde schon vor einem halben Jahrhundert veröffentlicht (1959 im „New England Journal of Medicine“), ein gleicher Versuch mit demselben Ergebnis 1960 im „American Journal of Cardiology“. Danach wurde diese Operation aufgegeben. Sie hatte sich nur zwei Jahre halten können.

Chirurgie ist "das potenteste Placebo"

Auch bei anderen Placebo-Eingriffen zeigte sich die erstaunliche Wirkung des ganzen chirurgischen Drum und Dran. Schon Tabletten haben meist einen Placeboeffekt, Spritzen einen noch weit stärkeren. Und die Chirurgie ist „das potenteste Placebo“ – leider auch mit dem größten Nebenwirkungsrisiko.

Wie wird nun heute der Nutzen der verschiedenen Operationsverfahren wissenschaftlich geprüft? Meist unzureichend oder gar nicht. Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, weiß dafür mehrere Gründe zu nennen, darunter diese: Die „klinische Erfahrung“ wird überbewertet. „Riten und Mythen“ halten sich zäh, sagt Bauer. Als Beispiele solch „symbolischer Chirurgie“ nennt er die regelmäßige Ausschabung chronischer Wunden oder die Spülung und Knorpelglättung des Kniegelenks bei Arthrose.

Einwandfreie klinische Studien, bei denen die Machbarkeit und das Ergebnis neuer Verfahren unter idealen Bedingungen geprüft wird, sind in der Chirurgie schwierig und selten. Das gilt vor allem für anspruchsvolle Studien mit Placebogruppe.

Ungeprüfte Eingriffe können Patienten schaden

Bei leichten Eingriffen halten manche Chirurgen Scheinoperationen für vertretbar. Sie argumentieren, ungeprüfte, womöglich überflüssige Eingriffe würden Patienten mehr schaden als eine harmlose Scheinoperation. Oft dürfte der Placebo-Eingriff gar nicht nötig sein, denn meist stehen andere chirurgische Verfahren zum Vergleich zur Wahl.

Noch seltener als klinische Versuche sind Studien zur Versorgungsforschung, mit denen man ermitteln will, ob klinisch geprüfte Verfahren den Patienten auch unter Alltagsbedingungen nutzen.

Deshalb gründete die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie ein eigenes Studienzentrum, und deshalb waren die Chirurgen federführend beim diesjährigen Deutschen Kongress für Versorgungsforschung. Hauptthema war das Problem, wie der neue Forschungsstand den Patienten zugute kommt.

Echte Innovationen erreichen meist erst verzögert die Patienten, konstatierte Tagungspräsident Christian Ohmann (Uni Düsseldorf). Dagegen verbreiten sich Pseudo-Neuerungen oft rasch, sogar riskante Techniken wie der computergestützte Hüftgelenksersatz. Er wurde erst geprüft und daraufhin als „experimentell“ eingestuft, als man ihn schon bei 5000 Patienten angewandt hatte. Vorerst bleibt einem Patienten vor einer Operation also nur, eine zweite Meinung eines unabhängigen Arztes einzuholen.

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