Medizin : Operationen werden sicherer

Das Vermeiden von Fehlern beschäftigt die Chirurgen. Damit sind sie weiter als viele ihrer Kollegen.

Rosemarie Stein
Sicherheit durch Kommunikation. Zu wenig Informationsaustausch ist eine häufige Fehlerquelle in der Medizin. Das Foto zeigt das Präparieren einer Spenderleber. Foto: ddp
Sicherheit durch Kommunikation. Zu wenig Informationsaustausch ist eine häufige Fehlerquelle in der Medizin. Das Foto zeigt das...Foto: ddp

1977 führten die Chirurgen als erste medizinische Disziplin Verfahren zur Qualitätssicherung therapeutischen Vorgehens ein. Jetzt sind sie wieder Vorreiter: bei der Frage, wie die Sicherheit der Patienten in der immer komplizierter werdenden Chirurgie und im hektischen Klinikalltag verbessert werden kann. Gefahrenträchtig sind zwar nicht allein Operationen. Aber ein großer Teil der 17 000 Patienten, die jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern an fehlerhaften Behandlungen sterben, dürften Fehlern in der Chirurgie zum Opfer fallen.

Diese Schätzzahl des „Aktionsbündnisses Patientensicherheit“, dem die Chirurgen angehören, nannte der Marburger Medizin-Dekan Matthias Rothmund auf dem am Freitag beendeten 127. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin. Auf dem Chirurgenkongress 2005 hatte er als dessen Präsident das seinerzeit kontroverse Thema „Patientensicherheit in der Chirurgie“ zur Diskussion gestellt. Eine vertrauensbildende Maßnahme, für die er jetzt mit dem Rudolf-Zenker-Preis der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie geehrt wurde. Da waren die Chirurgen wieder Avantgarde, wie zuvor bei der Qualitätssicherung.

Einige Jahre nach Amerikas Ärzten hatten auch ihre deutschen Kollegen nach anfänglichem Zögern offen und ehrlich bekannt, dass in der Medizin Fehler vorkommen. Das liegt weniger an einzelnen Ärzten und Schwestern als an schlecht koordinierten Abläufen, vor allem an Kommunikationsmängeln. Rothmund berichtete, was inzwischen geschehen ist, um den Behandlungsprozess geordnet und für den Patienten sicherer zu gestalten sowie Fehler und Beinahe-Fehler zu analysieren und daraus zu lernen.

„Es wird jetzt über Fehler geredet“, sagte er und sieht allein schon dies als großen Fortschritt an. Deutlich zugenommen haben zum Beispiel die in anderen Ländern zum Standard gehörenden regelmäßigen Besprechungen über unerwartete Komplikationen und Todesfälle. Diese „Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen“, bei denen Fehler und ihre Verhinderung zur Sprache kommen, waren vor dem Wendepunkt 2005 nur in 20 Prozent der deutschen Chirurgischen Kliniken üblich, 2009 schon in 50 Prozent.

Auch elektronische Systeme zur anonymen Meldung von Fehlern und Beinahe-Fehlern wurden nach Schweizer Vorbild in vielen Kliniken sowie zentral von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie eingeführt. So können die Chirurgen nicht nur aus eigenen, sondern auch aus fremden Fehlern lernen.

Als wichtig erwähnte Rothmund die elektronische Unterstützung von Arbeitssituationen, wies aber auch auf die Gefahr hin, dass man mehr vor dem Computer sitzt, als miteinander zu reden. Auch Kommunikation und Teamarbeit müssen eingeübt werden.

Viele Kliniken nutzen eine Checkliste der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie soll vor allem die gröbsten Fehler vermeiden helfen: Verwechslung der Patienten und Eingriffe an falscher Stelle. Schließlich wurden schon gesunde Beine amputiert und Lungenflügel herausoperiert, weil rechts und links verwechselt wurde. Nach dieser Checkliste bestätigt der Patient vor der Narkose seine Identität, den Ort und die Art des geplanten Eingriffs sowie seine Zustimmung dazu. Vom Team werden Besonderheiten wie Allergien oder ein erhöhtes Blutungsrisiko festgestellt. Nach dem Eingriff stellt man fest, ob die Zahl der Instrumente, Bauchtücher, Tupfer usw. stimmt, also nichts im Körper vergessen wurde. Schließlich bespricht man wichtige Punkte seiner weiteren Versorgung.

Rothmund nannte noch weitere Vorschläge der WHO. Zum Beispiel sollte es keine Medikamente mehr geben, die wegen ähnlichem Aussehen oder ähnlichem Namen leicht zu verwechseln sind. Durch ausschließliche Verwendung von Einmalspritzen und die „Aktion Saubere Hände“ sollen Infektionen verringert werden. Checklisten, Konzepte und Vorgaben allein genügen aber nach Meinung Hartmut Bauers, Präsident der Chirurgengesellschaft, nicht. Patientensicherheit und Fehlerprävention müssen Chefsache sein, und alle Mitarbeiter sollten dahinterstehen. Ob das so bald gelingt?

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