Medizin : Schweinegrippe-Virus aus dem Gen-Baukasten

Berliner Forscher ergründen die Herkunft der gefährlichen Krankheitserreger

Adelheid Müller-Lissner

Eines ist sicher: Grippeviren werden weiter für Unruhe hervorrufen – denn sie sind selbst unruhige Gesellen. Insofern ist der Tierarzt und Virusexperte Klaus Osterrieder von der Freien Universität Berlin über das Auftreten der neuartigen Schweinegrippe nicht erstaunt. „Was ein richtiges Influenzavirus ist, das verändert sich gern und oft, und es sucht sich häufig neue Wirte, denn das ist seine Überlebensstrategie“, sagt der Wissenschaftler, der vor allem über Influenzaviren bei Haustieren forscht. Gestern informierte Osterrieder zusammen mit seinem Kollegen Lothar Wieler vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen aus aktuellem Anlass über das neue Virus.

Wo der Erreger vom Typ H1N1 seinen Ursprung hat, ist noch ungeklärt. Da Wissenschaftler Influenzaviren nach dem Ort benennen, an dem sie zuerst gefunden wurden, könnte man von der Mexiko- oder Kalifornien-Grippe sprechen.

Aber auch für die Bezeichnung Schweinegrippe gibt es aus der Sicht der Fachleute Argumente: Mehrere Eiweiß-Bestandteile des neuen Erregers haben große Ähnlichkeiten mit Grippeviren, an denen Schweine erkranken. So ist sein Protein Neuraminidase eng mit zwei verschiedenen Schweineviren verwandt, das gleich gilt nach Auskunft von Wieler für ein Viruskapseleiweiß (Nukleoprotein), das für die Vermehrung wichtig ist. „Unsere molekularbiologischen Untersuchungen zeigen, dass der Erreger nach dem Baukastenprinzip zusammengesetzt ist“, sagt der Tiermediziner. Das Erbgut ist aus dem verschiedener Vorläuferviren zusammengesetzt worden.

Die Unterschiede wirken sich nicht zuletzt darauf aus, wie ansteckend ein Virus ist, und darauf, wie Infektionen bei Tier und Mensch verlaufen. „Eine Erkrankung mit dem neuen Virus scheint meist einen milden Verlauf zu nehmen, dafür wird der Erreger von Mensch zu Mensch übertragen“, sagt Osterrieder. Das Vogelgrippe-Virus H5N1 dagegen führte bei Menschen zu schweren Verläufen, typischerweise hatten sie sich jedoch nur im engen Kontakt zu Geflügel angesteckt.

Für die Frage, ob die große oder gar weltweite Ausbreitung eines neuen Influenzaerregers droht, sind auch die Umweltbedingungen entscheidend. Klar ist, dass ein Virus für seine Weiterverbreitung nur wenig Zeit hat, wenn die Infizierten schnell und schwer erkranken und das Bett hüten müssen. Dem aktuellen Schweinegrippe-Virus macht es hoffentlich einen Strich durch die Vermehrungsstrategie, dass die Fahndung so effizient ist. „Die infizierten Brandenburger wurden schließlich trotz des milden Verlaufs durch aufmerksame Ermittlungen erkannt“, sagt Osterrieder.

Für die Bewohner der Nordhalbkugel ist es zudem günstig, dass nun die warme Jahreszeit anbricht. „Die Viren überleben bei niedrigeren Temperaturen besser und werden vom Sonnenlicht effizient abgetötet“, erläuterte Wieler. Das erklärt zum Teil das saisonale Auftreten der Grippe. Nicht ganz geklärt ist allerdings in vielen Fällen, wo, bei wem und wie die Erreger dann „übersommern“. Um ihnen das Leben schwer zu machen, tun Human- und Veterinärmediziner aber auf jeden Fall gut daran, eng zusammenzuarbeiten.

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