Medizin : Tod aus heiterem Himmel

Nur fünf Tage vor ihrem Tod wurde bei Pina Bausch Krebs diagnostiziert. Kann man so rasch an der Krankheit sterben?

Adelheid Müller-Lissner
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Von der Krankheit gezeichnet. Erst wenige Tage vor ihrem Tod erfuhr die Choreografin Pina Bausch die Diagnose Krebs.Foto: ddp

Ihre Stücke handeln auch vom Altern, von Krankheit und Schmerz. Der Tod der Tänzerin, Choreografin und Theaterchefin Pina Bausch bewegt ihre Fans in aller Welt. Noch am 21. Juni hatte die 68-Jährige selbst auf der Bühne gestanden. Fünf Tage vor ihrem Tod sei bei der Künstlerin eine Krebsdiagnose gestellt worden, teilte das Wuppertaler Tanztheater mit.

Dass der Tod dieser Nachricht so schnell folgte, erscheint vielen nicht zuletzt deshalb erstaunlich, weil rein statistisch gesehen eine umgekehrte Entwicklung zu verzeichnen ist: Krebs wird früher erkannt und ist besser heilbar geworden. Inzwischen sind nach Daten des Robert-Koch-Instituts 60 Prozent der weiblichen und 53 Prozent der männlichen Krebspatienten fünf Jahre nachdem sie von der Diagnose erfuhren noch am Leben. Bei Brustkrebs, der häufigsten Krebsart der Frauen, sind es sogar 81 Prozent. Wo er nicht heilbar ist, wird Krebs oft zu einer „chronischen“ Krankheit, mit der viele Menschen jahrelang leben.

Vor allem Sportler und Bühnenkünstler gehen zudem immer häufiger offensiv mit ihrer Erkrankung an die Öffentlichkeit. Sie berichten wie die 26-jährige Schwimmerin Janine Pietsch detailliert von der frühen Erkennung des Tumors in ihrer Brust, von ihrer Operation, von Chemotherapie und Bestrahlung – und machen damit anderen Frauen Mut. Oder sie lassen die Leser an dem schweren ersten Jahr nach der Diagnose Lungenkrebs teilhaben, wie gerade der Aktionskünstler Christoph Schlingensief in seinem Tagebuch „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein!“.

Schlingensief, der 2008 bei der Ruhrtriennale nicht weit von Pina Bauschs Wuppertaler Wirkungsstätte sein Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ aufführte, berichtet in seinem Buch auch, wie sehr ihn die Mitteilung der Ärzte schockierte, er habe Lungenkrebs. „Ich bin entsetzt! Meine Freiheit ist weg. Ich bin meiner Freiheit beraubt.“

Die Psychoonkologin Elvira Muffler von der Berliner Krebsgesellschaft führt seit Jahren Tag für Tag Gespräche mit Erkrankten und ihren Angehörigen, in denen sie Ähnliches hört. „Viele vermuten schon, dass sie Krebs haben könnten, bevor die Diagnose gestellt wird. Aber es dann konkret zu erfahren, ist noch einmal etwas ganz anderes.“ Man wisse nicht nur aus der täglichen Erfahrung in der Klinik, sondern auch aus wissenschaftlichen Studien, dass diese Mitteilung für die meisten Menschen einen starken Einschnitt darstelle, sagt auch Joachim Weis, Leiter der Psychosozialen Abteilung der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg.

„Alles, was vorher war, ist unterbrochen. Angesichts der leidvollen Gegenwart und der unsicheren Zukunft kommen Trauer, Wut und Ärger auf, die Krankheit erschüttert das Körperbild." Vor allem wenn die Aussichten auf Heilung schlecht sind, brauchen die Betroffenen nach Meinung des Psychoonkologen und Psychotherapeuten psychologische Betreuung. Nur wenige nehmen sich in ihrer Verzweiflung das Leben.

Wohltuend und beruhigend wirkt es in dieser Situation auf die meisten Menschen, wenn die Ärzte Wege vorschlagen können, die Aussicht auf Heilung versprechen. Werden Krebserkrankungen früh erkannt, ist die Chance dafür meist größer. Allerdings machen sie im frühen Stadium fast nie Beschwerden. Doch Krebs ist nicht gleich Krebs, und einige der Erkrankungen, die in das weite Spektrum fallen, können heute weder zuverlässig früh erkannt noch in frühen Stadien geheilt werden.

Bleibt die Frage, ob Menschen, die gewöhnt sind, ihrem Körper Höchstleistungen abzuverlangen, frühe Warnsymptome weniger ernst nehmen. Charité-Mediziner Fernando Dimeo, der zu den Zusammenhängen zwischen Bewegung und Krebs forscht, beschreibt die Beziehung der Sportler zur eigenen Gesundheit als ausgesprochen kompliziert: „Einerseits haben Sportler eine ausgeprägte Körperwahrnehmung und bemerken deshalb oft viel früher als andere, dass mit ihrer Gesundheit etwas nicht stimmt. Andererseits sind sie jedoch meist deutlich härter im Nehmen und halten Schmerzen schon deshalb besser aus, weil sie sie als Folge ihres harten Trainings betrachten.“ Das treffe nicht nur auf Leistungssportler zu, sondern auf andere Menschen, die ein engagiertes Leistungsverhalten aufweisen, ergänzt Petra Feyer, Chefärztin der Klinik für Strahlentherapie, Radioonkologie und Nuklearmedizin am Zentrum für Brusterkrankungen des Vivantes-Klinikums Neukölln. „Viele von ihnen haben typischerweise eine große Selbstdisziplin und stellen an sich selbst hohe Anforderungen. Beschwerden, die andere zum Arzt führen, werden dann leicht missachtet.“ Nach Dimeos Erfahrung glauben Sportler zudem oft zu Unrecht, ihr bewegtes Leben schütze sie zuverlässig vor Krankheiten. Die Gewichtsabnahme eines ohnehin schon sehr schlanken Menschen, die eigentlich ein Alarmzeichen ist, wird dann vielleicht ebenfalls als trainings- und stressbedingt gedeutet.

Dass Menschen so kurze Zeit nach der Entdeckung ihrer Krebserkrankung wie Pina Bausch an den Folgen dieser Krankheit sterben, ist selten, kommt aber vor. Zum Beispiel könnte eine plötzliche starke Blutung, eine Embolie oder eine Lungenentzündung der Grund sein, wie sie sich bei Krebs oder Tochtergeschwülsten in der Lunge leicht entwickelt. Möglicherweise wünscht sich dann ein Patient, der weiß, dass er unheilbar krank ist, dass eine Komplikation nicht behandelt wird. „Das kann die Entscheidung eines Menschen sein, der mit sich selbst im Reinen ist“, sagt Muffler.

Pina Bausch hat ihre Geschichten immer mit Körpern erzählt und als Tänzerin auch mit ihrem eigenen Körper und dessen Verletzbarkeit gearbeitet. So lud sie auf besondere Weise zur Identifikation ein. Wir meinen deshalb auch uns selbst, wenn wir über die Umstände ihres plötzlichen Todes nachdenken.

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