Medizin : Übereifrige Körperpolizei

In Berlin tagt ein Kongress zu neuen Therapien für Rheuma und anderen Immunkrankheiten.

Adelheid Müller-Lissner
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Feuer im Gelenk. Beim Rheuma attackiert das Immunsystem den Knorpel. Foto: ddpddp

Das Immunsystem ist eines der wichtigsten Organe. Es entscheidet darüber, wie gut der Mensch mit Infektionen fertig wird, aus denen sich in einigen Fällen sogar Krebs entwickeln kann. Sein unerwünschter Eifer führt umgekehrt zu Allergien, Formen von Rheuma oder auch zur Abstoßung von transplantierten Organen. Das körpereigene Abwehrsystem ist also in praktisch allen medizinischen Fachgebieten mit im Spiel, zumindest am Rande. Vom 13. bis 16. September treffen sich 5000 Immunexperten zum Europäischen Kongress im Berliner ICC. Teilnehmer aus mehr als 80 Ländern werden zu dem Treffen erwartet, das vom Dachverband Efis ausgerichtet wird.

In seinem Fach sei in den letzten Jahren der Weg von der Grundlagenforschung zur medizinischen Anwendung erstaunlich kurz geworden, sagte Andreas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie und Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin, vor dem Kongress. Ein Beispiel ist die Therapie von Entzündungen, Infektionen und Krebs mit monoklonalen Antikörpern, die gezielt in die Immunabwehr eingreifen.

Angriffsziel der Antikörper sind etwa bei der rheumatoiden Arthritis oder der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn entzündungsfördernde Signalstoffe wie der Tumor-Nekrosefaktor-alpha. Rund 60 Prozent der Patienten könne damit heute entscheidend geholfen werden, sagt der Erlanger Molekularimmunologe Joachim Kalden. „Diese Fortschritte sind nur dadurch möglich geworden, dass wir die verschiedenen Abteilungen des Immunsystems und ihre Rolle bei der Zerstörung des Gewebes besser verstanden haben.“

Vom Grundprinzip her besteht dieses körpereigene Abwehrsystem bei den Wirbeltieren aus zwei Teilen, von deren „genialer Arbeitsteilung“ auch nüchterne Forscher wie Radbruch begeistert sprechen. Der eine Teil des Systems, mit dem wir schon auf die Welt kommen, kann Stoffe und Erreger als fremd und gefährlich einstufen und unterscheiden. Der zweite Teil, den wir im Lauf des Lebens (und der Kontakte mit Bakterien und Viren) erst erwerben, reagiert gezielt und speichert die einmal erkannten Stoffe im immunologischen „Gedächtnis“.

Das Spektrum dieses Gedächtnisses wird nicht zuletzt durch Impfungen erweitert. Die Immunisierung durch Impfung ist ein bahnbrechendes Prinzip, das vor etwa 200 Jahren mit der Pockenschutzimpfung erste Erfolge zeigte, wie Stefan Kaufmann, Efis-Präsident und Direktor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin, versichert.

Beim Versuch, die Zellen und Gene zu verstehen, die den beiden Teilen des Immunsystems zugrunde liegen und die ihre Teamarbeit steuern, erleben die Forscher nicht nur freudige Überraschungen. Dass vorher gesunde Versuchspersonen bei der ersten Testung eines neuen Antikörpers durch unerwartete Nebenwirkungen in Lebensgefahr geraten, wie das vor drei Jahren mit dem Antikörper TGN1412 der Firma Tegenero passierte, der als Hoffnung gegen Gelenkrheuma und Multiple Sklerose galt, gehe jedoch nicht auf Forscherpech zurück, sondern auf mangelhafte Sorgfalt, versicherte Kalden.Adelheid Müller-Lissner

Am Sonntag, den 13. September, öffnet der Kongress seine Tore für Laien.

Das Programm im Einzelnen:

10 - 12 Uhr, ICC Lounge: Neurodegeneration in der Multiplen Sklerose

12 - 15 Uhr, Halle 8: Kollagenosen

12 - 15 Uhr, Halle 9: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

13 - 15 Uhr, Halle 4/5: Primäre Immundefekte

15 - 16 Uhr, Halle 3: Vortrag der Leopoldina: Lernen im Immunsystem: Wann macht es mich krank, wann schützt es mich? (Thomas Böhm, Max-Planck-Institut für Immunbiologie, Freiburg)

16 - 16.45 Uhr, Halle 3: Eröffnung der Ausstellung „Geburtsstunde der Immunologie“ mit dem Vortrag „Desinfizieren, Abschwächen, Neutralisieren und Färben“ (Volker Hess, Charité)

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