Medizin : Virtuelle Doppelgänger

Ausgezeichnet mit dem Berliner Gesundheitspreis: Eine Software, die das individuelle Risiko für Herzinfarkt illustriert.

Adelheid Müller-Lissner
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Auf Augenhöhe. Arzt und Patient sollten gemeinsam entscheiden, ob zum Beispiel Medikamente gegen Bluthochdruck jahrelang genommen...

Vorbeugen ist besser als Heilen. Aus diesem Grund steht beispielsweise jedem Pflichtversicherten von 35 Jahren an ein kostenloser Check-up beim Hausarzt zu. Dabei werden außer einer körperlichen Untersuchung der Blutdruck gemessen und einige Laborwerte bestimmt. Eine der wichtigsten Fragen dieser Untersuchung lautet: Wie groß ist die Gefahr, in den nächsten Jahren einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu bekommen? Vor allem aber: Was können der Betroffene selbst und sein Arzt dagegen unternehmen?

Um diese Frage auch für medizinische Laien verständlich zu beantworten, setzen immer mehr Ärzte das Computerprogramm „Arriba“ ein. Mithilfe von einfachen Symbolen zeigt es, wie groß das Risiko für einen Herzinfarkt ist und wie stark es abnimmt, wenn man seinen Lebensstil ändert. Dafür erhielten die Entwickler jetzt den mit 22 000 Euro dotierten Berliner Gesundheitspreis.

Arriba (die Abkürzung steht für „Absolutes und relatives Risiko – individuelle Beratung in der Allgemeinpraxis“) benötigt jene Kenngrößen des Patienten, die der behandelnde Arzt ohnehin bestimmt. Neben dem Blutdruck sind das etwa Gehalte von Blutfett und Blutzucker. Auch Alter, Geschlecht, familiäre Belastung und Lebensstil sind für die Bewertung des Gesamtrisikos wichtig.

Doch was soll geschehen, wenn Labor- und andere Untersuchungsergebnisse auf dem Tisch liegen? Oder wenn ein Patient, der schon seit Jahren Tabletten gegen seinen erhöhten Blutdruck und gegen andere Risikofaktoren nimmt, in der Praxis seines Hausarztes das Gespräch auf die Frage bringt, ob er wirklich alle diese Mittel braucht? „Die Zeiten, in denen Arzt oder Ärztin solche Fragen autoritär allein entschieden haben, sollten längst vorbei sein“, sagt Norbert Donner-Banzhoff. Er forscht in der Abteilung für Allgemeinmedizin der Universität Marburg und betreibt selbst eine Praxis für dieses Fachgebiet. „Shared decision-making“, gemeinsame Entscheidungsfindung, heiße die Lösung.

Dabei soll die Software Arriba helfen, an deren Entwicklung Donner-Banzhoff maßgeblich beteiligt war. Basierend auf den Ergebnissen großer wissenschaftlicher Studien kann das Programm nicht nur die Risiken für einen Herzinfarkt berechnen, sondern auch anschaulich darstellen. Die schnöde Statistik wird dafür optisch aufbereitet, das Risiko in absoluten Zahlen statt in Prozenten dargestellt.

Ausgangspunkt sind 100 kleine „Smilies“, also lachende Gesichter, die für ebenso viele fiktive gesunde Personen stehen. Indem die individuellen Gesundheitswerte des Patienten eingegeben werden, wird der Gesichtsausdruck bei einigen Smilies getrübt. So entsteht ein Bild des Schicksals von 100 „Doppelgängern“, die haargenau dieselben Untersuchungsergebnisse haben wie der Mann oder die Frau, die ihrem Arzt im Sprechzimmer gerade gegenübersitzt. Man kann sehen, wie viele von ihnen voraussichtlich einen Herzinfarkt haben werden, wie viele daran sterben. Aber auch, was es den Doppelgängern bringen würde, wenn sie während der nächsten zehn Jahre etwa ein Mittel gegen zu hohen Blutdruck einnähmen – und wie viele von ihnen trotzdem nicht vor dem Infarkt verschont blieben.

Das Programm ist mit öffentlichen Fördermitteln unter der Federführung von Attila Altiner von der Universität Düsseldorf entstanden. Die Software und gedruckte Infomaterialien stehen allen niedergelassenen Ärzten frei zur Verfügung. Eine Vergleichsstudie, die im Jahr 2004 gestartet wurde, hat gezeigt, dass die Patienten, deren Ärzte mit dem Programm arbeiten, mit der Behandlung zufriedener sind und sich in die Entscheidung besser einbezogen fühlen.

Die Marburger Mediziner fühlen sich dadurch bestätigt. „In einer laufenden Studie versuchen wir durch Befragungen von Ärzten, Gesundheitsexperten und Laien herauszufinden, welche Bereiche sich außerdem für die gemeinsame Entscheidungsfindung eignen“, berichtet Donner-Banzhoff. Ihm schwebt eine ganze Bibliothek von Entscheidungshilfen vor, die in den nächsten Jahren entstehen könnte. Zum Beispiel beim Thema Diabetes.

Auch wenn die Arriba-Darstellung anschaulich ist, der Risikorechner bietet nur nackte Informationen. Die Kommunikation kann er nicht ersetzen. „Im Gespräch mit dem Patienten muss dieses Gerüst noch mit den passenden Kleidern geschmückt werden“, sagt der Allgemeinmediziner. „Ein solches Gespräch dauert natürlich länger, und es gibt auch Patienten, denen es etwas unheimlich ist, gemeinsam mit ihrem Arzt über das Vorgehen zu entscheiden.“ Andererseits ist genau das ihr gutes Recht – das viele bekanntlich erst mit leichter Verspätung wahrnehmen, wenn sie das Rezept oder den Beipackzettel des Medikaments bereits in der Hand halten und das Mittel dann doch nicht nehmen möchten.

Mit Arriba könnte man sich stattdessen gleich ausrechnen lassen, wie stark das Risiko für einen Infarkt etwa allein mit einem konsequenten Bewegungsprogramm und einer Umstellung der Ernährung vermindert würde. Man kann die Vor- und Nachteile diskutieren, Sorgen ansprechen und darüber reden, ob es einen Versuch wert ist, zunächst ohne Medikamente auszukommen. Und man könnte sich verabreden, nach ein paar Monaten mithilfe des Computers erneut Bilanz zu ziehen.

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