Medizin : Voller Einsatz

Der Ethikrat diskutiert: Dürfen gesunde Menschen Psychopharmaka nehmen, um leistungsfähiger zu werden?

Karin Schädler
Pause
Am Ende. Jeder Mensch braucht Pausen. Manche Medikamente können das Bedürfnis nach Erholung hinauszögern. -Foto: ddp

Irgendwann haben ihm die Koffeintabletten nicht mehr genügt. Die nächste wissenschaftliche Publikation stand an, und Markus, Doktorand an einer deutschen Hochschule, wollte nachts länger arbeiten können. Dass ihm das Medikament Modafinil, das eigentlich gegen die „Schlafkrankheit“ Narkolepsie entwickelt wurde, dabei helfen könnte, hatte Markus in Internetforen gelesen. Ein Problem sieht er dabei nicht. „Ich bin doch ein freier Mensch, ich muss selbst wissen, was ich tue.“

Ob es tatsächlich vertretbar ist, wenn gesunde Menschen starke Psychopharmaka zu sich nehmen, um ihre Leistung zu steigern, darüber wurde auf der ersten Jahrestagung des Deutschen Ethikrats am vergangenen Donnerstag heftig diskutiert. Immer mehr Gesunde, besonders bekannt sei es von Studierenden, würden Psychopharmaka zu sich nehmen, um ihre kognitiven Leistungen zu verbessern, berichtete Isabella Heuser, Psychiaterin an der Berliner Charité.

„Neuroenhancement“ nennen Fachleute das Phänomen. Noch gebe es aber nur wenig Studien dazu, wie Psychopharmaka auf gesunde Menschen wirken, sagte Heuser. Die besten Ergebnisse hätte Modafinil erzielt. „Den Tests zufolge führt es zu einer Steigerung der Aufmerksamkeitsleistung“, sagte die Psychiaterin. Allerdings wirke es wie die anderen Psychopharmaka nur nach mehrmaliger Einnahme. Eine positive Auswirkung auf die Gedächtnisleistung von gesunden Menschen habe sich in Tests für das Medikament Metylphenidat ergeben. Entwickelt wurde es für die Behandlung von Patienten mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS. Auch für Antidementiva gebe es positive Ergebnisse aus einer Flugsimulator-Studie. Die Nebenwirkungen seien bei all diesen Mitteln gering und würden vor allem am Anfang auftreten.

Bei der Frage, ob Neuroenhancement ethisch vertretbar sei, gehe es letztlich darum, ob der Mensch trotzdem authentisch – also er selbst – bleiben könne, sagte Ludger Honnefelder, Philosoph von der Universität Bonn. Das Argument, der Mensch sei durch Psychopharmaka nicht mehr authentisch, hatte Psychiaterin Heuser in ihrem Vortrag als „nicht sehr überzeugend“ bezeichnet. „Wir nutzen die ganze Zeit Dinge, die nicht natürlich sind“, sagte sie.

Heuser wandte sich auch gegen die oft vorgebrachte Kritik, Neuroenhancement fördere die Tendenz zu einer Leistungsgesellschaft. „Wenn es in einer Gesellschaft Wettbewerb gibt, muss das ja nicht heißen, dass deshalb Schwache vernachlässigt werden. Im Gegenteil: Eine Leistungsgesellschaft hat vielleicht sogar mehr Ressourcen, um anderen zu helfen“, sagte Heuser. „Eine Leistungsgesellschaft haben wir schon“, sagte Wolfgang van den Daele, Soziologe vom Wissenschaftszentrum Berlin. Durch ein Verbot von Psychopharmaka würde die nicht auf einmal verschwinden. Er meinte: „Es gibt keinen guten Grund, das Enhancement zu verbieten.“

Der Theologe Dietmar Mieth von der Universität Tübingen sprach sich zwar auch nicht für ein gesetzliches Verbot aus, forderte aber eine gesellschaftliche Debatte darüber, „was wir können, zulassen und erreichen wollen“. „Ich habe den Eindruck, hier ist ein Positivismus am Werk, der besagt, die Welt sei nun einmal so“, sagte Mieth. Er plädiert dafür, frühzeitig aktiv zu werden. „Wir müssen uns eingestehen, dass wir ein Forschungsgesetz entwickeln müssen.“

Van den Daele wies darauf hin, dass es undenkbar sei, die Wissenschaft so stark zu begrenzen. Was man allerdings begrenzen könne, seien anschließende Anwendungen. „Wir können alles regulieren, aber dafür brauchen wir gute Gründe. Wenn man lediglich ein bestimmtes Ethos der Lebensführung durchsetzen will, ist das kein guter Grund“, sagte van den Daele. Wenn jemand als gesunder Mensch Psychopharmaka nehmen will, sei das seine persönliche Entscheidung. „Man muss Freiräume zulassen“, fügte er hinzu. Ein fremdes Urteil sei anmaßend. Theologe Mieth sagte hingegen: „Wir sollten den Menschen durch das Angebot das Leben nicht noch schwerer machen.“

Zu dem häufig vorgebrachten Einwand, Neuroenhancement führe dazu, dass nur die Reichen mit teuren Medikamenten ihre Leistung steigern könnten, sagte der Sozialwissenschaftler van den Daele: „Theoretisch könnte das Enhancement irgendwann auch zu mehr Gerechtigkeit führen.“ Es sei zwar noch utopisch, aber denkbar wäre ja auch, durch solche Mittel Ungleichheit im Zugang zu Bildung auszugleichen, etwa durch eine staatliche Förderung von Mitteln wie Mikrochips zum Fremdsprachenlernen.

Für ihn steht fest: „Mit solchen Verschiebungen in der Kultur muss man rechnen.“ Die Verfügbarkeit neuer Techniken habe immer schon zu Veränderungen geführt. Beispielsweise habe die Einführung von Impfstoffen bewirkt, dass wir nun mehr verpflichtet sind, uns selbst aktiv um unsere Gesundheit zu bemühen. Karin Schädler

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