Medizin : Wissen schützt

Patienten sollten die Pillen kennen, die sie schlucken. Falscher Umgang mit Medikamenten führt ansonsten schnell zu ungewollten Krankenhausaufenthalten.

Rosemarie Stein

Als sie ihren Vater so blass im Klinikbett liegen sah, erschrak sie. Beiläufig erwähnte der, man habe ihm wegen seiner Herzschmerzen Aspirin gegeben. Jetzt erschrak sie noch mehr: „Das darfst du gar nicht bekommen, du nimmst doch Marcumar zur Blutverdünnung seit deiner Thrombose! Gerade hab’ ich es gelesen: Beide Mittel können innere Blutungen verursachen.“ Nun wurde auch der gerade eingetretende junge Arzt noch blasser als er nach überlangem Tag- und Nachtdienst ohnehin war. Erst hatte er die Marcumar-Therapie in der Krankenakte übersehen, dann die lebensbedrohende Magenblutung nicht erkannt. Die gut informierte Tochter kam gerade rechtzeitig.

Ärzte sind oft überfordert und denken nicht immer an alles. Patienten und Angehörige sollten also mitdenken und sich informieren, besonders über Arzneimittel. Ein verordnetes Medikament aus Angst vor Nebenwirkungen nicht zu nehmen, kann genauso gefährlich sein, wie es zu schlucken, ohne die möglichen Risiken und Wechselwirkungen zu beachten. Aus Ländern, wo man die Häufigkeit unerwünschter Arzneimitteleffekte genauer untersucht hat als bei uns, werden alarmierende Zahlen genannt: In den USA sind Nebenwirkungen der Grund für drei bis sechs Prozent der Klinikeinweisungen. Weitere sechs Prozent der Patienten ziehen sich erst im Krankenhaus Arzneimittelschäden zu, auf internistischen Stationen sogar mehr als 20 Prozent. „In England wie auch in den USA sterben mehr Menschen durch Arzneimittel als im Straßenverkehr. Studien in Australien, Norwegen und Dänemark kommen zu ähnlichen Ergebnissen“, heißt es in einer Veröffentlichung der „Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft“. Nach Studien und Hochrechnungen müsse man in Deutschland mit einer vergleichbaren Zahl rechnen.

Thomas Kaiser vom „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWIG) hält es für fraglich, ob Ärzte immer Nutzen und Risiken einer Medikation abwägen können. Die meisten bezögen ihr Wissen von den Herstellern. Die aber spielten naturgemäß die Wirksamkeit ihrer Produkte hoch und die Nebenwirkungen herunter. Die Pharmaindustrie beherrsche sowohl die Arzneimittelforschung als auch die ärztliche Fortbildung.

Die Ärzte sind jedoch kritischer geworden. Zum Beispiel verordnen sie neue, noch wenig erprobte Mittel zurückhaltender. Daher zielt das Marketing nun auch auf die leichter zu beeinflussenden Patienten. Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel direkt bei Patienten ist aber überall außer in den USA und Neuseeland verboten. Dieses – schon jetzt oft umgangene – Verbot möchte die Pharmaindustrie auf EG-Ebene aufheben. Damit würden „zusätzlichen Werbestrategien der Pharmaindustrie, kaschiert als Arzneimittelinformation, Tür und Tor geöffnet“, warnt Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, im Ärztekammerblatt „Berliner Ärzte“. Noch deutlicher wurde er gegenüber dem Tagesspiegel: „Ein Wahnsinn angesichts der vielen neuen Medikamente, deren Nebenwirkungen bei der Zulassung noch gar nicht bekannt sein können. Das brächte die Patienten in Gefahr.“

Offiziell spricht die Industrie nicht von Werbung, sondern von „Information“. Sie begründet ihren Kampf gegen das Werbeverbot damit, dass Patienten sich zu wenig über Arzneimittel informieren könnten. Das stimmt aber nicht. Es ist allerdings mühsam, Printmedien und Websites ohne Werbung und Schleichwerbung zu finden. Wir haben allgemeinverständliche Arzneimittelinformation geprüft und ein paar Quellen für objektive, wissenschaftlich fundierte, teilweise sogar kritisch bewertende Informationen für unsere Leser zusammengestellt.

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