Medizin : Wissen, was man einnimmt

Arzneiforscher sagen, Patienten sollten sich besser über Medikamente informieren. Denn Hersteller übertreiben oft den Nutzen ihrer Präparate - was den Ärzten nicht immer bewusst ist.

Rosemarie Stein

Der Bereitschaftsarzt kam, sah und wollte dem von Kreuzschmerz Geplagten gleich eine Spritze geben. „Was ist denn da drin?“ fragte der. „Ich bin nämlich Allergiker.“ Aber der Arzt wusste nur den Handelsnamen des Präparates. Zum Glück gab es im Haushalt ein Arzneibuch, in dem man die Wirkstoffe nachschlagen konnte. In dieser wahren Geschichte bewahrte Wissen den Patienten vor dem Risiko des allergischen Schocks – und davor, zu jenen sechs Prozent aller Krankenhauspatienten zu gehören, die wegen schwerer Arzneinebenwirkungen eingewiesen werden.

Diese Zahl nannte Walter Haefeli, Klinischer Pharmakologe im Heidelberger Universitätsklinikum, auf einer Veranstaltung der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft beim 34. Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer in Berlin. Am Beispiel systematisch aufgespürter und analysierter Behandlungsfehler in seinem Haus zeigte Haefeli aber auch, dass man selbst in einer Uniklinik nicht vor unerwünschten Arzneimittelwirkungen sicher sein kann. Die müssten nicht sein, würden Ärzte und Schwestern, aber auch die Patienten selbst und ihre Angehörigen besser aufpassen.

13 Prozent der Heidelberger Klinikpatienten litten nach der Entlassung unter den Nebenwirkungen der Medikamente (durchschnittlich zwölf), die sie im Krankenhaus erhalten hatten. Oft waren das Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Mitteln. Aber selbst ein allgemein bekanntes Faktum wurde bei zwei Dritteln der Patienten nicht beachtet: die Nierenfunktion. Bei jedem siebten Patienten ist sie ungenügend, je älter er ist, desto öfter. Und da sehr viele Arzneistoffe über die Nieren ausgeschieden werden, können sie sich bei einer ausgeprägten Nierenschwäche (Insuffizienz) bis zum Zehnfachen anreichern, was lebensgefährlich werden kann.

Nach der individuell richtigen Dosierung zu fragen, ist aber nur eines der Dinge, die ein Patient tun kann, um am Erfolg seiner Arzneibehandlung mitzuwirken. Weitere Punkte nannte der Regensburger Internist und Hochschullehrer David Klemperer in seinem Vortrag über unabhängige Arzneimittelinformationen für Patienten.

Wichtig zu wissen ist im Wesentlichen zweierlei, meinte er: erstens, ob das vorgeschlagene Medikament wirksam ist und seine Risiken im Verhältnis zur Wirksamkeit vertretbar sind. Das ist die Frage, die der Arzt sich stellt. Hinzu kommt aber die Perspektive des Patienten. Die Frage ist für ihn, was er mit dieser Therapie erreichen möchte: Verlängerung des Lebens, auch auf Kosten der Lebensqualität, die vielleicht durch gravierende Nebenwirkungen beeinträchtigt wird? Oder eine Reduktion der Beschwerden seiner chronischen Krankheit, also eine verbesserte Lebensqualität?

Die Entscheidung sollte er gemeinsam mit dem Arzt finden, sagte Klemperer, und es sollte eine „informierte“ Entscheidung sein. Hierzu braucht man objektive, wissenschaftlich gesicherte und verständliche Informationen über die Wahrscheinlichkeit des individuellen Nutzens und die Risiken eines Schadens durch die in Frage kommenden Medikamente.

Diese Nutzen-Schaden-Bilanz wird umso eher auch einmal zu der Entscheidung führen, gar kein Mittel zu nehmen, je geringer oder unsicherer dessen Wirksamkeit und je weniger krank der Ratsuchende ist. Ein Gesunder wird zum Beispiel fragen, wie viele Menschen seines Alters wie viele Jahre lang ein vorbeugendes Medikament einnehmen müssen, um einen vorzeitigen Todesfall zu verhindern. (Fachlich spricht man von der „Anzahl der notwendigen Behandlungen“.)

Die wichtigste Informationsquelle ist, nach einer von Klemperer zitierten Befragung noch immer der Arzt, neben Internet und Freundeskreis. Als Patient kann man sich glücklich schätzen, einen Arzt zu haben, der über Nutzen und Risiken von Arzneimitteln durch verlässliche Quellen selbst gut informiert ist. Die meisten Praxisärzte nutzen laut Klemperer aber fast nur die auf Marketing zielenden Informationen der Firmenvertreter (durchschnittlich empfangen sie sieben pro Woche), und mehr als zwei Drittel schätzen auch die Fortbildungsveranstaltungen der Pharmaindustrie.

Es ist aber immer wieder nachgewiesen worden, dass Hersteller den Nutzen ihrer Präparate oft übertreiben und die Risiken herunterspielen, zum Teil wohl ohne Absicht. Deshalb, so Klemperer, ist das Urteil von Ärzten über Medikamente häufig verzerrt, ohne dass ihnen das bewusst ist. „Psychologische Experimente belegen, dass wir da einen blinden Fleck haben“, sagt Klemperer. Das Ergebnis: Unter den 15 im Jahre 2007 am meisten verordneten Mitteln waren nur zwei unumstrittene „Mittel der Wahl“.

Wenn selbst Fachleute oft anfällig für Pharma-PR sind: Wie sollen erst Laien ihr widerstehen? Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission, wies darauf hin, dass in Brüssel noch immer nicht der Plan vom Tisch ist, in der EU Werbung auch für rezeptpflichtige Mittel direkt beim Patienten zu erlauben. Umso wichtiger erscheinen die auf dieser Tagung ausgesprochenen Empfehlungen, die durchaus vorhandenen industrieunabhängigen Informationsquellen zu nutzen.

Einige gibt es auch für Nichtmediziner. Klemperer empfahl vor allem die Ratgeber der Stiftung Warentest als „ausgezeichnet“, besonders das (auch von Ärzten geschätzte) „Handbuch Medikamente“, das verordnungspflichtige und -freie Mittel beschreibt und bewertet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben