Medizinische Hochschule Brandenburg : Der Landarzt kommt

Die private Medizinische Hochschule Brandenburg (MHB) will ab 2015 Mediziner ausbilden. Die Absolventen sollen sich verpflichten, in der Region zu bleiben - so soll der Ärztemangel auf dem Land bekämpft werden.

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Medizin-Studierende üben Wiederbelebung.
Früh in die Praxis. Das Studium soll sich am Reformstudiengang der Charité orientieren.Foto: dpa

In Deutschland mangelt es an Ärzten, vor allem auf dem Land. Gleichzeitig sind Studienplätze in der Medizin rar. Jährlich scheitern Tausende am Numerus clausus. Geht es nach den Plänen eines Klinikkonsortiums in Brandenburg, soll eine neue Privatuni die Ausbildung von Landärzten befördern. Die unlängst staatlich anerkannte „Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane“ (MHB) will 2015 die ersten Medizin-Studierenden aufnehmen. Ende September soll die MHB offiziell gegründet werden. Ein ambitioniertes Vorhaben: Bisher gibt es hierzulande mit der Uni Witten-Herdecke nur eine private Hochschule, die ein Medizinstudium nach der deutschen Approbationsordnung anbietet. Die Wittener gaben seit ihrer Gründung in den 80ern wichtige Impulse für ein praxisorientiertes Medizinstudium, hatten aber mit finanziellen Problemen zu kämpfen.

Die erste Mediziner-Ausbildung in Brandenburg

Konrad Schily, der Gründer der Uni Witten, berät die Brandenburger. will sich öffentlich aber nicht äußern. Hinter der MHB stehen jedenfalls die landkreiseigenen Ruppiner Kliniken in Neuruppin und das Städtische Klinikum Brandenburg, in deren Räumen ein Teil der Ausbildung stattfinden soll. 40 weitere Krankenhäuser und 30 Privatpraxen wollen mit der MHB zusammenarbeiten. Ab 2015 können sich 45 angehende Ärztinnen und Ärzte für einen „Modellstudiengang“ in der Medizin einschreiben, in diesem Jahr soll es mit dem Fach Psychologie losgehen. Für Wissenschaftsministerin Sabine Kunst verbindet sich mit dem Medizin-Studium „die Erwartung, dass sich die Absolventen entschließen, in Brandenburg als Ärzte zu arbeiten“, wie sie anlässlich der staatlichen Anerkennung erklärte. Brandenburg ist bisher das einzige Flächenland, in dem keine eigenständige Arztausbildung angeboten wird. Nach der Wende vereinbarten Brandenburg und Berlin, dass die Hochschulmedizin für beide Länder in Berlin betrieben wird. In Brandenburg sieht man darauf keine Auswirkungen, schließlich handelt es sich bei der MHB um eine private Hochschule und die Zahl der Studienplätze ist vergleichsweise gering.

Kooperiert wird mit der FH Brandenburg und der BTU

Für die MHB soll ein Schwerpunkt die Medizin des Alterns sein, ein anderes die Gemeindeorientierung – so will die Hochschule auf den demografischen Wandel und die Anforderungen der ärztlichen Versorgung in dünn besiedelten Regionen reagieren. „Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte werden mit ihren Kollegen an den Kliniken in der Ausbildung zusammenwirken, um eine praxisnahe und wissenschaftlich-theoretische Ausbildung zu gewährleisten“, erklärt Dagmar Rolle, Projektkoordinatorin der Ruppiner Kliniken. Kooperieren will man unter anderem mit der FH Brandenburg und der BTU Cottbus.

Praxisorientiertes Lernen von Beginn an

Das traditionelle, kopflastige Medizinstudium wollen die Brandenburger vermeiden. Vielmehr lehnt sich die MHB an den Reformstudiengang der Charité an, der einst von Witten inspiriert wurde. Von Anfang an sollen die Studierenden Patientenkontakt haben, der klassische Fächerkanon zugunsten fächerübergreifender Lehre aufgehoben werden. Nun gibt es diesen Ansatz bei der staatlichen Konkurrenz inzwischen ebenfalls häufiger. Die Brandenburger wollen das Konzept in Richtung „Personaler Medizin“ weiterentwickeln. Patienten sollen ganzheitlich betrachtet werden. Daher ist ein philosophisches Studium fundamentale Pflicht.

Gebühren werden nur erlassen, wenn man sich zum Bleiben verpflichtet

Doch wie wird man die Absolventen in Brandenburg halten? Dagmar Rolle setzt auf einen „Klebeeffekt“, der eintrete, wenn man lange in einer Region studiert. Ein finanzieller Aspekt dürfte ebenso entscheidend sein. Die Kliniken wollen nur dann einen Teil der Studiengebühren übernehmen, wenn die Studierenden nach dem Examen die fünfjährige Facharztausbildung bei ihnen absolvieren. Ansonsten müssen Studierende insgesamt 115000 Euro selber zahlen. Wer sich zum Bleiben verpflichtet, kommt immerhin auf 35000 Euro Studiengebühren. Die MHB will ihre Studierenden über „ein persönliches Auswahlverfahren“ aussuchen, sagt der Gründungsdekan Dieter Nürnberg. Das Interesse am Arztberuf und der Bezug zu Brandenburg sei wichtiger als gute Noten.

Trägt das finanzielle Konzept?

Die hohen Kosten bleiben indes der Knackpunkt für den Aufbau einer medizinischen Hochschule. Ein Medizinstudium ist ungleich teurer als Studiengänge in den Bereichen Wirtschaft oder Sozialwesen, worauf sich viele Privathochschulen konzentrieren. Für die früher chronisch klamme Uni Witten sprang immer wieder der Staat mit Subventionen ein. Brandenburg hat das ausgeschlossen. Neben den Studierenden werden also die beteiligten Kliniken das Geld aufbringen müssen. Die MHB veranschlagt nun 115000 Euro pro Studienplatz, was sehr günstig wäre. Laut des Medizinischen Fakultätentags kostet ein Medizin-Platz an deutschen Unis im Schnitt 270000 Euro. Kritiker wie der Charité-Chef Karl Max Einhäupl bezweifeln daher die finanzielle Tragfähigkeit von privaten Medizinunis. Die MHB widerspricht den Zweiflern: Wirtschaftsprüfer hätten ihren Plan durchgerechnet.

Der Wissenschaftsrat ist skeptisch

Ein erstes Konzept der MHB hatte der Wissenschaftsrat noch abgelehnt. Kritisiert wurde eine zu geringe Stellenausstattung, auch war zunächst zu wenig Forschung vorgesehen, ist zu hören. Das Konzept wurde nachgebessert und bestand eine neue Prüfung durch eine Kommission des Ministeriums, auf deren Grundlage die Genehmigung erfolgte. So wurde der Forschungsschwerpunkt „Medizin des Alterns“ entwickelt. Die MHB hat sich auch verpflichtet, dass Professoren 50 Prozent der Lehre abdecken. Dass der Bedarf für neue medizinische Hochschulen da ist, zeigen andere private „Medical Schools“, etwa in Kassel und in Nürnberg. Deren Geschäftsmodell beruht auf einer Zusammenarbeit mit Partnerunis im EU-Ausland, deren Abschluss die Studierenden erwerben. Das Studium dauert dann oft fünf statt der in Deutschland üblichen sechs Jahre. Praktizieren dürfen die Absolventen zum Missfallen der staatlichen Fakultäten dennoch hierzulande, das EU-Recht erlaubt das.

An der MHB sollen die Studierenden dagegen das deutsche Staatsexamen ablegen. Die ersten Professoren wurden schon berufen – damit es 2015 wirklich mit dem Medizinstudium losgehen kann.

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