Medizinische Studien : DDR: Eldorado für Medikamententests

Verzweifelt versuchte die DDR in den 80ern, an Devisen zu kommen. Eine Analyse belegt nun 220 Arzneiprüfungen für Westfirmen zwischen 1983 und 1990. Ob die Patienten aufgeklärt waren, ist weiter unklar.

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Medikamentenprüfungen für Westfirmen waren in der DDR gang und gäbe.
Getestet. Medikamentenprüfungen für Westfirmen waren in der DDR gang und gäbe.Foto: pcture alliance/dpa

In der DDR testeten westliche Pharmafirmen in großem Maßstab Medikamente. Obwohl die Verantwortlichen versuchten, dabei internationalen ethisch-medizinischen Maßstäben gerecht zu werden, ist ungeklärt, ob die Patienten stets ausreichend aufgeklärt wurden. Zu diesem Ergebnis kommt eine erste umfassende Analyse, die im Fachblatt „Journal of Medical Ethics“ veröffentlicht wurde.

Der Medizinhistoriker Rainer Erices von der Universität Erlangen-Nürnberg und sein Team sichteten Akten des DDR-Gesundheitswesens und der Staatssicherheit (Stasi) insbesondere aus den Jahren 1983 bis 1990. Anfang der 1980er Jahre stand das als sozialistische Errungenschaft gefeierte Gesundheitswesen der DDR vor dem finanziellen Kollaps. Das Einwerben von Devisen wurde daher überlebenswichtig.

Es gab einen Wettbewerb mit anderen Ostblockstaaten wie Ungarn und der CSSR, die ebenfalls westliche Pharmafirmen anlocken wollten, berichtet Erices. Seine Auswertung ergab, dass in den Jahren von 1983 bis 1990 in der DDR 220 Medikamententests an insgesamt mehr als 14 000 Patienten erfolgten. 68 westliche Firmen waren beteiligt, an erster Stelle Hoechst, gefolgt von Sandoz, Boehringer Mannheim, Cassella und Schering.

Etwa 16,5 Millionen DM flossen als dringend benötigte Valuta in die DDR-Kassen. Die Hälfte davon strich die für Devisenbeschaffung zuständige geheime Abteilung „Kommerzielle Koordinierung“ des Außenhandelsministeriums ein, ihr Leiter war der Wirtschaftsfunktionär Alexander Schalck-Golodkowski. Der Rest wurde unter Gesundheits- und Wissenschaftsministerium und der Akademie der Wissenschaften aufgeteilt. An den Studien beteiligte Ärzte und Teams erhielten Prämien in DDR-Mark, Patienten bekamen nichts. Die Stasi observierte die Arzneiprüfungen. Die Verantwortlichen, etwa im zuständigen Beratungsbüro für Arzneimittel des Gesundheitsministeriums, waren Stasi-Spitzel.

Schwere Verstöße gegen ethische Grundregeln konnten die Forscher nicht nachweisen

Wie ethisch oder unethisch waren die Tests? Erices kommt zu einem differenzierten Urteil. „Im Prinzip war die DDR erpicht darauf, alles richtig zu machen, um an Valuta zu gelangen“, sagt er. Hinweise, dass in den Tests Patienten systematisch oder gezielt geschädigt wurden, fanden sich nicht. Im Gegenteil, in einigen Dokumenten forderten Aufsichtsbehörden den bedingungslosen Schutz von Patienten.

„Jedoch bleibt unklar, ob die Patienten selbst wussten, dass sie Studienteilnehmer waren und damit aufgeklärt über alle Risiken“, heißt es in der Studie. Und weiter: „Trotz intensiver Suche in den Bundesarchiven wurden weder ausgefüllte Aufklärungsbogen für Patienten noch eine systematische Dokumentation bezüglich einer schriftlichen oder mündlichen Einwilligung der Patienten gefunden.“ Das heißt nicht, dass die Patienten nicht informiert wurden. Doch gab es hier offenkundig Defizite. Zudem wurden die Medikamententests nicht öffentlich bekannt gegeben und liefen gleichsam unter der Hand ab.

Trotzdem sei es nicht gerechtfertigt, im Nachhinein von „Menschenexperimenten“ zu sprechen, wie sie die Nationalsozialisten anstellten. Die Forscher kritisieren eine zu reißerische Berichterstattung in den Medien, etwa im Magazin „Spiegel“, nach der die DDR ihre Bürger als Versuchskaninchen verhökerte.

Getestet wurde eine breite Palette von Wirkstoffen, darunter Krebsmedikamente, Herzmittel, Psychopharmaka und Arzneimittel gegen Allergien. Und auch die Abtreibungspille Mifepriston, für Erices ein fragwürdiges Beispiel. Nach Protesten in Frankreich nahm sie der Hersteller dort 1988 vom Markt – um zeitgleich einen Test in der DDR zu starten.

Auch Todesfälle waren in einigen Studien zu verzeichnen. So starben 22 Patienten in einer Reihe von Untersuchungen mit dem bei Schlaganfällen eingesetzten pflanzlichen Wirkstoff Vinpocetin. Jedoch waren viele Studienteilnehmer bereits vor Beginn der Tests schwer krank. Einen ursächlichen Zusammenhang von Medikamentengabe und Todesfall herzustellen sei daher spekulativ, sagt Erices.

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