Medizinstudium : Pauken macht den Arzt

Eine große Reform des Medizinstudiums ist überfällig. Doch der Charité fehlt dazu wohl die Kraft.

Rosemarie Stein
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Studium aus Schubladen. In Deutschland müssen Medizinstudenten vor allen Dingen auswendig lernen. Das Reformstudium hingegen setzt...Foto: ddp

Drei Stunden vor seinem Tod, mit Sauerstoff beatmet und kaum noch in der Lage zu sprechen, diktierte Dieter Scheffner am 24. Juni 2009 einen Brief – in schwerer Sorge um sein Lebenswerk, den Reformstudiengang Medizin. Mit großer Klarheit und in bitterer Resignation konstatierte er den Niedergang dieses „Berliner Modells“ durch Vernachlässigung. Aus seinen letzten Worten spricht die Befürchtung, dass die in zwanzig Jahren entwickelten Innovationen ohne Breitenwirkung bleiben wird.

1989 hatte Scheffner sich als Dekan des FU-Fachbereichs Klinikum Westend (dann Rudolf Virchow, später mit der Charité fusioniert) an die Spitze einer Initiative Medizinstudierender gesetzt, die wegen ihrer miserablen Studienbedingungen an ihrem antiquierten Pauk-Studium konstruktive Kritik übten. Zehn Jahre lang entwickelte seine Arbeitsgruppe das Konzept eines modernen Curriculums.

Nach diesem Konzept werden die naturwissenschaftlichen und die nun verstärkt berücksichtigten humanwissenschaftlichen Grundlagen nicht mehr isoliert vom eigentlichen Medizinstudium in den ersten beiden Jahren vermittelt; vielmehr sind Theorie und Praxis von Anfang an eng verbunden. Die Trennung des vorklinischen Studienabschnitts vom klinischen ist aufgehoben, was die frühzeitige Schulung im Umgang mit Patienten ermöglicht. Die Ausbildung folgt nicht der Systematik der vielen einzelnen Fachgebiete, sondern den Erkenntnissen der modernen Lernforschung: Kein passives Büffeln des rasch veraltenden und schnell vergessenen Stoffs, sondern aktives, selbstständiges und exemplarisches Lernen, immer mit Bezug auf die Anwendung.

Der Reformstudiengang konnte, nach Überwindung rechtlicher Hürden, 1999 endlich starten, mit 63 Studienanfängern jährlich, etwa einem Zehntel aller Zugelassenen an der Charité. Er wurde ständig wissenschaftlich begleitet und beraten, evaluiert und schließlich glänzend begutachtet von renommierten Experten.

Doch an der Charité steht derzeit ein weiter reichender Schritt für das Medizinstudium an: Der Reformstudiengang soll mit dem alten theorielastigen Regelstudiengang, in dem noch immer das Gros der Studierenden eingeschrieben ist, verschmolzen werden. Ein neues, gemeinsames Curriculum soll es dann für alle Studierenden geben. Die Hoffnung: Die praxisorientierten Inhalte des Reformstudiengangs bleiben in dem fusionierten Studiengang erhalten – und kommen endlich allen Studenten zugute. Doch genau das Gegenteil könne der Fall sein, befürchtete Scheffner. Die erfolgreiche Reform könne einfach ignoriert werden. Wie schwer sich die Charité mit der Erarbeitung des gemeinsamen Curriculums tut, zeigt sich auch daran, dass die Einführung eines gemeinsamen Studiengangs für alle angehenden Mediziner bereits mehrfach nach hinten verschoben wurde. Schon 2005 hatte es geheißen, bis 2008 sollten Reform- und Regelcurriculum vereint werden – als „Modellstudiengang“.

Dieter Scheffner richtete seinen englisch formulierten Abschiedsbrief, der dem Tagesspiegel vorliegt, an die Berater des Reformstudiengangs. Auf dem Sterbebett dankt er ihnen für stetige Unterstützung, die geholfen hätte, beim Reformstudiengang den internationalen Standard zu erreichen. Nun aber verschlechtere dieser sich durch den ständigen Verlust erfahrener Mitarbeiter. Der Brief schließt (frei übersetzt): „Wenn die für die Qualität des Medizinstudiums zuständigen Gremien Verantwortung für ein neues Curriculum übernehmen, sich dabei aber mit den gewohnten Methoden, Bewertungen und Ressourcen begnügen, dann werden sie den angestrebten Studiengang nie zustande bringen. Sie werden sich ihren Zielen nicht verpflichtet fühlen.“

Das Beratergremium hatte in seinem Schlussgutachten 2005 dem Reformstudiengang höchste Anerkennung gezollt. Die Charité habe nun die Chance, dank der hier entwickelten Expertise ein Curriculum für alle zu schaffen, das zum Modell für die gesamte Ärzteausbildung des 21. Jahrhunderts werden könnte. Bereits damals hieß es unter Experten, dass eine grundlegende Studienreform für alle bis 2008 gar nicht zu schaffen sei.

Die Gutachter hatten die Voraussetzungen für eine gelingende Reform sehr präzise genannt, aber kaum eine davon wurde seither geschaffen. Zuerst sollte der Reformstudiengang weiterentwickelt werden, der dem internationalen Gremium noch immer zu dozentenzentriert war. Hier wurde aber nur etwas nachgebessert. Gerhard Gaedicke, der den Reformstudiengang inzwischen leitet, berichtet, ein inzwischen aufgelöstes Gremium habe zwar in zäher Kleinarbeit viele Details für einen Modellstudiengang erarbeitet, sei aber zu keinem verabschiedungsreifen Entwurf gekommen. Nun habe der Wissenschaftssenator Druck gemacht. Inzwischen gibt es eine neue Kommission, die allerdings ebenfalls noch kein Ergebnis vorgelegt hat. Um ein neues Curriculum für alle Studierenden überhaupt zu ermöglichen, wurde der von Studiendekan Manfred Gross lange verfolgte Plan aufgegeben, den künftigen Modellstudiengang von Anfang an mit dem Bologna-Prozess zu verknüpfen, weil die Fakultät Bachelor und Master für die Medizin strikt ablehnt.

Scheffner hat eine Verwässerung des Reformstudiengangs immer befürchtet. Er kannte die Reformhindernisse nur zu gut: den didaktischen Dilettantismus, das Desinteresse an der Lehre, die den meisten Hochschullehrern nur eine lästige Pflicht ist, während die Forschung Ruhm und die Versorgung der Privatpatienten Geld bringt. Auch ständen große Teile der Fakultät dem Reformstudiengang immer noch gleichgültig gegenüber, kritisieren die Befürworter der neuen Lehrinhalte. So habe der Reformstudiengang auch keine von Scheffner eigentlich erwartete breite Diskussion über die Notwendigkeit einer besseren Ausbildungsqualität ausgelöst.

Einwände gibt es auch gegen die größere Praxisnähe des reformierten Studiums, weil sie mit Wissenschaftsferne gleichgesetzt wird – obgleich nach internationalen Erfahrungen Absolventen von Reformcurricula überdurchschnittlich oft in die Forschung gehen, vermutlich, weil die Methodik des problemorientierten Lernens der des Forschens ähnelt.

Und erbitterter Widerstand kommt von Vertretern der Grundlagenfächer, die bisher die ersten beiden Studienjahre allein beherrschen, jeder in seiner Domäne, und sich nun „in ihrer Bedeutung herabgesetzt fühlen“, wie der frühere Charité-Dekan Harald Mau sagt. Sie wollen nicht glauben, dass die Studierenden sich das nötige Wissen im Zusammenhang mit dem Lösen einer didaktisch geschickt gestellten konkreten Aufgabe aneignen können, und zwar nachhaltiger als beim systematischen Memorieren des isolierten Stoffs.

Wer allerdings einmal Studierende beim problemorientierten Lernen am Fallbeispiel beobachtet hat, ist wahrscheinlich bekehrt – wie der Biochemiker Cornelius Frömmel, der in Berlin an der Reform mitgearbeitet hat und sie nun als Dekan in Göttingen einführt: „Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden.“

Immer wieder gibt es zudem Einwände, es sei didaktisch, organisatorisch und finanziell viel zu aufwendig, die wesentlichen Elemente des Reformstudiengangs für alle Studierenden anzubieten. Selbst einige Reformbefürworter sagen, dass sich die Charité das kaum leisten könne. Gerhard Gaedicke widerspricht: „Alles Schreckgespenster, herbeigeredet von Reformgegnern!“ Nach der Umstellungsphase sei ein Modellcurriculum nach dem Muster des Reformstudiengangs kaum teurer als der veraltete Regelstudiengang.

Dekanin Annette Grüters-Kieslich versucht die Wogen zu glätten. Auf Anfrage teilt sie mit, die Charité setze alles daran, dass zum Wintersemester 2010/2011 alle Studierenden in einen Modellstudiengang immatrikuliert werden können, „der die positiven Elemente des Regel- und Reformstudiengangs aufnimmt“.

Dazu gehöre, dass im Rahmen dieses Modellstudiengangs vom ersten Semester an auch klinische Inhalte vermittelt werden. Außerdem werde die Lehre einen deutlichen Schwerpunkt auf Themen wie „Gesprächsführung mit Patienten“ und den psychosozialen Kontext von Gesundheit und Krankheit legen. Um „ausdrücklich die großen Verdienste des ehemaligen Dekans Professor Scheffner für die notwendige Reformierung des Medizinstudiums in Deutschland“ zu würdigen, werde die Charité demnächst das „Dieter Scheffner Fachzentrum für medizinische Hochschullehre und evidenzbasierte Ausbildungsforschung“ ins Leben rufen.

Als Grüters-Kieslich ihre Pläne jetzt auf einer Festveranstaltung der Charité im Adlon zum Thema „Lernen für die Medizin von morgen“ präsentierte, wurde aber klar, dass ihre Umsetzung so schnell gar nicht gelingen kann. Erstens hat die Charité keinen Cent für Organisation und Fortführung der Studienreform, weshalb Studiendekan Gross einen sich gerade konstituierenden „Freundeskreis Lehre“ als „Fund Raising Gremium“ vorstellte. Zweitens forderte Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner in seinem Festvortrag, erst einmal „die Stärken und Schwächen beider Studiengänge zu evaluieren“. Das steht für den Regelstudiengang seit Jahren aus.

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