Meeresforschung : Verborgene Gipfel im Ozean

Vom Meeresgrund ragen mehr als 33 000 Berge auf. Dort gibt es einzigartiges Leben – und begehrte Rohstoffe. Die Erforschung der Unterwassergebirge ist jedoch nicht ganz ohne Risiko.

Sven Titz
Bergvolk. Unterwasserhügel sind ökologische Oasen, wie diese Kolonie vor der Küste Neuseelands. Foto: AFP
Bergvolk. Unterwasserhügel sind ökologische Oasen, wie diese Kolonie vor der Küste Neuseelands. Foto: AFPFoto: AFP

Legte sich Gulliver auf den Meeresgrund, er käme sich vor wie ein Fakir auf dem Nagelbrett: Die Böden der Ozeane sind nämlich nicht glatt, sondern übersät mit Hügeln und Bergen meist vulkanischen Ursprungs. Britische und neuseeländische Forscher haben jetzt penibel nachgezählt. Sie fanden, dass 33 452 Unterwasserberge mehr als 1000 Meter vom Meeresgrund aufragen. Kleinere Buckel gibt es in der Tiefseelandschaft noch viel häufiger. Laut der Studie, die in der Fachzeitschrift „Deep Sea Research“ veröffentlicht wurde, erheben sich vom Ozeanboden 138 412 Hügel zwischen 500 und 1000 Meter. Insgesamt bedecken Unterwasserberge und -hügel mehr als ein Fünftel des globalen Meeresgrunds.

Frühere Schätzungen zur weltweiten Zahl der Unterwasserberge basierten auf recht groben Daten und gingen weit auseinander. Doch in den letzten Jahren wurden neue Satellitenmessungen vom Schwerefeld der Erde ausgewertet, die man anschließend in topografische Daten des Meeresgrunds mit einer Maschenweite von knapp einem Kilometer umgerechnet hat. Diese Daten hat Chris Yesson von der Zoological Society of London zusammen mit seinem Team nach Unterwasserbergen durchsucht. Das Resultat ist ein submariner Atlas. Er soll vor allem zur Planung neuer Expeditionen dienen – und zum Schutz der Berge. Denn nur 1,5 Prozent aller Unterwasserberge gehören zu einer offiziellen Schutzzone, schreiben die Autoren.

Erhaltenswert sind vor allem die Ökosysteme auf den Gipfeln unter dem Meer. Einige Studien deuten darauf hin, dass pazifische Unterwasserberge Arten beherbergen, die nirgendwo sonst vorkommen. Das Leben gedeiht besonders gut rings um diejenigen Berge, die bis kurz unter den Meeresspiegel reichen. Man findet dort Plankton und Korallen, Meeresschildkröten und Kalmare; Fische und Haie schwimmen umher. Außerdem dienen die submarinen Berge vielen Meeresorganismen als Kinderstube.

Der Biologe Bernd Christiansen von der Universität Hamburg hat vor allem im Nordatlantik und im Mittelmeer Unterwasserberge erforscht. Er hält in erster Linie die Kaltwasserkorallen und Schwämme für bedroht. „Sie wachsen langsam und regenerieren sich nur schwer“, sagt er. Die neue Aufschlüsselung der Berge von Yessons Team sei nützlich, selbst wenn sie keine Rückschlüsse darauf zulasse, ob ein entdeckter Unterwasserberg schutzwürdig ist oder nicht.

Dass sich in der Umgebung von Unterwasserbergen mehr Fische tummeln als anderswo, wissen natürlich auch Fischer. Ihre Schleppnetze haben schon viele unterseeische Gipfel kahl geschrubbt. „Das schwere Geschirr der Netze zerstört die Korallen und andere festsitzende Bodenbewohner“, erläutert Christiansen. Wegen der Deklaration von Schutzgebieten habe die Bedrohung der Unterwasserberge durch die Schleppnetze aber bereits etwas abgenommen. Langsam zeigen die Bemühungen um den Schutz der Meere erste Erfolge. Costa Rica zum Beispiel hat gerade eine 10 000 Quadratkilometer große Schutzzone für Unterwasserberge bei den ostpazifischen Kokosinseln eingerichtet.

Allerdings interessieren sich für die Berge unter der Wasserlinie zunehmend auch Explorationsfirmen. Denn in dem Gestein sind seltene Metalle wie Tellur, Kobalt, Platin, Lanthan, Titan, Niob, Wolfram oder Zirkon verborgen. Sie werden in viele Hightech-Anwendungen eingebaut und sind entsprechend teuer. Der aufwendige Abbau unter Wasser könnte sich also künftig lohnen. Dass die Unterwasserlandschaft so reich an seltenen Elementen sind, liegt an der Entstehungsgeschichte: Die meisten marinen Berge und Hügel sind Vulkane. Das aufsteigende Magma bringt relativ viele der begehrten Metalle an die Oberfläche.

Vermessen lassen sich Unterwasserberge am genauesten durch Schallsondierungen mit Schiffen. Doch auf diese Weise sind erst 6,5 Prozent des Ozeanbodens untersucht worden, schreiben Yesson und seine Kollegen. Umfassend vor Ort erforscht hat man bisher erst ein paar hundert Unterwasserberge – das ist ein Bruchteil des weltweiten Bestands.

Darum sind noch längst nicht alle geophysikalischen Risiken bekannt, die von Unterwasserbergen ausgehen. Sie sind nicht zu unterschätzen: Von unvermuteten Eruptionen abgesehen, haben Unterwasservulkane in der Erdgeschichte auch immer wieder verheerende Tsunamis ausgelöst. Schon lange gibt es zum Beispiel Befürchtungen, der Unterwasservulkan Marsili nördlich von Sizilien – er ist ungefähr so groß wie der Ätna – könne in der Region gewaltige Wellen schlagen. Marsili wird ständig mit Messinstrumenten überwacht. Für viele andere Unterwasservulkane gilt das noch nicht.

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