Wissen : Mehr als mobil

Hungrige Kühlschränke und Kleidung, die den Arzt ruft: An der TU werden die Technologien der Zukunft entwickelt – auch in Kooperation mit der Telekom

Heiko Schwarzburger

Alle reden über Innovationen. Auch die Deutsche Telekom. Als Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke im Februar in Berlin über Innovationen sprach, zog er gleich einen Scheck aus der Tasche. Die Deutsche Telekom will auf dem Campus der Technischen Universität Berlin eine Ideenschmiede für Telekommunikation und Informationstechnik errichten. Mit einer Anschubfinanzierung von fünf Millionen Euro soll Telekom-Chefinnovator Hans Albert Aukes bis zum Sommer das Deutsche Telekom Innovation Center auf die Beine stellen. „Unser Ziel ist ein Forschungszentrum von Weltruf“, sagte Aukes. Das Innovationszentrum soll in Zukunft weitere Unternehmensbeteiligungen anziehen. Zunächst werden dort 25 Spitzenforscher der Telekom mit über fünfzig Wissenschaftlern der Technischen Universität und deren Partneruniversitäten in aller Welt arbeiten.

Die Telekom hat den vernetzten Menschen im Blick, weit über Computer und Mobiltelefone hinaus. Ein wichtiges Forschungsziel sind so genannte Voice-Portale. Künftig sollen Computer, Telefon und Handy nicht mehr über Tastaturen, sondern über Sprache gesteuert werden. Der Computer erkennt an der Sprache seinen Nutzer und reagiert auf die Kommandos. Ein sprachgesteuertes Telefon kommt ohne Nummerntasten aus. Erste Labormuster dafür existieren bereits. In zwei Jahren könnte die Sprachsteuerung für das gesamte Festnetz der Telekom mit mehr als 8000 Vermittlungsstellen und vierzig Millionen Nutzern verfügbar sein. Auf der Wunschliste der Telekom-Manager stehen auch völlig neue Ideen: „Nicht nur Ihr Kühlschrank zu Hause wird eine Internet-Adresse haben und bei Bedarf Lebensmittel nachfordern“, erklärt Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke. „Auch der Motor Ihres Autos hat eine IP-Adresse und meldet der Werkstatt, wann es Zeit wird für einen Ölwechsel.“

Wer als chronisch Kranker auf ärztliche Hilfe angewiesen ist, trägt vielleicht Kleidung mit Sensoren, die eigene Verbindungen zum Internet aufbauen. Die Sensoren messen spezielle Körperwerte. Bei kritischen Abweichungen alarmieren sie den Hausarzt oder das nächste Krankenhaus.

Agenten mit künstlicher Intelligenz

Herzstück des Telekom Innovationszentrums wird das Labor für künstliche Intelligenz (DAI) der TU Berlin. Dort sind derzeit bereits 70 Wissenschaftler und 30 Studenten tätig. Das DAI-Labor ist weltweit führend bei der Entwicklung neuartiger elektronischer Agenten, den Stellvertretern des Menschen im Netz. „Manche Agenten besorgen wichtige Informationen. Andere schützen sensible Steuerungen wie ein Immunsystem“, sagt Sahin Albayrak, der wissenschaftliche Direktor. „Sie schirmen die Steuersoftware großer Energieerzeuger, Banken und Krankenhäuser gegen Attacken von Computerviren oder so genannten Würmern ab.“ Dass die Forschungen an der TU auf viele Interessenten treffen, beweist Cisco, der weltweit führende Anbieter von Netzwerk-Lösungen für das Internet. Die deutsche Dependance des amerikanischen Unternehmens hatte im Januar mit der TU vereinbart, die gemeinsamen Forschungen mit dem DAI-Labor über intelligente Mobildienste zu intensivieren. Am DAI-Labor laufen auch Forschungen mit Unternehmen wie Sun Microsystems, Motorola, Daimler-Chrysler, Siemens, BMW, Reuters oder Panasonic.

Die Entscheidung der Telekom für die Technische Universität kam nicht von ungefähr. Seit Jahren baut die TU ihre Forschungskapazitäten in der Telekommunikation und der Mikroelektronik aus. Schon seit 1987 forschen die Berliner an der Breitbandkommunikation, damals noch ein exotisches Thema für die fernere Zukunft. Die Fakultät für Elektrotechnik und Informatik ist über gemeinsame Berufungen eng mit sechs Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft verflochten, die sich mit Nachrichtentechnik, Halbleiterchips, elektronischen Baugruppen oder der Sicherheit von Informationssystemen beschäftigen. Rund zehn Millionen Euro warb die Fakultät im vergangenen Jahr durch Forschungsaufträge ein, zwanzig Millionen Euro erhielt sie als Zuschuss vom Land. Insgesamt hat sie 43 Professuren, 280 Mitarbeiter und knapp 4000 Studenten.

Erst im Herbst 2003 beschloss die Bundesregierung, gemeinsam mit der Zentralregierung in Peking ein gemeinsames Institut zur Entwicklung neuer Mobilfunksysteme zu errichten. Sein Direktor ist Holger Boche, einer der jüngsten TU-Professoren überhaupt.

In einem Meer aus Daten

Zudem läuft an der Technischen Universität ein Forschungsprojekt, das die vielen Datennetze, Dienste und Systeme weiter verschmelzen soll. Die Nutzer sollen möglichst komfortabel zwischen den Angeboten wechseln, unter Nutzung von UMTS, dem neuen Standard des Mobilfunks. Eine Arbeitsgruppe um den TU-Telekommunikationsexperten Adam Wolisz erhielt 480 000 Euro, um mobile Kommunikationstechnik nahtlos in die UMTS-Netze einzubinden.

Die TU koordiniert darüber hinaus die Forschung im EU-Projekt Visnet, in dem europäische Forschungsinstitute an neuen Ideen für Multimedia arbeiten. Dafür stehen der Universität rund 650 000 Euro zur Verfügung. Geforscht wird über alle Stufen der multimedialen Welt – von der Erzeugung der Inhalte über die Datenkompression und Übertragung bis hin zur Auswertung und Sicherheit beim Nutzer. Die TU-Nachrichtentechniker Tilman Liebchen und Thomas Sikora entwickelten beispielsweise ein Verfahren, um elektronische Bilder und Musikstücke verlustfrei zu komprimieren. Bislang genutzte Verfahren verschlechtern die Qualität der Daten. Die Moving Picture Experts Group (MPEG), eine Arbeitsgruppe der Internationalen Organisation für Standardisierung (ISO), will das TU-Verfahren nun zum weltweiten Industriestandard erheben, als MPEG-4 Lossless Audio Coding.

In der Mikroelektronik und der Chipherstellung gehört die TU zu den führenden Forschungszentren in Europa. In der Mikrosystemtechnik spinnt sie ein leistungsfähiges Netzwerk, in dem es um die Verdrahtung von Chips und Leiterplatten geht. Immer leistungsfähigere Chips auf immer kleineren Platten, immer dichter gepackt: Schon liegen zwischen den Kontakten der Chips kaum mehr als 100 Mikrometer, weniger als ein menschliches Haar. Das stellt erhebliche Anforderungen an die Lötstellen, die Leiterbahnen, die Wärmeableitung und die Zuverlässigkeit der Materialien. Experten um den Mikroelektroniker Herbert Reichl entwickeln neue Chips und Sensoren, die sogar die extreme Hitze an einem Automotor aushalten. Sie könnten die Motorsteuerung von Autos revolutionieren. Die TU hat ihre Kapazitäten in das Zentrum für Mikrosystemtechnik Berlin (ZEMI) eingebracht, dem auch die Bundesanstalt für Materialforschung, zwei Fraunhofer-Institute, der Elektronenspeicherring Bessy und das Ferdinand-Braun-Institut in Adlershof angehören.

Innovationen über Innovationen – aber davon kann Deutschland ja gar nicht genug bekommen.

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