Wissen : Mehr Geburten und weniger Mehrlinge

Ärzte wollen Auswahl von Embryonen

Adelheid Müller-Lissner
Im Labor befruchtet.
Im Labor befruchtet. Das deutsche Recht ist zu streng, meinen Gynäkologen. -Foto: AP

Wenn ein Paar sich einer künstlichen Befruchtung unterzieht, hat es meist schon mehrere Jahre vergeblich auf ein Kind gewartet. Klappt es mit einer der Methoden, dann wird eine von fünf Frauen aber gleich Mutter von Zwillingen, jede 100. ist auf einen Schlag sogar dreifach Mutter. Zumindest in Deutschland, wo bis zu drei befruchtete Eizellen gleichzeitig eingesetzt werden.

Der Mehrfach-Kindersegen ist für Mutter und Kind riskant, vor allem drohen Frühgeburten. „Die Gebärmutter ist nicht dafür ausgelegt, zwei oder mehr Kinder bis zum Geburtstermin zu tragen“, sagt der Reproduktionsmediziner Georg Griesinger vom Zentrum für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Er ist Mitautor des Gutachtens „Reproduktionsmedizin im internationalen Vergleich“, das von der Friedrich-Ebert- Stiftung in Auftrag gegeben und nun in Berlin vorgestellt wurde.

Griesinger wünscht sich, dass ihm und seinen Kollegen in der täglichen Arbeit ein Vorgehen erlaubt wird, das in vielen Ländern inzwischen gang und gäbe ist. In Schweden, Finnland und Belgien ist es sogar per Gesetz und in Leitlinien vorgeschrieben: Den Frauen bis Mitte 30, bei denen größere Chancen bestehen, dass jeder eingepflanzte Embryo sich auch in der Gebärmutter festsetzt und heranreift, wird dort jeweils nur eine einzige befruchtete Eizelle implantiert. Seitdem diese Übertragung eines einzelnen Embryos (eSET) praktiziert wird, ist in Schweden die Zwillingsrate auf unter sechs Prozent gesunken, Drillinge kommen nach IVF so gut wie nie mehr vor.

Trotzdem ist die Rate an erfolgreichen Geburten nach eSET hoch. Das liegt vor allem daran, dass die Schweden es nicht dem Zufall überlassen, welcher Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt wird. Sie wählen diejenige befruchtete Eizelle aus, deren Aussehen unter dem Lichtmikroskop für die beste Entwicklungsfähigkeit spricht. Die übrigen werden – eventuell für einen späteren Behandlungsversuch – zunächst tiefgefroren aufbewahrt.

Dass das in Deutschland anders ist, liegt an der doppelten Dreierregel, die das Embryonenschutzgesetz zumindest in der Auslegung durch die Mehrheit der Rechtsgelehrten vorschreibt: Pro Behandlungszyklus dürfen nur drei Eizellen befruchtet werden, alle befruchteten Eizellen müssen sofort eingepflanzt werden.

Die Autoren des Gutachtens wünschen sich für Deutschland ein Fortpflanzungsmedizingesetz, das unter anderem diese Frage neu regelt. Inzwischen werden jedes Jahr in Deutschland rund 38 500 künstliche Befruchtungen in der Petrischale vorgenommen, über 40 000 Kinder wurden laut dem Deutschen IVF-Register zwischen 1997 und 2006 geboren. Die Erfolgsquote steht dabei mit knapp 20 Prozent dem international inzwischen erreichten Wert von 26 Prozent deutlich nach. Mit dem eSET verbinden die deutschen Reproduktionsmediziner die Hoffnung auf doppelten Gewinn: Auf mehr Geburten und weniger Mehrlinge.

Mehrlingsgeburten, die unter natürlichen Bedingungen höchstens nach einer von 100 Schwangerschaften vorkommen, sind das große Problem der Fortpflanzungsmedizin seit ihren Anfängen. „Nur 70 Prozent der Drillingskinder werden den Eltern gesund übergeben“, heißt es im Gutachten. Um zumindest das Drillings-Problem zu reduzieren, empfiehlt die Bundesärztekammer in ihren Richtlinien, bei Frauen unter 35 Jahren nur zwei Eizellen zu befruchten und zu transferieren. Der Durchschnitt liegt jedoch laut Gutachten bei 2,1.

Immer wieder kommt es vor, dass gezielt einer der Feten im Mutterleib getötet werden muss, damit die Lebenschancen seiner Geschwister steigen. Meist treffe es den Fetus, der technisch am leichtesten zu erreichen sei, berichteten die Gynäkologen. Sie drängen nun auf eine politische Lösung. Und wünschen sich, das Projekt Fortpflanzungsmedizingesetz in den Programmen der Parteien zur nächsten Bundestagswahl zu finden.

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