Mehr Geld für Alternsforschung : Der Hundertjährige, der aus dem Raster fiel

Die Wissenschafts-Akademien fordern in einer Stellungnahme gezieltere medizinische Forschung über Hochbetagte.

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Immer mehr Menschen erreichen ein Alter jenseits der 70. Wissenschaftsakademien fordern, dass dementsprechend mehr in die Alternsforschung investiert werden muss.
Immer mehr Menschen erreichen ein Alter jenseits der 70. Wissenschaftsakademien fordern, dass dementsprechend mehr in die...Foto: picture alliance/dpa

Das Pflegeheim hat die Hausärztin angerufen. Es geht um Herrn S., der auffallend unruhig ist und nun schon seit mehreren Nächten nicht schlafen kann. Der 85-Jährige ist dement, seine Verwirrtheit hat in den letzten Wochen zugenommen. Im Lauf der letzten Jahrzehnte sind nach und nach von hohem Blutdruck über Rheuma, Diabetes, Gicht, Osteoporose und Herzschwäche so viele gesundheitliche Probleme zusammengekommen, dass er, würde die Ärztin sich für jede von ihnen an den geltenden Behandlungsleitlinien orientieren, jeden Tag 16 verschiedene Medikamente einnehmen müsste. Braucht er nun zusätzlich auch noch ein Schlaf- oder Beruhigungsmittel? Oder wäre es besser, einige der Mittel abzusetzen, die er nimmt, weil ihr Zusammenspiel für das Befinden von Herrn S. ungünstige Folgen hat? Und wie kann die Allgemeinmedizinerin überhaupt herausfinden, was dem verwirrten alten Herrn vor allem fehlt?

Fünf Prozent der Bevölkerung sind älter als 85

Diesen und anderen Fragen widmet sich die ausführliche Stellungnahme „Medizinische Versorgung im Alter – Welche Evidenz brauchen wir?“, die die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gestern in Berlin vorstellten.

4,5 Millionen Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik (5,4 Prozent der Bevölkerung) sind älter als 85 Jahre. Nie hatten Menschen noch so viel Lebenszeit vor sich wie heute. „Nach wie vor gehört die Frage, ob die aufgrund des fortschreitenden Anstiegs der Lebenserwartung gewonnenen Jahre am Ende auch qualitätsreiche Jahre sind, zu den ,Gretchen-Fragen’ der Alternsforschung wie auch der Politik und Gesellschaft“, schreibt die aus 15 Wissenschaftlern bestehende Arbeitsgruppe, die sich im Jahr 2013 unter Leitung des Geriaters Cornel Sieber vom Institut für Biomedizin des Alterns der Universität Erlangen-Nürnberg konstituierte.

Jeder Alte ist anders krank

Klar ist, dass es auf die Frage nach subjektiv empfundener und objektiv ermittelbarer Gesundheit im Alter keine allgemein gültige Antwort gibt. „Keine Patientengruppe ist interindividuell so unterschiedlich wie die Älteren“, heißt es in dem Papier. Die Akademien-Arbeitsgruppe wendet sich deshalb auch ausdrücklich gegen Altersklischees – ob es nun um eine allgemeine Stigmatisierung im Sinn des „Ageism“ geht oder auch um positive Erwartungen wie die an die Weisheit der Alten.

Bei der Behandlung kranker Menschen im hohen Alter, vor allem solcher mit mehreren Leiden und mit besonderer Hinfälligkeit, machen die Autoren vor allem zwei Defizite aus. Die geltenden Leitlinien befassen sich meist mit Menschen, die allein an der jeweils dort abgehandelten Krankheit leiden. Und die Polypharmazie, also das Einnehmen vieler Arzneimittel gleichzeitig, wird heute nicht genügend als das gravierende Gesundheitsrisiko wahrgenommen, das sie tatsächlich darstellt. „Wenn ich dem Regelwerk folge, das für Patienten mittleren Alters aufgestellt wurde, ist der hochaltrige Patient deshalb oft fehlversorgt“, sagte Sieber gestern bei der Präsentation der Stellungnahme.

Nicht mehr Heilung ist Ziel der Behandlung

Zum Problem der vielen Pillen und nebeneinander existierenden Krankheiten kommt nämlich auch, dass Menschen im hohen Alter mit der Behandlung meist ein anderes Ziel verfolgen als junge und mittelalte. Sie streben nicht unbedingt an, wieder ganz gesund werden, wünschen stattdessen vordringlich, ihren Alltag wieder oder weiter selbstständig bewältigen zu können. Deshalb ist es von großer praktischer Bedeutung, dass Hausärzte und ihre hochbetagten Patienten, aber auch Verantwortliche in Pflegeheimen und deren Bewohner, frühzeitig darüber reden, wie die Behandlung im Ernstfall aussehen und wie der letzte Lebensabschnitt gestaltet werden soll.

Um eine an diesen Zielen ausgerichtete Behandlung auf solidere wissenschaftliche Füße zu stellen, wünscht sich Sieber eine „andere Studienkultur“. Die Pflegewissenschaftlerin Gabriele Meyer von der Universität Halle-Wittenberg konkretisierte, dass heute vor allem gute wissenschaftliche Studien fehlen, die die Lebenswirklichkeit der hochbetagten Patienten berücksichtigen und in denen die Wirksamkeit komplexer, aus mehreren Elementen bestehender Behandlungen ermittelt wird. Weil das methodisch eine große Herausforderung darstellt, könne man sogar an einen eigenen Lehrstuhl für „Methodenforschung der Multimorbidität“ denken, ergänzte der Alternsforscher Sieber.

Fehlorganisation im Gesundheitssystem trifft vor allem Alte

Die Daten, die für solche Untersuchungen gebraucht werden, kommen am ehesten in den Praxen der Hausärzte zusammen. Die Allgemeinmedizinerin Annette Becker, die ihr Fach auch als Professorin an der Universität Marburg lehrt, wünscht sich von der Politik Anreize, die ihre viel beschäftigten Kollegen motivieren könnten, sich an solchen Studien zu beteiligen.

Wenn es mit dem Informationsfluss zwischen den Arztpraxen, den Kliniken und den Pflegeheimen nicht klappt, sind mehrfach kranke, möglicherweise auch demente alte Menschen dem noch wehrloser ausgeliefert als alle anderen. Dass die Akademien sich für die gezielte Entwicklung neuer Versorgungsmodelle für sie aussprechen, dürfte also im Sinne des verwirrten Herrn S. sein.

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