Wissen : Mehr Schule, weniger Kinder

Weltweites Bevölkerungswachstum wird entscheidend durch Bildungsniveau der Frauen beeinflusst.

Fritz Habekuß

Je gebildeter ein Mensch, desto weniger Kinder bekommt er. Diesen Zusammenhang haben Bevölkerungsprognosen bislang eher außer Acht gelassen. Erstmals haben nun österreichische Demografen den Bildungsfaktor miteinbezogen und ausgerechnet, wie viele Menschen 2050 auf der Erde leben werden. Ihr Ergebnis: Kaum etwas hat so starken Einfluss auf die Entwicklung der Weltbevölkerung wie Bildung. Ihre Arbeit veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift „Science“.

Anhand von vier Modellen hat der Wiener Demograf Wolfgang Lutz den Einfluss der Bildung auf die zukünftige Entwicklung der Weltbevölkerung aufgezeigt. Lutz leitet das „Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften“. In der ersten Rechnung – dem pessimistischsten Fall – nimmt er an, dass trotz steigender Kinderzahl keine neuen Schulen gebaut würden. Demnach würden 2050 fast zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, drei Milliarden mehr als heute.

Im günstigsten Szenario steige die Zahl nur auf knapp neun Milliarden. Dazu müssten alle Länder ihr Bildungssystem so ausbauen, wie es heute nur die am meisten fortgeschrittenen Regionen tun. In seiner Studie hat Lutz noch zwei weitere Modelle berechnet, deren Ergebnisse zwischen den beiden Extremen liegen. „Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen“, sagt Lutz. Er selbst sei vorsichtig optimistisch.

Entscheidend für den Anstieg der Weltbevölkerung sind vor allem Entwicklungsländer. Hier ist die Geburtenrate sehr hoch. So kommen in Afghanistan auf eine Frau rechnerisch 6,4 Kinder, in Ägypten immerhin noch 4,3. Zum Vergleich: In Industrienationen bekommen Frauen im Durchschnitt um die zwei Kinder, in Deutschland liegt die Geburtenrate mit 1,6 sogar deutlich darunter.

„In der Dritten Welt ist der Zusammenhang eindeutig: Mehr Bildung führt zu weniger Kindern“, stellt Lutz klar. Die Gründe sind vielfältig: Zum einen haben Frauen mit höherer Bildung eher Zugang zu Verhütungsmitteln und wissen sie richtig einzusetzen. Zum anderen wünschen sie sich von vornherein weniger Nachwuchs.

In vielen Teilen der Erde sehen Frauen das Kinderkriegen als schicksalhaft an. Diese Einstellung verändert sich mit der Bildung. Frauen mit einem höheren Abschluss bewerten die Lebensqualität ihrer Kinder höher als deren Anzahl. Aber: „Zwei, drei Jahre Grundschule reichen nicht aus“, sagt Lutz. Deshalb plädiert er weder für eine Konzentration auf die Grundschulbildung noch für Elitenförderung, sondern für eine solide Ausbildung über einer weiterführende Schule.

Für die gegenwärtige Praxis der Entwicklungshilfe findet Lutz klare Worte: „In vielen Ländern tut sich viel zu wenig. Dort ist Bildung leider noch nicht das höchste Gut. Eher geht viel Geld in Infrastrukturprojekte mit hohem Prestige, die der Bevölkerung oft eher schaden als nützen.“ Er ist der Meinung, dass eine medizinische Grundversorgung und universelle Bildung vielen Menschen mehr helfen und die Schlüsselfaktoren bei der Entwicklungshilfe sein sollten. Fritz Habekuß

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