Wissen : Mehr Vielfalt für die Wissenschaft

Bundestag zu Frauen und Geschlechterforschung

Anja Kühne

Wenn die deutsche Wissenschaft sich von ihrer homosozialen Kultur verabschieden will, ist dafür spätestens jetzt der geeignete Zeitpunkt. Tausende von Stellen für Wissenschaftlerinnen werden in den nächsten Jahren frei. Wegen der Exzellenzinitiative und des Hochschulpakts für Studienplätze expandiert das System, zugleich geht bis 2014 ein Drittel der Professoren in Pension. „Die Zeit ist reif“, sagte Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, am Montag bei einer Anhörung im Bundestag zum Thema „Frauen in der Wissenschaft und Gender in der Forschung“.

Strohschneider rechnete vor, dass es auf den Professuren mit der höchsten Besoldungsstufe erst im Jahr 2090 genauso viele Frauen wie Männer geben würde, sollte das bisherige Tempo beibehalten werden. Die Vorstellung, Frauen seien aufgrund kleinerer Gehirne nicht so leistungsfähig wie Männer sei zwar nicht mehr verbreitet. Doch die alten „Exklusionsmechanismen“ wirkten weiter – und seien ernst zu nehmen. Schließlich erfüllten sie eine wichtige Funktion: die der Stabilisierung der Institution.

Eben dieser Hang zur Tradition schadet der Wissenschaft aber längst mehr als er ihr nutzt. Ferdi Schüth, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), wies darauf hin, dass die Spitzenforschung auf ein Drittel des möglichen Wettbewerbs verzichtet, weil begabte Frauen von der „leckenden Pipeline“ des Systems ausgeschieden werden. Auch inhaltlich stellt die soziale Monokultur in der Wissenschaft ein Innovationshemmnis dar, wie Susanne Baer, Direktorin des Genderkompetenzzentrums der Humboldt-Universität, sagte: „Wer Gender nicht versteht, versteht die Welt nicht.“ Ein Mehr an sozialer Diversität in der Wissenschaft werde aber auch durch die in Deutschland weit verbreitete Kanonisierung der Disziplinen gebremst, wie neue amerikanische Studien über die US-Wissenschaft nahelegten: Wann immer Themen problemorientiert und interdisziplinär angegangen werden müssten, fänden sich leichter sozial gemischte Forschergruppen zusammen, deren vielfältige Perspektiven dann auch die kreativeren Lösungen hervorbrächten.

Ob solcher Analysen wollen die Grünen im Bundestag, die zu der Expertenanhörung eingeladen hatten, nicht länger auf den guten Willen wissenschaftlicher Einrichtungen setzen. Krista Sager, stellvertretende Fraktionsvorsitzende, sagte, es sei nicht länger akzeptabel, die Beschäftigung mit Gender in der Forschung „als Sonderthema“ zu betrachten. Schließlich könnten damit etwa Fehlmedikationen in der Medizin verhindert oder Produkte passgenauer auf die Bedürfnisse von Kundinnen zugeschnitten werden. Auch fordern die Grünen „überprüfbare Vorgaben über konkrete Steigerungsquoten“, die bei Leistungsvereinbarungen und bei der forschungsbezogenen Mittelvergabe berücksichtigt werden, sowie professionelle Verfahren bei der Personalrekrutierung.

Mit gutem Beispiel geht die DFG voran. Sie hat den Frauenanteil in ihrem Präsidium und im Senat auf das zuvor selbstgesteckte Ziel von 25 Prozent erhöht. Bei der Einrichtung von Sonderforschungsbereichen und Graduiertenkollegs wird jeweils geprüft, „ob Wissenschaftlerinnen in einem fachspezifisch angemessenen Umfang beteiligt worden sind“. Auch die von den Hochschulen bereits etablierten und geplanten Maßnahmen im Bereich der Gleichstellung sollten dabei begutachtet werden. Die DFG ermutigt Frauen, Anträge im Bereich der Gender-Forschung zu stellen. Die Gutachter würden aber auch generell prüfen, ob bei dafür in Frage kommenden Projekten genderbezogene Methoden der Durchführung vorgesehen sind, sagte Schüth. Wenn nicht, könne ein Antrag auch durchfallen, „weil es sich um einen Qualitätsmangel“ handelt.

Braucht die Wissenschaft feste Zielvorgaben für die Gleichstellung? Die meisten Experten und Expertinnen im Bundestag waren dieser Meinung – schließlich haben die DFG und der Wissenschaftsrat, die sich selbst Ziele gesetzt haben, diese auch erreicht. Hingegen warnte Barbara Bludau, Generalsekretärin der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), davor, Frauenpolitik als „Sondergruppenpolitik“ zu gestalten. Es sei davon auszugehen, dass der Arbeitsmarkt angesichts des demografischen Wandels ohnehin viel stärker auf Frauen zurückgreifen werde. Bis dahin werde die MPG auf ihre bewährten Instrumente zurückgreifen: ihr Minerva-Programm, in dem freie Stellen nur mit Frauen besetzt werden, und ihr Mentoring-Programm für Nachwuchsforscherinnen. Anja Kühne

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