"Mein Kampf" in der Schule : Den Aufstieg Hitlers verstehen

Die NS-Zeit im Geschichtsunterricht: Was Schüler aus der Lektüre von „Mein Kampf“ über Adolf Hitler heute noch lernen können.

Thomas Sandkühler
Historisches Lernen. Dass Jugendliche über Hitler und die NS-Zeit heute mehr als vor 40 Jahren wissen, ist keineswegs sicher. Foto: picture alliance/dpa
Historisches Lernen. Dass Jugendliche über Hitler und die NS-Zeit heute mehr als vor 40 Jahren wissen, ist keineswegs sicher....Foto: picture alliance / dpa

„Hitler war’s“: Diese griffige Formel galt in der Bundesrepublik bis weit in die 60er Jahre. Indem Hitler als allmächtiger, terroristischer Diktator vorgeführt wurde, mussten unbequeme Fragen nach der Mitwirkung der deutschen Gesellschaft und ihrer Eliten nicht gestellt werden. Der Akzent der Volks- und Mittelschullehrerausbildung lag damals auf der Erzählung der Lebensgeschichten vorbildlicher historischer Akteure. Hitler war das negative Gegenbeispiel, aber die Methode blieb dieselbe. Ausdrücklich wurde Lehrerinnen und Lehrern empfohlen, nicht vom „Dritten Reich“, sondern vom „Hitler-Reich“ zu sprechen.

Die Publikation der kritisch kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ gibt derzeit erneut Anlass zu geschichtsdidaktischen Überlegungen. Kann die Neuausgabe Gegenstand des schulischen Lernens sein? Welche Schwierigkeiten, aber auch welche Chancen tun sich auf, wenn sich heutige Jugendliche mit diesem Text auseinandersetzen?

Allerdings sollten Fragen nach den Risiken und Nebenwirkungen von „Mein Kampf“ nicht allein dem Geschichtsunterricht gestellt werden. Hitler ist inzwischen zu einer Medienfigur geworden, die Jugendlichen der vierten Nachkriegsgeneration in unterschiedlichsten Kontexten gegenübertritt und nicht zwangsläufig zum historischen Denken anregt. Folglich wird eine wichtige Aufgabe des Geschichtsunterrichts darin bestehen, „Mein Kampf“ in seinen historischen Kontext einzubinden beziehungsweise zurückzuführen.

Tabuisiert wurde Hitlers Schrift in der Schule nie

Wirft man einen kurzen Blick auf die Rolle von „Mein Kampf“ im bisherigen Geschichtsunterricht, so muss zunächst dem verbreiteten Irrtum entgegengetreten werden, Hitlers Schrift sei tabuisiert worden. Auszüge aus „Mein Kampf“ gehörten vielmehr seit den 60er Jahren zum Standardrepertoire des Schulgeschichtsbuchs und dürften im Unterricht auch gelesen worden sein. Allerdings sagt die bloße Tatsache, dass diese Quelle Lehrkräften und Schülern zugänglich war, nichts darüber aus, was und wie aus „Mein Kampf“ gelernt wurde. Der Geschichtsdidaktiker ist hier weitgehend auf Vermutungen und einzelne Befunde angewiesen. Daher wird im Folgenden vor allem von Schulbüchern die Rede sein.

Unter dem Vorzeichen des Kalten Krieges wurden in vielen Schulbüchern schematische Vergleiche zwischen Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus angestellt. Im Verein mit der hitlerzentrischen Interpretation des NS-Staates sollten diese Vergleiche totalitärer Diktaturen politisch entlastende Wirkungen entfalten. Die Verbrechen des Regimes wurden teils ganz verschwiegen, teils hinter wolkigen Metaphern verborgen. Das deutsche Volk erschien als Opfer nationalsozialistischer Verführung, die durch eine raffinierte politische Propaganda ins Werk gesetzt worden sei. Noch Mitte der 70er Jahre dürfte ein Teil der Lehrkräfte die Unterdrückung und Verführung der deutschen Mehrheitsgesellschaft betont haben, während andere – wohl Lehrer der jüngeren Generation – „Mein Kampf" als sträflich ignoriertes Vorzeichen kommenden Unheils interpretierten.

In der 70ern: Erschütternde Unkenntnisse von Jugendlichen

1977 löste ein Buch des Lehrers Dieter Boßmann einen veritablen Schock in der bundesdeutschen Publizistik und Fachöffentlichkeit aus. Boßmann hatte über 3000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Aufsätze zu folgendem Thema schreiben lassen: „Was ich über Adolf Hitler gehört habe“. Das Ergebnis war ernüchternd. Sichere Kenntnisse über die Geschichte des NS-Staates waren kaum vorhanden, Halbwissen mischte sich mit Versatzstücken populärer Mythen. Sofern von Hitlers „Mein Kampf“ die Rede war, erschien das Buch den Schülern als eine Art „Heilige Schrift“, die den Deutschen anstelle der christlichen Bibel als Pflichtlektüre aufgegeben worden sei, aber auch als vor 1933 ignoriertes Warnzeichen und nach 1945 verbotenes Objekt jugendlichen Interesses.

In den 80er Jahren spielten Hitler und „Mein Kampf“ mit hoher Wahrscheinlichkeit keine wichtige Rolle im Geschichtsunterricht. Inzwischen hatten Geschichtsdidaktiker heftige Kritik an der vorherrschenden „Personalisierung“ im Geschichtsunterricht geübt. Auch fanden strukturgeschichtliche Erklärungsansätze der Zeitgeschichtsforschung vermehrt Eingang in den Unterricht. Zwar wurden in Schulbüchern weiterhin kurze Auszüge aus „Mein Kampf“ abgedruckt, aber Lehrkräfte hielten sich im Allgemeinen nicht lange mit ihnen auf und betonten teilweise den eklektischen Charakter von Hitlers Ideologie.

Hierbei ist es im Großen und Ganzen bis heute geblieben, sieht man davon ab, dass die Kernthese von Ian Kershaws Hitler-Biografie – die deutsche Gesellschaft habe dem „Führer“ vorauseilenden Gehorsam geleistet – Eingang in einige Schulbücher gefunden hat. Eine ländervergleichende Untersuchung des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung hat unlängst festgestellt, dass die auf Hitler bezogene Personalisierung der NS-Geschichte im deutschen Schulbuch selten anzutreffen sei. Andererseits zeigen aktuelle Verfassertexte, dass deutsche Schulbuchautoren nicht recht wissen, wie sie Hitlers Stellung im Herrschaftssystem des NS-Staates beurteilen sollen.

Auf die Lektüre sollte man nicht verzichten

Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, was man nicht wollen kann: „Mein Kampf“ sollte nicht dazu führen, dass der Geschichtsunterricht zu den volkspädagogischen Leitsätzen der 50er und 60er Jahre zurückkehrt. Soll man also auf die Lektüre verzichten? Das empfiehlt sich ebenso wenig. Dieses Buch ist für das historische Lernen eine Quelle, die interpretiert und analysiert werden kann und muss. Selbstverständlich muss über Hitler als Person gesprochen werden, wenn „Mein Kampf“ interpretiert werden soll. Vor einer entsprechenden Unterrichtseinheit sollte schriftlich erhoben werden, was die Lernenden über Hitler wissen oder zu wissen glauben. Es ist keineswegs sicher, dass die Vorstellungen heutiger Jugendlicher über Hitler weniger „trivial“ und sachhaltiger sind als diejenigen der älteren Generation vor 40 Jahren. Ein kritischer Rückblick auf Hitlers Biografie wird zum Ziel haben, die autobiografischen Aussagen im ersten Teil von „Mein Kampf“ an der tatsächlichen Lebensgeschichte des Verfassers zu messen.

Andererseits sollte an ausgewählten Beispielen gezeigt werden, dass „Mein Kampf“ teilweise eine beunruhigende Aktualität aufweist. Ideologiekritik zielt darauf, Hitlers Legitimationsmuster und die Voraussetzungen ihrer Entstehung um die Wende zum 20. Jahrhundert zu verstehen. Darüber hinaus kann der problematisierende Vergleich zwischen der damaligen und der heutigen Konstellation das politische Urteilsvermögen der Schüler stärken. Abstiegsängste im multiethnischen Umfeld der österreichischen Hauptstadt machten Hitler und seinesgleichen empfänglich für das Gedankengut „völkischer“ Sektierer. Die Anfälligkeit tatsächlicher, potenzieller oder gefühlter Verlierer für einfache Feindbilderklärungen besteht bis heute fort.

Politisches Urteilsvermögen von Schülern stärken

Assoziationen einer totalitären Überwältigung des deutschen Volkes sollten vermieden, der zutiefst inhumane Charakter von „Mein Kampf“ herausgearbeitet werden, ohne die für das historische Lernen konstitutive Zeitdifferenz zwischen NS-Vergangenheit und Gegenwart einzuebnen. Für das Geschichtsbewusstsein heutiger Schüler wäre nicht viel gewonnen, wenn Auszüge aus Hitlers Buch zur Erzeugung politisch erwünschter Einstellungen verwendet würden. Ein solcher Geschichtsunterricht liefe auf Gesinnungsbildung hinaus und würde seine Adressaten bestenfalls verfehlen, schlimmstenfalls zu Trotzreaktionen veranlassen.

Vor diesem Hintergrund stimmen Forderungen bedenklich, die Edition des Instituts für Zeitgeschichte zur verbindlichen Schullektüre zu machen. Für diesen Zweck eignet sich das Buch nicht, weil es sich an eine wissenschaftliche Leserschaft richtet. Der Bundesministerin für Bildung und Forschung dürfte auch nicht entgangen sein, dass das Fach Geschichte – sofern es überhaupt noch existiert – nurmehr eine marginale Rolle in der schulischen Stundentafel spielt.

Die Erwartung, Lehrer und Schüler hätten Zeit, den umfangreichen Anmerkungsapparat der neuen Edition durchzuarbeiten, verfehlt die schulische Realität. Wie der Geschichtsdidaktiker Martin Lücke in dieser Zeitung zu Recht hervorgehoben hat, bedarf es für unterrichtliche Zwecke einer didaktisch aufbereiteten Textfassung, namentlich aber einer knappen historischen Kontextualisierung von „Mein Kampf“. Ob sich ein Verlag für eine solche Publikation interessieren lässt, steht derzeit noch dahin.

- Der Autor ist Professor für Geschichtsdidaktik an der Humboldt-Universität und Autor des Buches „Adolf H. Lebensweg eines Diktators“ (Hanser Verlag, München 2015). Der Text beruht auf seinem Aufsatz „NS-Propaganda und historisches Lernen“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 43-45/2015 (herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung).