Meinung : Die EU braucht mehr Erasmus

Die Zukunft liegt in einer Bildungs-, Forschungs- und Innovationsgemeinschaft. Ein Gastbeitrag von Ernst Dieter Rossmann (SPD)

Ernst Dieter Rossmann
Ernst Dieter Rossmann, der bildungs- und forschungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.
Ernst Dieter Rossmann, der bildungs- und forschungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.Promo

Das gibt Hoffnung für Europa. Die junge, nachwachsende Generation im Westen wie im Osten Europas steht dazu, dass ihre Länder in der EU verbleiben und sie will sich ihre europäischen Wahrheiten und Werte nicht durch Populismus und Nationalismus nehmen lassen. Dieser idealistische Anspruch des „Pulse of Europe“ muss jetzt auch im Zentrum der Europa-Politik ankommen. Weshalb nur war die EU-Kommission bei der Vorlage ihres Weißbuches zur Entwicklungsperspektive für das Europa 2025 so borniert, die Zukunftsdimension von Bildung und Innovation zwar im einleitenden Teil als „Treibrad Europas“ zu bezeichnen, dann aber die Zukunftsperspektiven auf Handlungsfelder wie Binnenmarkt und Handel, Wirtschafts- und Währungsunion, Migration und Sicherheit, Außenpolitik und Verteidigung und die EU-Haushaltspolitik zu fokussieren?

Glaubt die Kommission wirklich, nur mit vermeintlich großen Themen der Quasi-Staatlichkeit die EU für die Zukunft zu vitalisieren, oder handelt es sich um Selbstvergessenheit und Fantasielosigkeit? Immerhin darf sich Europa nicht nur für 60 Jahre Römische Verträge feiern, sondern auch für 30 Jahre Jugend- und Bildungsaustausch durch das großartige Erasmus-Programm mit seinen imponierenden Teilnehmerzahlen. Europa hat sich schon im Jahr 2000 in der Lissabon-Strategie verpflichtet, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Innovation zu investieren. Und ja: Mit seinem Fördervolumen von rund 70 Milliarden Euro ist das laufende Forschungsrahmenprogramm „Horizont 2020“ weltweit das bisher größte seiner Art.

Bildung und Wissenschaft ist kein Projekt von Eliten

Was bei Junker und seiner Kommission fehlt, haben die Präsidenten der deutschen und der französischen Hochschulrektorenkonferenzen, Horst Hippler und Gilles Roussel, dagegen unlängst auf den Punkt gebracht. Sie fordern eine Bildungs-, Forschungs- und Innovationsgemeinschaft als europäisches Zukunftsprojekt. Die exzellenten Potenziale in der EU müssen kooperativ genutzt und „von unten“ in einem neuen Gemeinschaftsprozess gestaltet werden, nicht als Projekt von Eliten, sondern als breit angelegter Prozess von vergleichender Analyse und diskursiver Annäherung, von Kooperation und Kohäsion. Für die Europäische Kommission sehen die Hochschulpräsidenten die Rolle eines Moderators und Beraters. Gleichzeitig müssen auch die zerstückelten EU-Politikfelder von Bildung, Forschung, Innovation und Kultur neu gedacht und zusammengeführt werden, um sich in Europa gemeinsam kritisches Denken anzueignen, interkulturelles Verständnis zu finden und das Wachsen einer europäischen Identität zu fördern.

Die dichte Landschaft an Universitäten und Hochschulen in Europa mit ihrer Tradition seit Gründung der Universität Bologna im Jahr 1088 und die globale Ausstrahlung ihrer Forschungsexzellenz stehen schon jetzt mehr ein für Transnationalität, als es vielen anderen Institutionen möglich ist. Diese Stärke greift über den europäischen Forschungsraum hinaus und zeigt sich in der Widerstandsfähigkeit der wissenschaftlichen Kooperationen etwa mit Russland oder der Türkei.

Der "Europa-Lehrer" muss mehr werden als nur eine Vision

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“ Alexander von Humboldt, der große Naturforscher der beginnenden Moderne, bringt mit diesem Aphorismus Weltanschauung als Aufforderung zur vorurteilsfreien Welterkundung und wissenschaftlichen Wahrheitsfindung und Weltanschauung als Gelegenheit zur persönlichen Erfahrung und Auseinandersetzung mit anderen Lebenswelten zusammen. Gerade die Europäer und zumal die Deutschen sollten ihre Lektion im letzten Jahrhundert hierzu gelernt haben. Der Jugend- und Bildungsaustausch über das Erasmus-Programm leistet schon jetzt Großartiges. Eine Verdoppelung seiner Kapazitäten auf über vier Milliarden Euro pro Jahr würde die junge Generation noch stärker für das Europa der Zukunft gewinnen können.

Ins Zentrum gehört auch die europäische Mobilität der Lehrenden. Der „Europa-Lehrer“ muss mehr werden als nur eine Vision. Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Ausbildung wird dadurch konkret, dass der berufliche Austausch in Europa zum studentischen nachzieht und die EU-Jugendgarantie und die Beschäftigungsinitiative für junge Menschen endlich umgesetzt werden.

Noch ist es nicht zu spät: Der Europäischen Kommission möchte man zurufen, sich mit Blick auf Europa 2025 auf dieses „Treibrad“ in der konkreten Politik zu besinnen und ihre Agenda um die Priorität Bildung, Forschung und Innovation zu erweitern. Und die Bundesregierung sollte sich den Elan von „Pulse of Europe“ zu eigen machen und sich an die Spitze der Bewegung für diese Zukunftspriorität setzen.

Der Autor ist bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

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