Meinung : Science Center: Berlin braucht ein „Haus der Zukunft“

Die Pläne für das "Haus der Zukunft" sind umstritten. Doch die Forschung braucht einen Ort, um ihre Ideen den Bürgern zu präsentieren

Matthias Kleiner
Matthias Kleiner, zukünftiger Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und ehemaliger Präsident der DFG Foto: Imago
Matthias Kleiner, zukünftiger Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und ehemaliger Präsident der DFGFoto: Imago



Direkt neben dem Bundesbildungsministerium baut die Bundesregierung ein „Haus der Zukunft“. Im Mittelpunkt soll eine Ausstellung über Zukunftsfragen stehen. Das Science Center sei teuer und überflüssig, heißt es aus der Wissenschaft und aus dem Bundestag (Tsp. vom 10.2.). Durch die räumliche Nähe zum Bundesforschungsministerium werde die Wissenschaft symbolisch vereinnahmt. Matthias Kleiner, von 2007 bis 2012 Präsident der DFG und vom 1. Juli an Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, antwortet den Kritikern.

Im Herzen von Berlin, am Kapelle-Ufer zwischen Hauptbahnhof und Reichstag, soll das „Haus der Zukunft“ entstehen und gemeinsam von Bund, Stiftungen, Wissenschaftsorganisationen und Unternehmen betrieben werden. Die sich aus Wissenschaft und Forschung ergebenden Optionen unserer Zukunft sollen dort erfahren und diskutiert werden. Die aktuelle Debatte um seinen Sinn und Zweck zeigt gerade, wie wichtig es ist, die zukünftigen Bewohner und Besucher dieses Hauses in seine Entwicklung einzubeziehen. Es ist nicht nur eine Einladung an die Wissenschaften, sich einzubringen. Es ist eine Einladung an uns alle.

Denn die Zukunft betrifft uns alle, und sie ist bekanntlich offen. Aber aus dem unvermeidlich Unbekannten kann eine Begegnung mit Möglichkeiten werden. Wir alle haben Fragen an die Zukunft und entwerfen Zukunftsszenarien, um im Heute klug für das Morgen zu handeln. Bürgerschaftliches Engagement, Mitwirkung und Mitgestaltung, gerade wenn es um unser Gemeinwesen geht, beruhen auf Information und Wissen.

Welcher Ort wäre geeigneter für ein solches „Haus der Zukunft“ als jenes politische und touristische Zentrum vis-à-vis des Parlamentes und der Regierungszentrale und doch einen diskreten Sprung über die Spree entfernt, auf „Armes Länge“? Von dort lassen sich Ausblicke geben und Zukunftsoptionen erleb- und begreifbar machen, die politische und individuelle Entscheidungen für die Zukunft signifikant beeinflussen können. Berlin möchte nicht nur der Zeit immer ein wenig voraus, sondern als Hauptstadt auch Ort der Wissenschaften und des Wissens sein. Obendrein kommen täglich rund 500 000 Gäste in die Stadt, darunter unzählige Schulklassen. Der Berliner Hauptbahnhof zählt 300 000 Reisende am Tag. Da wird es mit guten Ideen und wenig Mitteln leicht sein, Aufmerksamkeit für das „Haus der Zukunft“ zu schaffen, in dem Visionen für die Gesellschaft wie für den Einzelnen wachsen und sich von dort ausbreiten.

Doch ausgerechnet aus der Wissenschaft vernimmt man vereinzelte Einwürfe, das bisherige Konzept sei „zu offen“. Anstatt aus dieser vermeintlichen Not eine Tugend zu machen, die Initiative zu ergreifen und wie gewohnt kreative Ideen für das Errichten und das Bewohnen des Hauses zu generieren, waltet Skepsis und Zurückhaltung – vorgetragen auch mit dem Argument einer Kosten-Nutzen-Erwägung.

Im Jahr 2013 betrugen die staatlichen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung mit 27 Milliarden Euro knapp ein Prozent des Bruttoinlandprodukts. Kann es wirklich Verschwendung sein, davon jährlich einige Zehntausendstel, genauer 0,05 Prozent, dafür zu investieren, dass die öffentlich geförderte Forschung ihre Antworten auf Zukunftsfragen zeigt und mit der Gesellschaft diskutiert?

Andere argwöhnen, das Programm des „Hauses der Zukunft“ würde zu einer nationalen „Forschungsschau“ des benachbarten Bundesministeriums für Bildung und Forschung werden. Diese Kritik steht zwar im Widerspruch zu dem Vorwurf einer zu offenen Konzeption, aber ihr ließe sich besonders im Findungsprozess konstruktiv begegnen: Trägerorganisationen und Wissenschaftsjournalisten sollten sich selbstbewusst in die Gestaltung des „Hauses der Zukunft“ einbringen. Immerhin soll es ein Ort des Diskurses, der kritischen Fragen, der Debatte und auch des Einspruchs werden. Da wäre die Einbeziehung vielseitiger Expertise hilfreich, wenn nicht notwendig, um geeignete Inhalte, Vermittlungs- und Teilhabeformate zu definieren.

Im Museum begegnet man üblicherweise den faszinierenden Dingen von Vergangenheit und der Gegenwart, daher liebe ich Museen. Im „Haus der Zukunft“ dagegen werden wir Optionen der Zukunft begegnen, Fragen an sie stellen und Ideen für ihre Gestaltung entwickeln und austauschen. Eines lässt sich aber übertragen: Im Museum kann man bisweilen diejenigen treffen, die für die Exponate verantwortlich sind oder sie gar geschaffen haben. Vom Berliner Museum Berggruen erzählt man sich zum Beispiel, der Sammler dieser wunderbaren Gemäldesammlung, Heinz Berggruen, sei zu Lebzeiten gelegentlich selbst in den Ausstellungsräumen anzutreffen gewesen.

Wenn wir uns also im „Haus der Zukunft“ treffen, gemeinsam über die Zukunft nachdenken und sie spielerisch „ausprobieren“, dann wird das „Haus der Zukunft“ eine Begegnung mit der Zukunft und eine Begegnung miteinander zugleich. Es sind dort viele Formen der Auseinandersetzung mit unserer Kultur des Wissens von heute für morgen denkbar – wissenschaftliche, fiktive, emotionale ebenso wie die künstlerische Auslotung unseres gemeinsamen Zukunftsraumes. So wird das „Haus der Zukunft“ auch ein Protokoll unseres Umgangs mit der Zukunft aufzeichnen, das sich über demokratische und individuelle Entscheidungsprozesse in eine selbstbestimmte Zukunft einschreibt. Das „Haus der Zukunft“ gemeinsam mit Leben zu füllen, liegt gerade jetzt in unserer Hand.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben