Wissen : Melodie des Geistes

Was geschieht beim Klavierspielen im Kopf? Was beim Anhören einer CD? Wie Musik das Denken formt

Adelheid Müller-Lissner

Der Pianist Walter Gieseking war für sein phänomenales Gedächtnis bekannt. Und dafür, dass er sagenhaft gut neue Stücke vom Blatt spielen konnte. Dass die Partitur ihm reichte, um während einer Zugfahrt von Hannover nach München ein ganzes Mozart-Klavierkonzert neu zu erarbeiten und dann auswendig vorzutragen, soll aber auch seine Fans in Erstaunen gesetzt haben. Wie hat er all die Noten nur so schnell in den Kopf und in die Finger bekommen?

Die Geschichte wurde auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie im Berliner ICC erzählt. Musik ist nämlich für Nervenärzte und Hirnforscher ein faszinierendes Thema. „Wahrnehmen und Ausführen von Musik gehören zu den anspruchsvollsten Tätigkeiten, das Nervensystem wird hier an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit beobachtbar“, sagt der Neurologe Eckart Altenmüller, Musik-Mediziner an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover – und Flötist.

Wie ist es Gieseking gelungen, sein Konzert ganz ohne Klavier im Zug zu „üben“? Eines ist für die Neurologen sicher: Ohne langjähriges echtes, hörbares Üben am Instrument wäre das nicht möglich gewesen. Denn das Spielen verändert das Gehirn des Musikers. „Musizieren ist der stärkste Reiz für Neuroplastizität“, sagt Altenmüller. Wer ein Instrument virtuos spielt, beherrscht nicht allein komplexe Bewegungsabläufe. Er muss sie, wie Altenmüller erklärt, auch „in Echtzeit einer äußerst kritischen Kontrolle durch das Gehör unterziehen“: Ist der Ton zu hoch, kommt er unsauber heraus, bin ich zu schnell, zu laut, zu leise? Das müsste innerhalb von Bruchteilen von Sekunden korrigiert werden, noch ehe andere etwas bemerken. Der Klassik-Betrieb ist hier gnadenlos kritisch.

Altenmüller glaubt, dass es gerade diese Mischung aus hohem Verhaltensdruck und starker Motivation durch die Sache selbst ist, die die Künstler zu Höchstleistungen antreibt. Man kann die Veränderungen, die das viele Üben im Zentralnervensystem bewirkt, heute im Gehirn-„Scanner“ sehen: Im Vergleich zu Menschen, die nicht selbst aktiv Musik machen, haben Pianisten-Profis in mehreren Gehirnregionen eine deutlich größere Aktivität, während man ihnen Musik vorspielt. Offensichtlich sind sie selbst beim Zuhören aktiver.

Besonders in Aktion sind dabei Regionen der Großhirnrinde, die für Bewegung zuständig sind. Die Pianisten scheinen die Töne, die von der CD erklingen, also ganz automatisch in Fingersätze zu übersetzen. Spannend ist auch, dass bei ihnen, stärker als bei den Laien, eine Hirnregion aktiviert ist, die Neurologen bisher eher mit Sprache in Verbindung brachten, die Broca-Region. Musik und Sprache hängen also enger zusammen als bisher gedacht.

Musikmachen formt das Gehirn. Regionen, die für das Hören und für die Sensomotorik zuständig sind, sind bei Berufsmusikern deutlich vergrößert. Man kann dabei sogar unterschiedliche Auswirkungen des Übens auf verschiedenen Instrumenten ausmachen. Wer von klein auf Geige spielt, bei dem sind nur die Repräsentationen der linken Hand im Gehirn vergrößert. Sie muss sich beim Spielen auf dem Griffbrett besonders präzise bewegen. Etwa einer von 100 Instrumentalisten zahlt für diese Spezialisierung seiner Feinmotorik einen hohen Preis: Einzelne Muskelgruppen der Hand, bei Bläsern aber auch des Mundes, verkrampfen sich und gehorchen den eingeübten Befehlen nicht mehr. Eine der Ursachen dieser Musikerdystonie sieht Altenmüller darin, dass sich im Gehirn die vergrößerten Felder überlappen, so dass nicht mehr gezielt ein einzelner Finger angesprochen werden kann.

Inzwischen hat sich auch gezeigt, dass Musik ihre Spuren nicht allein im Kopf der Spitzenmusiker hinterlässt, die im Kindergartenalter ihre erste Geige bekamen und mit 15 Jahren schon an die 10 000 Übungsstunden hinter sich haben. Plastische Anpassungsvorgänge finden sich nach kurzer Zeit selbst bei blutigen Anfängern.

Altenmüller und seine Arbeitsgruppe ließen Erwachsene 20 Minuten lang intensiv unter Anleitung am Klavier üben. Ergebnis: Aus der Hirnstromkurve (EEG) ließ sich bereits nach dieser kurzen Phase anhand von Impulsmustern schließen, dass sich neue Verbindungen zwischen Nervenzellen anbahnten, die für das Hören, und anderen, die für die Steuerung und das Gefühl in den Händen zuständig waren. „Nach fünf Wochen hatten die frischgebackenen Pianisten dann beim Hören von Klaviermusik eine automatische Aktivierung der Handregion.“ Umgekehrt wurde das fürs Hören zuständige Gebiet aktiviert, wenn sie ihre Finger auf einer stummen Tastatur bewegten. So intensiv wie bei den Profis wird die Vernetzung der spät berufenen Hobbymusiker dennoch nicht werden.

Und die neuen Befunde beinhalten auch nicht, dass alle Menschen begnadete Musiker werden könnten, wenn sie nur einfach mit dem Spielen anfangen würden. Vom berühmten absoluten Gehör weiß man etwa inzwischen, dass auch genetische Voraussetzungen dafür nötig sind. Bei Menschen chinesischer Abstammung kommt es unabhängig von ihrer Muttersprache häufiger vor. Um Musik zu machen, ist das absolute Gehör allerdings weder notwendig noch hinreichend. „Auch Fledermäuse haben es“, gibt Altenmüller zu bedenken. Etwa drei von 100 menschlichen Gehirnen wiederum zeigen sich von Musik wenig beeindruckbar: Sie ruft bei ihnen keine heftigen Emotionen hervor, sie hinterlässt zugleich auch wenig Spuren.

Noch seltener als diese „unmusikalischen“ Gehirne sind Ausnahmebegabungen wie Walter Gieseking. Menschen, die in der Lage sind, in einem Zugabteil Klavier zu üben. Ganz ohne Instrument.

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