Wissen : Messer statt Spritze

Mit einem Magen-Bypass kann nicht nur schweres Übergewicht, sondern auch Diabetes bekämpft werden. Möglicherweise auch bei schlanken Menschen

 Adelheid Müller-Lissner
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Ins Bauchfett. Viele Diabetiker spritzen sich Insulin. Vielleicht ist ein Magen-Bypass bald eine Alternative. Foto: dpadpa

Es ist nicht gerade häufig, dass in der Medizin Erfolge schneller und durchschlagender sind als von ehrgeizigen Forschern erwartet. Vor allem nicht auf dem eher frustrierenden Terrain der Bekämpfung von Fettleibigkeit und ihrer gesundheitlichen Folgen.

In jedem Jahr wird inzwischen 200 000 sehr dicken Amerikanern, meist mit einem Body Mass Index (Gewicht in Kilo geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat) über 40, das übermäßige Essen durch einen chirurgischen Eingriff erschwert. Dabei wird entweder der Magen verkleinert („Magenband“) oder es werden Teile des Magens, des Zwölffingerdarms und des Dünndarms vom Weg, den die Nahrung nimmt, abgekoppelt („Magen-Bypass“).

Ihre medizinische Rechtfertigung finden solche Eingriffe in der Hoffnung, mit den Pfunden auch die Gesundheitsrisiken dahinschmelzen zu lassen. Vor allem der „Alterszucker“ (Diabetes vom Typ 2) kann mit dem Abspecken wirkungsvoll bekämpft werden, wie unzählige Studien inzwischen beweisen. Die Hälfte der Übergewichtigen, die in den USA bisher operiert wurden, litt denn auch zu diesem Zeitpunkt schon unter der Zuckerkrankheit. Dass sich Monate bis Jahre nach dem Eingriff dank der notgedrungen kleineren Portionen ihr Diabetes bessern würde, war also zu erwarten. Tatsächlich zeigte der Eingriff in 80 bis 90 Prozent der Fälle die erwünschte Wirkung.

Für Überraschung sorgte jedoch ein genauerer Blick auf die zeitlichen Abläufe: „Da gab es Menschen, die an die 150 Kilo wogen, bei denen schon eine Woche nach dem Eingriff der Diabetes nicht mehr vorhanden war, den sie bereits seit Jahren hatten“, berichtete der Chirurg Markus Büchler von der Uni Heidelberg, gestern bei einer Presseveranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Dass das Messer des Chirurgen gegen Diabetes wirkt, weil Operierte weniger mit Messer und Gabel „sündigen“, kann also nicht die ganze Erklärung sein.

Darauf deutet auch eine Studie hin, für die normalgewichtige zuckerkranke Ratten operiert wurden: Obwohl die Versuchstiere danach sogar zunahmen, besserte sich ihr Diabetes. Ist es da nicht eine gute Idee, auch schlanke Menschen mit „Alterszucker“ durch einen Magen-Bypass von ihrem Stoffwechselleiden und der jahrelangen Einnahme von Medikamenten zu befreien? „Die Antwort ist ein vorsichtiges Ja“, meint Büchler. Zusammen mit seinen internistischen Kollegen will der Chirurg im Januar in Heidelberg jedoch zunächst eine Studie starten, für die Typ-2-Diabetiker den Magen-Bypass bekommen, die mit zehn bis 15 Kilo zu viel nur leicht übergewichtig sind.

Die internistischen Hormonspezialisten interessieren sich vor allem dafür, wie sich die Aktivität und das Zusammenspiel verschiedener Verdauungshormone durch die Umgehung von Teilen des Magens und des Dünndarms ändert. Mit im Spiel sind wahrscheinlich einerseits das „Hungerhormon“ Ghrelin, das im Magen produziert wird, andererseits mehrere Peptide, die die Produktion von Insulin in der Bauchspeicheldrüse stimulieren. „Die Mechanismen sind noch nicht gänzlich aufgeklärt“, sagt Büchler.

Vorsicht empfiehlt sich auch aus anderen Gründen: Zunächst ist die Operation selbst nicht ohne Risiken. Einer von 200 bis 500 Patienten stirbt daran – das Risiko dürfte allerdings für Schlankere etwas geringer sein. Auf die Dauer wiegt aber auch schwer, dass sich die Verdauungsleistung verringert, wenn Teile des Verdauungstrakts arbeitslos werden. Wichtige Vitamine und Mineralien gehen verloren, es kann zu Durchfall und Problemen mit der Gallensäure kommen. Noch dazu fehlen bisher Langzeitdaten, die beweisen würden, dass der Eingriff auch bei Normalgewichtigen den Diabetes ein Leben lang in Schach hält. „Wir müssen schrittweise vorgehen und dürfen auf keinen Fall drauflosoperieren“, mahnt Bühler. In Heidelberg sollen auf die Studien mit leicht Übergewichtigen Untersuchungen mit schlankeren Diabetikern folgen. Büchler mahnt seine Kollegen zum schrittweisen Vorgehen – und die Öffentlichkeit vor überhöhten Erwartungen: „Auf keinen Fall sollten jetzt acht Millionen Diabetiker die Kliniken stürmen.“ Dass vernünftige Ernährung und viel Bewegung sich im Kampf gegen die Zuckerkrankheit lohnen, ist wissenschaftlich schon weit besser abgesichert.

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