Meteoriten-Einschlag : Mega-Erdbeben in Westeuropa

Ein gewaltiger Meteoriten-Einschlag erschütterte vor 200 Millionen Jahren das Zentralmassiv. Nicht nur der dadurch ausgelöste Tsunami dürfte viele Lebewesen getötet haben.

Ronald Knauer

Noch heute kann man im Zentralmassiv in der Nähe der französischen Stadt Limoges die Narben des gewaltigen Einschlags entdecken, der vor recht genau 201 Millionen Jahren West- und Mitteleuropa mit einem der stärksten Erdbeben erschütterte, das diese Region wohl jemals erlebt hatte. „Es dürfte mit einer Magnitude von 11 rund 100 Mal stärker als das Seebeben von Weihnachten 2004 gewesen sein, das den verheerenden Tsunami im Indischen Ozean auslöste“, erklärt der Geologe Martin Schmieder von der Universität Stuttgart. Auch vor 201 Millionen Jahren könnte das Mega-Erdbeben solche Riesenwellen ausgelöst haben, die die Küsten der heutigen Britischen Inseln verwüsteten.

Dort finden Geologen jedenfalls eine Gesteinsschicht aus dieser Zeit, in der viele kleine Körner, aber auch Gesteinsbrocken stecken, die bis zu einem Meter Durchmesser haben. „Sehr wahrscheinlich hat ein Tsunami diese Teilchen dorthingespült“, sagt Schmieder.

Direkt darunter liegt eine andere Schicht, in der Geologen Verformungen sehen, wie sie ein starkes Erdbeben auslöst. Auf rund einer viertel Million Quadratkilometer finden sich diese Spuren eines Erdbebens und darauffolgender Riesenwellen. Allerdings fragten sich die Geoforscher lange, ob der Krater von Rochechouart wirklich das Epizentrum des Megabebens war, das damals Westeuropa in den Grundfesten erschütterte.

Um diese Frage zu beantworten, ermittelten Martin Schmieder und sein Team aus den Mengen zweier Argon-Varianten mit den Atom-Massen 39 und 40 im Gestein das Alter des Kraters. Er entstand vor 201 Millionen Jahren, allenfalls zwei Millionen Jahre früher oder später könnte es gewesen sein, berichten die Forscher im Fachblatt „Meteoritics and Planetary Science“ (Band 45, Seite 1225). Damit ist der Krater ziemlich genauso alt wie die Ablagerungen auf den Britischen Inseln, die auf ein Erdbeben und einen Riesen-Tsunami hinweisen.

Eine genaue Analyse des Gesteins gibt Spezialisten wie Martin Schmieder Hinweise auf die dramatischen Ereignisse vor 201 Millionen Jahren. Vermutlich donnerte ein Eisenmeteorit mit einem Durchmesser von rund einem Kilometer und einer Geschwindigkeit von vielleicht100000 km/h in das Zentralmassiv. Der Einschlag erzeugte Temperaturen von einigen tausend Grad und einen Druck, der eine Million Mal größer als der Luftdruck auf Meereshöhe war.

Schlagartig verdampften einige Milliarden Tonnen Gestein, am Ende hatte das vermutlich aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter stammende Geschoss einen Krater mit einem Durchmesser von 40 oder sogar 50 Kilometern in das Zentralmassiv gerissen. Und ein Erdbeben der Magnitude 11 ausgelöst.

Das Zentralmassiv war damals kein Mittelgebirge auf dem Festland, sondern eine große Insel in einem relativ flachen Meer, das Geologen Tethys nennen. Weitere Rieseninseln in diesem Meer, aus dem später das Mittelmeer entstehen sollte, waren die heutige Iberische Halbinsel, die Bretagne und Teile der Britischen Inseln. Weiter im Westen bahnte sich gleichzeitig Großes an, ein Graben begann die vorher noch zusammenhängende Landmasse in Nordamerika im Westen und Europa im Osten aufzudrängen. Zwischen beiden entstand eine Wasserstraße, der heutige Atlantik.

Ob der Meteorit damals direkt das Zentralmassiv getroffen hat oder ob er vielleicht in die Küstenregion oder sogar ins Meer donnerte, wissen die Forscher nicht. Gut vorstellbar aber sind Hangrutsche an den Unterwasserhängen der Inseln im Tethys-Meer. Diese Unterwasserlawinen sollten in den schmalen Gewässern damals Tsunamis auslösen und damit die Ablagerungen erklären, die auf den Britischen Inseln gefunden wurden.

Nicht nur der Tsunami dürfte viele Lebewesen getötet haben. Der direkte Einschlag sollte im Umkreis von 100 Kilometern alles Leben ausgelöscht haben, die enormen Temperaturen haben im Umkreis von 300 Kilometern vermutlich allen Organismen schwere Verbrennungen zugefügt. Die Auswirkungen des Meteoritentreffers dürften wohl auch stark zu dem Massensterben beigetragen haben, das vor rund 200 Millionen Jahren zahlreiche Arten verschwinden ließ.

„Dieses Ereignis gehört zu den fünf großen, bekannten Massensterben, die wir als ,Big Five’ bezeichnen“, sagt Schmieder. Der auf die Erde donnernde Asteroid hat damals also nicht nur das spätere Westeuropa umgegraben, sondern die gesamte Erde einschneidend verändert. „Zwar treffen so große Himmelskörper im Durchschnitt nur in Abständen von mehreren Millionen Jahren auf den Globus“, erklärt der Forscher. Dann aber sind die Auswirkungen unvorstellbar.

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