Meteorologie : Im Sommer wird auch das Wetter träge

Morgen ist wieder Siebenschläfertag. Wie treffsicher ist die damit verbundene Bauernregel?

Ralf Nestler
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Bloß keine Hektik. Warmes Wetter kann sich im Sommer wochenlang halten, weil die Luftmassen in der Atmosphäre gemächlich gen Osten...Foto: p-a/dpa

„Wie das Wetter am Siebenschläfer sich verhält, ist es sieben Wochen lang bestellt.“ In dieser und zahlreichen anderen Formulierungen ist die Siebenschläferregel vielen bekannt. Morgen ist es wieder so weit, Siebenschläfertag. Aber stimmt sie auch, die Wetterregel?

„Da ist was dran, die Trefferquote ist höher als bei einem Würfelspiel“, sagt Gerhard Lux vom Deutschen Wetterdienst in Frankfurt am Main. Um wie viel Prozent sie besser ist als der pure Zufall, hänge davon ab wie genau – besser: weniger ungenau – man die Wetterregel nimmt. „Man sollte nicht nur den einen Tag anschauen“, sagt der Meteorologe. „Schließlich kann es selbst binnen dieser 24 Stunden Sonne und Regen, Hitze und gemäßigte Temperaturen geben.“ Stattdessen sollte man die Wetterlage bis Anfang Juli als Grundlage nehmen.

Und noch etwas spreche gegen den 27. Juni als allein gültiges Datum. Die Wetterregel wurde vor der gregorianischen Kalenderreform formuliert, so dass der „Schicksalstag“ heute etwa um den 7. Juli zu suchen sei. „Wenn man Temperaturabweichung um ein paar Grad Celsius zulässt und nicht jeden Schauer auf die Goldwaage legt, hat die Siebenschläferregel eine Eintreffwahrscheinlichkeit von rund 60 Prozent“, fasst Lux zusammen.

Die Statistik zeigt sogar regionale Unterschiede, sagt Horst Malberg, pensionierter Leiter des Instituts für Meteorologie an der Freien Universität (FU) Berlin. „An der Küste beträgt die Wahrscheinlichkeit rund 55 Prozent und nimmt nach Süddeutschland zu, wo bis zu 80 Prozent erreicht werden.“ Der Wissenschaftler stützt seine Aussage auf Messreihen, die teilweise mehr als 200 Jahre zurückreichen. „Für den Raum Berlin-Brandenburg trifft die Siebenschläferregel in zwei von drei Fällen zu“, sagt er.

Das liegt daran, dass es in den Sommermonaten eine „Erhaltungsneigung der Atmosphäre“ gibt, wie Meteorologen sagen. „Man kann es auch Trägheit des Wetters nennen“, meint Malberg. Die träge Phase beginnt etwa Ende Juni und reicht bis in den August. „In dieser Zeit wird unser Wetter entweder bestimmt von Islandtiefs oder von den Azorenhochs, die von Westen heranziehen“, sagt der Meteorologe. Die Grenze zwischen den beiden Wettertöpfen ist über Wochen ziemlich stabil. Wenn die Tiefdruckgebiete eher einer nördlichen Route über Skandinavien nach Osten folgen, wird unsere Region vorrangig von Azorenhochs beeinflusst. Das heißt: Bilderbuchsommer.

Ziehen die Tiefs weiter südlich, gibt es niedrigere Temperaturen und mehr Niederschläge. „Da Norddeutschland näher an dieser Grenze zwischen den Hochs und Tiefs liegt, ändert sich dort das Wetter häufiger als in Alpennähe – und das zeigt sich an den Trefferquoten der Wetterregel“, erläutert Malberg.

Ihren Ursprung hat sie in der gewissenhaften Wetterbeobachtung unserer Vorfahren. „Die wollten schließlich eine gute Ernte erzielen, das war überlebenswichtig.“ Bereits 1505, kurz nach der Erfindung des Buchdrucks, sei das erste Büchlein mit Wetterregeln erschienen, berichtet der Wissenschaftler, der selbst ein Taschenbuch über „Bauernregeln aus meteorologischer Sicht“ herausgegeben hat.

Eisheilige, Schafskälte, Altweibersommer – all diese Termine mit ihrem mutmaßlichen Wetter seien statistisch nachweisbar. „Vorausgesetzt, man bezieht das Datum nicht auf den exakten Tag im Kalender und erlaubt eine geringe Abweichung.“ Auch die sieben Wochen nach dem Siebenschläfertag seien eine ungefähre Angabe. „Die Sieben ist nicht als konkreter Wert, sondern als mythologische Zahl zu sehen: wie bei den sieben Zwergen oder den sieben Weltwundern.“ Die Trägheit der Atmosphäre könne auch schon nach fünf Wochen zuende sein.

Mit dem Klimawandel hat die gelegentlich verkürzte Wetterstabilität aber nichts zu tun. Überhaupt sei dessen Einfluss auf die Trefferquote von Wetterregeln wie die des Siebenschläfertages bislang kaum untersucht, sagt der FU-Meteorologe Uwe Ulbrich. „Das ist eine interessante Frage, vielleicht findet sich jemand, der die Wetterstatistiken daraufhin analysiert.“ Er bezweifelt aber, dass das Ergebnis einer solchen Untersuchung belastbar wäre: „Die Siebenschläferregel ist keine definitive Vorhersage, sondern zeigt nur Trends an, die wiederum nur in 60 Prozent der Fälle zutreffen.“ Mithin ist diese Wetterregel mit vielen Unwägbarkeiten verbunden. „Wenn man diese Unsicherheit dann noch mit Klimamodellen, die ebenfalls viele Variablen haben, kombiniert, dürfte das Resultat kaum eine ausreichende Genauigkeit haben“, sagt der Forscher.

Selbst wenn die Siebenschläferregel zutrifft und die Atmosphäre im Juli und August stabil bleibt: Die tägliche Wettervorhersage wird dadurch nicht leichter. „Im Sommer gibt es viele Gewitter, die Niederschläge bringen und teilweise einen Temperaturrückgang von mehr als zehn Grad Celsius hervorrufen“, sagt Gerhard Lux vom Wetterdienst. „Aber die betreffen relativ kleine Gebiete und lassen sich nur schwer vorhersagen.“ So bleibt die Trefferquote der 36-Stunden-Vorhersage auch im Sommer bei etwas über 90 Prozent stehen. Besser werde sie Ende September, Anfang Oktober, sagt Lux. „Im Altweibersommer ist die Atmosphäre ebenfalls in einem ziemlich stabilen Zustand, aber es gibt kaum noch störende Gewitter.“

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