• Missbrauch durch Arzt und Patient: Krankmeldung ohne Krankheit verspottet die wirklich Kranken

Missbrauch durch Arzt und Patient : Krankmeldung ohne Krankheit verspottet die wirklich Kranken

Der "gelbe Schein" wird oft schamlos missbraucht - von Patienten und Ärzten gleichermaßen. Ein Essay.

Andreas S. Lübbe
Was fehlt Ihnen denn? Hier haben beide eine Verantwortung, Patient und Ärztin.
Was fehlt Ihnen denn? Hier haben beide eine Verantwortung, Patient und Ärztin.Foto: picture alliance / dpa

Wenn sich ein Mensch krank fühlt, oder wenn er krank ist, dann hat er die Möglichkeit, einen Arzt aufzusuchen. Deutschland ist ein freies Land. Es gibt die freie Arztwahl. Geht der eingebildete oder tatsächlich Kranke zu seinem Arzt, entscheidet der (hoffentlich) frei von jeden Zwängen und nach bestem Wissen und Gewissen aufgrund des Standes der medizinischen Wissenschaften, aber auch aufgrund seiner Erfahrung 1. ob der Patient wirklich krank ist und 2. welche Untersuchungen und Behandlungen stattzufinden haben. Der Patient hat dann das Recht, sich darauf einzulassen oder nicht. Er kann auch nein sagen. Er kann sich aber keine Untersuchung und Behandlung wünschen, die der Arzt nicht für indiziert hält.

Fühlt sich der Patient krank und geht nicht zum Arzt, ist das seine Entscheidung. Steht er in einem Arbeitsverhältnis, muss er je nach Vertragsgestaltung in unterschiedlichen Fristen seinen Arbeitgeber informieren oder sogar ein ärztliches Attest vorlegen, den „gelben Schein“, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Die Verantwortung liegt also bei demjenigen, der sich krank fühlt. Er entscheidet, wie er vorgeht. Gesellschaft und Arbeitgeber setzen ihr Vertrauen in den Arbeitnehmer und gehen davon aus, dass erhebliche Gründe vorliegen, die den Arbeitnehmer davon abhalten, zur Arbeit zu erscheinen. Diese Gründe können körperlicher, geistiger oder seelische Natur und sollten verhältnismäßig sein. Der Arbeitnehmer kann auch in Betracht ziehen, trotz gewisser Unpässlichkeit seinen Arbeitsplatz aufzusuchen.

Die Definition von krank heißt arbeitsunfähig

Beide Parteien, Patient und Arzt, haben also die Aufgabe, mit der verbundenen Verantwortung gewissenhaft umzugehen. Leider wird dieses Vertrauen, das die Gesellschaft in beide Parteien setzt, immer wieder missbraucht. Diesen Eindruck musste man zuletzt gewinnen, als sich im Oktober hunderte Mitarbeiter der Fluggesellschaft Tuifly und Air Berlin von einem auf den anderen Tag arbeitsunfähig meldeten. Ich fragte mich, wie es sein konnte, dass sich von einem auf den anderen Tag Hunderte von Arbeitnehmern zugleich krankmelden, um ihr Anliegen durchzusetzen. Weil es eher unwahrscheinlich war, dass ein Virus die halbe Belegschaft flachgelegt hat, wurde in den Medien schnell kolportiert, die Mitarbeiter hätten sich aus Protest krankschreiben lassen. Da also anzunehmen war, dass die Mitarbeiter tatsächlich nicht krank waren, sondern etwas anderes im Schilde führten, schoben sie eine Krankheit vor, um letztlich ihren Protest zu äußern.

Ob die Anliegen der Mitarbeiter berechtigt waren oder die des Unternehmens, soll hier nicht bewertet werden. Und die Frage, ob die Krankmeldungen ein wilder Streik waren, was Tuifly vor Entschädigungszahlungen bewahren würde, wird derzeit in mehr als 600 Klagen von Fluggästen von Gerichten geklärt. Unabhängig davon aber gilt: sich krankzumelden ohne krank zu sein, verspottet die wirklich Kranken. Niemand ist normalerweise freiwillig krank.

Krank zu sein, und zwar so sehr, dass man seiner Arbeit nicht nachgehen kann, erfordert ein ziemliches Maß an Einschränkungen. Die Spanne individueller Toleranz von Unpässlichkeit ist jedoch groß, und so bedarf es eines Arztes, um festzustellen, ob die Unpässlichkeit in Stunden von allein vorübergeht, durch seine Empfehlung innerhalb von Stunden gebannt werden kann und ob es notwendig ist, zu Hause das Bett zu hüten, also dem Arbeitsplatz fernzubleiben.

Es gibt unzählige Definitionen von Gesundheit und Krankheit. Es gibt kein unumstößliches und allgemein akzeptiertes Kriterium für das Wesen einer Krankheit. Eine Schwangere ist nicht krank und doch tritt die Krankenkasse für alle Leistungen mit Beginn der Schwangerschaft ein. Auch die Übergänge vom normalen Alter zur Krankheit sind unscharf. Das Herz eines 80-Jährigen funktioniert nicht so wie das eines 30-Jährigen. Ist er deswegen krank? Weil klare Definitionen also schwierig sind, meldet sich der Arbeitnehmer nicht eigentlich krank, sondern arbeitsunfähig. Der Arzt stellt mit dem „gelben Schein“ weniger die Krankheit als die Arbeitsunfähigkeit fest. Man muss unter Umständen also gar nicht „krank“ sein. Man ist nur nicht in der Lage zu arbeiten.

62 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben