Wissen : Mit dem Wissen Schritt halten

Bildung ist wichtig – Weiterbildung mindestens genauso – vor allem im modernen Arbeitsmarkt

Rita Nikolai[Christian Ebner],Christian Brzinsky-Fay[Christian Ebner],Marcel Helbig

Für Michael J., Jahrgang 1944, verlief das Leben sehr geradlinig. Er wächst als Sohn eines Bauernehepaars nahe der Frankenmetropole Nürnberg auf, mit 15 Jahren beendet er die Schule mit dem Hauptschulabschluss. Er bewirbt sich bei einem großen Industriekonzern in Nürnberg unweit dem Hof seiner Eltern und bekommt eine Lehrstelle als Industriemechaniker. Mit 18 beendet er seine Lehre erfolgreich und wird von seinem Ausbildungsbetrieb übernommen. Hier lernt er auch seine spätere Frau kennen, die sich zur Bürokauffrau ausbilden lässt. Sie heiraten als er 23 Jahre ist, bald kommt Tochter Sabine zur Welt. Seine Frau unterbricht ganz selbstverständlich ihre Erwerbstätigkeit, das Einkommen von Michael reicht für die kleine Familie. Daran ändert sich auch nichts als drei Jahre später der Sohn Thomas geboren wird. Die Mutter bleibt daheim, erzieht die beiden Kinder, betreut sie am Nachmittag, bringt sie zu Musik- und Sportvereinen. Vor drei Jahren, knapp 60 Jahre alt, geht Michael J. in den Ruhestand. Großzügige betriebliche Abschlagszahlungen und staatliche Vorruhestandsregelungen legen ihm dies mehr als nahe.

Mittlerweile hat sein Enkel Florian auch den Hauptschulabschluss erworben, eine Lehrstelle ist aber nicht in Sicht. Michael J. versteht das nicht. Er fragt sich auch, warum seine Enkelin Laura nach ihrer Ausbildung als Krankenschwester nun auch noch Medizin studieren will, an einer weit entfernten Universität, ihren Freund lässt sie zurück. Unklar bleibt auch, warum sein Sohn Thomas schon in acht verschiedenen Firmen gearbeitet hat und flucht, dass er später so viele Ältere zu versorgen hat. Er versteht nicht, warum seine Tochter Sabine mit 42 Jahren keine Kinder hat, lieber arbeitet und die Wochenenden für Weiterbildungen und ihren Freundeskreis nutzt. Die Berufswelt und die Biografien haben sich während seiner 45 Erwerbsjahre völlig verändert.

War es Anfang der 1960er Jahre in Deutschland noch normal, auf die Hauptschule zu gehen – etwa drei Viertel der Schüler waren auf dieser Schulform zu finden –, zeigt sich heute ein anderes Bild. Die Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre führte dazu, dass junge Menschen länger in Bildung und Ausbildung sind und höhere Abschlüsse erreichen. Heute besucht nur noch etwa ein Fünftel der Achtklässler die Hauptschule. Seit Beginn der 1990er Jahre ist die Bildungsexpansion zum Erliegen gekommen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland hinsichtlich Schul- und Studienabschlüssen weit zurück.

Früher galt das „katholische Arbeitermädchen vom Lande“ als Inbegriff der Bildungsarmut, heute ist es der Hartz-IV-Migrantensohn. Die wichtigste Ursache für niedrige Bildung ist die soziale Lage des Elternhauses. Gehören Eltern einer niedrigen sozialen Schicht an, so trägt auch das Kind ein hohes Risiko, ohne Schulabschluss oder lediglich mit einem Hauptschulabschluss die Schule zu verlassen. Eine weitere Ursache niedriger Bildung ist der Migrationshintergrund. Kommt ein Kind aus einer Migranten-Familie, sind seine Bildungschancen in Deutschland sehr schlecht.

Beim Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung haben Jugendliche mit schlechter Bildung geringe Chancen eine Lehrstelle zu bekommen, sie finden sich häufig in berufsvorbereitenden Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit, im schulischen Berufsvorbereitungsjahr oder im Berufsgrundbildungsjahr. Über den Erfolg solcher spät einsetzender Reparaturversuche liegen noch keine eindeutigen Befunde vor. Die Zahlen zum Ausbildungsjahr 2007 zeigen, dass der Anteil der „Altbewerber“ gegenüber dem Vorjahr weiter gestiegen ist. Mehr als die Hälfte aller Lehrstellenbewerber hatte die allgemein bildende Schule schon im Vorjahr oder in früheren Jahren verlassen.

Oft ist dies der Beginn einer langen „Arbeitslosenkarriere“: Die Arbeitslosenquote von Personen ohne abgeschlossene Lehre hat sich von gut 6 Prozent (1975) auf 26 Prozent (2005) erhöht. 9,7 Prozent beträgt die Quote jener, die eine Lehre abgeschlossen haben, und unter Hochschulabsolventen beträgt sie nur 4,1 Prozent. Und: Seit den 1970er Jahren geht die Schere zwischen den unteren und oberen Qualifikationsebenen immer stärker auseinander; Menschen mit Niedrigbildung geht es zunehmend schlechter. Der Strukturwandel hin zum Dienstleistungssektor und die Technisierung der Arbeitswelt führen zu einem Abbau von Arbeitsplätzen für einfachere Tätigkeiten. Vor allem unternehmensbezogene Dienstleistungen wie Forschung und Entwicklung oder EDV-Beratung gewinnen weiterhin an Bedeutung und verlangen nach guter Ausbildung, nicht nur zu Beginn des Erwerbslebens.

2020 gehen die Babyboomer der 1960er Jahre in Rente, und es werden deutlich weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Deutschland könnte aufgrund des abzusehenden Fachkräftemangels an Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftskraft verlieren – mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen.

Diesen Herausforderungen ist auf mehrerlei Weise zu begegnen: Deutschland muss erstens den Sockel an Geringqualifizierten abbauen, zweitens mehr jungen Menschen ermöglichen, ein Studium aufzunehmen, und drittens Anreize für regelmäßige, lebenslange Weiterbildung und Zweitausbildungen anbieten.

Die Benachteiligung unterer sozialer Schichten besteht trotz Bildungsexpansion in hohem Maße fort. Das Haupthindernis ist das dreigliedrige Schulsystem, problematisch ist aber auch die Halbtagsschule. Forderungen nach Systemkorrekturen erzeugen in der politischen Debatte regelmäßig einen Sturm der Entrüstung – und das, obwohl sich in diesem Punkt die Wissenschaft über die ganze Breite des Spektrums vollkommen einig ist. Lediglich die Notwendigkeit individueller frühkindlicher Förderung und verstärkter Weiterbildung scheint allmählich akzeptiert – gehandelt wird auch in diesen Bereichen allerdings kaum.

Weiterbildung findet in Deutschland nur selten statt. Innerhalb eines Jahres (2003) nehmen nur zwölf Prozent aller Deutschen im erwerbsfähigen Alter an einer berufsbezogenen Weiterbildung teil, wie der OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“ zeigt. In Schweden und den USA sind es vier bis fünf Mal so viele. Während sich die Arbeitnehmer in anderen Ländern ihr Leben lang neuen Anforderungen stellen, ist dies in Deutschland selten der Fall. An Weiterbildung denkt man in Deutschland oft erst, wenn es zu spät ist: in der Arbeitslosigkeit. Betrachtet man den Ländervergleich näher, so stößt man in Deutschland sofort auf den starken Zusammenhang zwischen Erstausbildung und Weiterbildung. Liegt die Teilnahmequote bei Deutschen mit Studien- oder Fachschulabschluss bei 24 Prozent, nehmen jährlich nur drei Prozent jener ohne Ausbildung an Weiterbildung teil. Das Matthäus-Prinzip wirkt: Wer hat, dem wird gegeben. Um die Eigeninitiative von Arbeitnehmern zu fördern, müssen die Weiterbildungsmöglichkeiten verbessert werden. Ältere nehmen noch immer vergleichsweise selten an Weiterbildung teil. Gerade vor dem Hintergrund alternder Belegschaften stimmt dies nachdenklich.

Um mit der immer kürzeren Halbwertszeit von Wissen Schritt halten zu können, wird es immer bedeutsamer sich gerade auch im IT-Bereich kontinuierlich weiterzubilden. Dies trifft nicht nur für die neuen Ausbildungsberufe wie dem IT-Systemelektroniker, Fachinformatiker, IT-Systemkaufmann oder Informatikkaufmann oder Seiteneinsteigern im IT-Sektor zu, sondern auch für die Mitarbeiter anderer technologiebasierter Wirtschaftszweige. Wer vor 30 Jahren KFZ-Mechaniker gelernt hat, kommt heute ohne Know-how der sich neuen technischen Veränderungen am Automobil nicht aus. Für fast alle Berufe gehört heute der selbstverständliche Umgang mit Computer, Internet und Technik zum Rüstzeug. Das Wissen über Internetnutzung, Hard- und Software bis hin zu den Branchenanwendungen ist nicht nur ein wesentlicher Faktor der Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen, sondern mittlerweile eine unverzichtbare Schlüsselqualifikation in nahezu allen Wirtschaftszweigen.

Erwerbsbiografien wie die von Michael J. wird es immer seltener geben. Der Arbeitsmarkt von heute ist nicht mehr geprägt durch Vollbeschäftigung und standardisierte Erwerbsverläufe – also Schule, Abschluss, Berufsausbildung oder Hochschulstudium und dann eine unbefristete und gesicherte Anstellung bis zur Pensionierung. Die unbefristete, Existenz sichernde Beschäftigung war einmal. Heute bestimmen atypische Beschäftigungsverhältnisse wie Arbeit auf Abruf, Befristung und Scheinselbständigkeit die neue Arbeitswelt. Teilzeit ist mittlerweile so stark verbreitet, dass kaum noch von atypischer Beschäftigung gesprochen werden kann. Die persönliche Erwerbsbiografie ist unstrukturierter und zunehmend geprägt von Stellenwechseln und Erwerbsunterbrechungen. Frauen wollen heute arbeiten, so dass sich die traditionelle Alleinernährerfamilie überlebt hat. Berufsbiografien verlaufen nicht mehr geradlinig, sondern müssen in Zukunft stärker durch Phasen der Kindererziehung, Pflege von Angehörigen und auch Weiterbildung unterbrochen werden. Es ist nicht ausreichend nur eine (Aus-)Bildungsphase zu durchlaufen. Moderne Arbeitswelten erfordern häufige und über den Lebensverlauf verteilte Phasen von Bildung und Weiterbildung. Dabei sollten die Arbeitnehmer Bildung nicht nur als Pflicht verstehen, sondern auch als Möglichkeit sich selbst zu verwirklichen und ihr (Erwerbs-)Leben aktiv zu gestalten.

Nicht nur die Bürger sind in die Verantwortung zu nehmen, sondern auch Wirtschaft und Politik. Die Wirtschaft muss auch aus Eigeninteresse mehr zu Weiterbildungsmaßnahmen anhalten und diese fördern. Die Politik sollte zum einen die Notwendigkeit der Weiterbildung klarer herausstellen und Strukturen schaffen, die besser lebenslanges Lernen ermöglichen und stärker dazu motivieren. Gäbe es eine intensive Debatte um die Notwendigkeit von lebenslangem Lernen, würde Michael J. verstehen, dass es für die jüngere Generationen auf eine kontinuierliche (Weiter-)Bildung ankommt.

Rita Nikolai ist Leiterin der Projektgruppe „Education and Transitions into the Labour Market“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Christian Brzinsky-Fay, Christian Ebner und Marcel Helbig sind Doktoranden in der Projektgruppe.

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