Wissen : Mit einem Blick

Farbe und Form werden nacheinander erkannt

Wer sich ein Bild ansieht, nimmt nicht alle Gegenstände gleichzeitig wahr. Vielmehr realisiert der Betrachter die verschiedenen Farben und Formen nacheinander, wie Forscher um Liqiang Huang von der amerikanischen Princeton-Universität im Fachjournal Science (Band 317, S. 823) schreiben. Lediglich die Verteilung der Gegenstände im Raum ist von dieser Art der Wahrnehmung ausgenommen. So können etwa bei einem klassischen Stillleben die Positionen von Obstschale, Blumen und Wasserflasche gleichzeitig erfasst und parallel verarbeitet werden. Was bewusst wahrgenommen wird, ist demnach nicht der aktuelle Inhalt des optischen Arbeitsspeichers, sondern das, was schnell und gezielt aus anderen Speichern abgerufen werden kann, erklären die Forscher.

Beim Betrachten einer Szene orientiert sich das visuelle System an einigen grundlegenden Größen. Dazu gehören die Farbe, die Form und die Bewegungsrichtung der Gegenstände sowie ihre räumliche Dichte, ihre Position und ihre Orientierung. Bereits seit längerer Zeit vermuten Psychologen, dass die Wahrnehmung dieser Eigenschaften nicht gleichberechtigt ist. So scheint ein Beobachter zwar mehr als eine Position im Raum gleichzeitig erfassen zu können, nicht jedoch mehr als eine Farbe oder Form.

Um diesen Zusammenhang genauer zu untersuchen, testeten die Psychologen das Wahrnehmungsvermögen von insgesamt 78 Freiwilligen. Sie zeigten ihnen entweder gleichzeitig oder nacheinander zwei übereinander stehende, unterschiedlich gefärbte Quadrate auf einem Monitor. Anschließend sollten die Versuchsteilnehmer bei einem weiteren Quadrat angeben, ob sie dessen Position oder Farbe zuvor bereits gesehen hatten.

Das Ergebnis: Sich an die Position zu erinnern, fiel den Teilnehmern leichter, wenn sie beide Quadrate simultan gesehen hatten. Die Farbe blieb hingegen besser im Gedächtnis, wenn die Figuren nacheinander auf dem Bildschirm erschienen waren. Ein ähnliches Resultat zeigte auch ein zweiter Test, bei dem sich die Probanden auf Farbe und Position von einem oder zwei Quadraten konzentrieren sollten.

Mehrere Positionen können anscheinend gleichzeitig als Muster oder Einheit erfasst werden, so dass sie nicht miteinander konkurrieren, schließen die Forscher daraus. Bei Farben funktioniert das hingegen nicht: Hier braucht jeder Farbton die gesamte zur Verfügung stehende Kapazität, so dass verschiedene Farben hintereinander bearbeitet werden müssen. Demnach wird beim ersten Blick auf ein komplexes Bild eigentlich nur die räumliche Anordnung einer einzigen Farbe registriert, gefolgt von der Verteilung der nächsten und so weiter, erklären die Forscher. Das laufe jedoch so schnell ab, dass die Zeitverzögerung nicht bewusst wahrgenommen wird. ddp

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